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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Eine Replik auf verschiedene Einträge

Ich habe ein wenig gezögert mit einer Antwort auf Ihre letzten Einträge in den Blog. Sie werfen ja immerhin die Frage nach der Qualität von „Sport, Gott und die Welt“ auf. Da hier immer mehr von Sport, immer weniger von Welt – und schon gar nicht von Gott die Rede war in der letzten Zeit kann man sagen: diese Qualitätsfrage wird mit einem gewissen Recht gestellt; obwohl: Sie legen ja Wert auf die Begrifflichkeit, denn es sei, so Ihre Aussage, schließlich eine Sport-Kolumne, damit dann wohl auch der Blog. Entscheiden Sie sich doch bitte einfach was es sein soll. Denn dann wird niemand mehr von „schleifen lassen“ oder „schleifen lassen“ reden. Zweimal? Um die Doppeldeutigkeit zum Ausdruck zu bringen. Ich gebe ja der Vermutung Raum, dass Sie den Blog im Sinne eines Auftrags zum „schleifen“ „schleifen lassen“ wollen. Also kurz: jemand soll ihn in eine schöne Ruine verwandeln. Warum? Das bleibt dann Ihr Geheimnis. Es bleibt das magere Äußere einer vormals schönen Burg übrig, drinnen ist nichts mehr. Oder wenig. Soweit der Verschwörungstheoretiker Hauschild.

 

Nun ja, immerhin kommt mit den letzten Einträgen ein wenig Welt in den Blog. Lampedusa? Zwischen Gesinnungsethik und Stammtisch? Sie können es wohl nicht lassen, die Gesinnungsethik gegen die Verantwortungsethik auszuspielen. Ich protestiere gegen diesen Dualismus, der keiner ist, oder doch keiner sein darf. Die Urfigur der modernen Gesinnungsethik, die natürlich auch keine war, die Moralphilosophie Kants, hat diesen Unterschied nie gemacht. Ganz im Gegenteil: der kategorische Imperativ beschreibt, welchen Handlungen allein moralische Qualität und ethischer Wert zukommt unter strengster Beachtung der Würde, der Position und der Freiheitsrechte anderer. Mit anderen Worten: jede Gesinnung findet ihren Prüfstein und ihre Grenze in der Verantwortung für die Wahrung der Rechte anderer.

 

Die Verantwortungsethik ist – aus meiner Sicht – als Begriff und Attitüde nicht anderes als ein Euphemismus, denn dieser Begriff relativiert alles, was an gesellschaftlichen und kulturellen Werten gelten könnte in einen zuweilen unerträglichen Pragmatismus. Unter diesem Pragmatismus versteckt man dann alle überzeitlichen Werte, derer wir für eine politische Gestaltung sehr wohl bedürfen. Der Spaßgesellschaft sind diese Werte im Zeitalter des Relativismus sehr wohl verloren gegangen – und man merkt es ihr täglich an. Es gibt keine Ziele mehr, keine verbindenden Visionen, keinen Plan schlicht, nach dem eine so differenzierte Gesellschaft in die Zukunft geführt werden könnte. Genug davon. Wie hieß es hier in diesem Blog einmal: .. das Gejammere älterer Herren“. Da waren auch Sie, lieber Herr Steines, gemeint. Aber ein in diesem Sinne jammernder Steines ist mir lieber als ein Pragmatiker.

 

Zu Lampedusa: es gibt ein Lösung, die unter moralischen und gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten die einzig mögliche ist: unter dem weltpolitischen Versuch, die Gründe für die Massenflucht zu beseitigen, mag man sie aufnehmen. Aufnehmen kostet Geld, soziale und ökonomische Grundlagen im Herkunftsland herzustellen auch. Wie eigentlich beteiligen sich die wirklich Wohlhabenden dieser Welt an diesen Problemen, ich vermute nicht proportional, also sie kommen zu billig dabei weg. Aber das Wichtige ist: all diese Menschen aus fernen Ländern, auch europäischen übrigens, sind fremd. Die deutsche Bevölkerung ist in jeder Hinsicht mit dieser Fremdheit überfordert. Und niemand hat Verständnis für diese Überforderung. Wie soll man fremde Kulturen und befremdliche Verhaltensweise akzeptieren, wenn niemand den Eindruck hat, dass eine westeuropäische Kultur, unsere Werte, von diesen Gästen, die sie ja schließlich sind, auch nur ernst genommen wird. Die Politik aber muss dieses Fremdeln ernst nehmen. Vermitteln Sie doch den aufnehmenden Gastgebern den Eindruck, dass auch ihre Ängste zur Kenntnis genommen werden, dass ihre Werte gelten und, bedeutsam, dass die Gäste dazu angehalten werden, sich als solche zu verhalten; der Eindruck bleibt, dass all diese Flüchtlinge, die unter moralischen (und christlichen) Gesichtspunkten hier eine Bleibe finden müssen, ihrerseits den Anspruch erheben, mit ihren zum Teil seltsam anmutenden, lauten und dominierenden Verhaltensweisen auf der richtigen Seite sind. Sind sie nicht. Diese Menschen müssen lernen, sich den zivilisatorischen und kulturellen Gepflogenheiten ihres Gastlandes anzupassen. Sie müssen lernen, lernen, lernen, sie müssen ihre Gastgeber als genau das akzeptieren. Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Auffassung in der Politik mehrheitsfähig ist. So lange die Politik dazu duckmäuserisch schweigt, werden wir diese Probleme nicht in den Griff bekommen – und die ängstlichen Innländer fremdeln weiter, mit möglicherweise schrecklichen Folgen. Politisch formuliert: wir müssen humane Asylpolitik verbinden mit einer angemessenen Sozialpolitik aber eben auch mit einer ordnenden Innenpolitik.

 

Abschließend zurück zum Blog, zur Ethik und zum Sport. Der Blog hatte vor einiger Zeit so ganz das Zeug dazu, verschiedenste Menschen mit höchst unterschiedlichen Meinungen, Interessen und Stellungnahmen zusammenzubringen. Es gibt und gab einen solchen Blog weit und breit nicht: Menschlichkeit, Verständlichkeit, Möglichkeiten zum Austausch, Niveau. Wo ist das geblieben? Der Autor des „Seemannsköpper“, der „Baumhausbeichte“, beides Dokumente tiefer Humanität, aber auch Ausweise eines mahnenden Außenseitertums, einer gegen den Zeitgeist gerichteten Geste, hätte die Fähigkeiten, eine solche Plattform zu bieten. Er tut es nicht. Warum? Weiß ich nicht. Wenn er nicht mehr mag, weil er sagen muss: „satis est“, jedes Verständnis, denn irgendwann, ich merke dies gerade an mir selber, reicht es wirklich. Was aber anderes als „Gesinnungsethik“ ist es, wenn er, mit einigem Recht, immer wieder z.B. die „Ware Sport“ gegen den „wahren Sport“ setzt oder natürlich umgekehrt. Pragmatiker, also Verantwortungsethiker können ihr relativierendes Sprüchlein dagegen setzen; dies aber zeigt doch nur, wes positives „Geistes Kind“ g.w. letztlich ist. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle