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Sonntag, 6. Oktober, 6.50 Uhr

Powetkinsches Dorf. Stichwort für den Einstieg in die “Montagsthemen”. Die Verballhornung geistert mir seit dem Gewürge vom späten Abend durch den Kopf, dabei droht mir das richtige Wort abhanden zu kommen: Potemkinsches Dorf. Den Potemkin und sein aufgemotztes Dorf muss ich nachher noch mal nachlesen, die Verballhornung auch. Nicht bei Google oder im Duden, sondern im eigenen Archiv, denn über beides habe ich schon geschrieben, sagt die Erinnerung.

Klitschko war seinem Gegner hoch überlegen, die Bayern Bayer noch höher, am überlegensten war der BVB gegen Gladbach. Das war die Steigerungsform vom Positiv über den Komparativ zum Superlativ. Rückwärts geht’s auch, vom aufgemotzten Superlativ zum Negativ: Klitschko gewinnt nach Punkten, Bayern teilt sie sich, Dortmund verliert sie.

Vettels Überlegenheit ist auch ein Superlativ, der zum Negativ runtergedreht wird, aber nur von seinen Neidern. Fährt der Junge schon? Anschauen tue ich das nicht, habe schon zu viel Sport geguckt. Schaue nur manchmal in den Agenturticker. Noch herrscht Ruhe.

Überhaupt ist die Nachrichtenlage der Nacht sehr ruhig. Auch Lampedusa verschwindet langsam aus dem Fokus. Wie soll man dieses Elend beenden, ohne unrealistische Gesinnungsethik, die das Elend noch verschlimmern würde, und ohne rechte Stammtischparolen? Je mehr Flüchtlinge durchkommen, desto mehr kommen nach und desto lukrativer wird das massenmörderische Geschäft der Schleuser. Es sei denn, wir richten eine kostenlose Luft- und Wasserbrücke ein und laden alle Mühseligen und Beladenen (und damit leider auch alle Lichtscheuen und Kriminellen) ein, zu uns zu kommen. Gibt es irgendeine funktionierende menschliche Lösung? Der Papst und der Bundespräsident haben kraft Amtes gut reden, wenn sie gut reden.

Lampedusa. Früher wollte ich immer mal dorthin, war auch fast schon in der Nähe, auf einer Insel vor Sizilien (dort, wo sie Thunfischfang zum meerrotfärbenden Spektakel gemacht hatten, bis dort keine Thunfische mehr kamen; wie heißt die Insel? Vergessen. Vielleicht Favegnana?). Lampedusa, das Wort wirkte anziehend, auch wegen des Autors des “Leoparden”, Tomasi di Lampedusa. Der mit dem geflügelten Wort, an das sich der sizilianische Adel nicht hielt und daher unterging: Man muss alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.

Baumhausbeichte - Novelle