Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 7. Oktober)

Wieder nur ein Powetkinsches Dorf, das als gefährlichster Gegner aller Klitschko-Zeiten aufgemotzt worden war. Ein Boxer wie die prächtig bunten Dorfkulissen, die ein russischer Fürst vor dem Besuch der Zarin Katharina II. aufbauen ließ und hinter denen … nichts war.
*
Nun lauert auch hinter einigen prominenten deutschen Gesichtskulissen, die wir im Fernsehen erblicken, das nackte, leere, grauenvolle Nichts, aber in solche halbphilosophischen Abgründe will ich heute nicht stürzen (schlimm abgestürzt bin ich am Samstag, dazu gleich). Doch wie hieß jener Fürst wirklich? In der Powetkin-Verballhornung droht mir das richtige Wort abhanden zu kommen. Po …? Ah, ich hab’s: … temkin.
*
Die Verballhornung bekam ihren Namen durch den Buchdrucker Johan Balhorn, dem im 16. Jahrhundert einige besonders sinnentstellende Schreibweisen unterliefen, eigentlich müsste die Verballhornung also Verbalhornung heißen. Was mir im »Sport-Stammtisch« unterlaufen ist, war dagegen eine echte Ver-Ball-Hornung. Daher nutze ich die mir selbst gegebene Steilvorlage (eine Modebinse, die ich ansonsten meide wie manch andere Wort-Pest), um gleich mehrere schöne Eigentore zu schießen: Hummels (und Lahm), so im »Sport-Stammtisch« geschrieben, wäre(n) nie so blöd wie jener Freiburger Mehrfach-Dödel, im Strafraum wegen einer vagen Chance des Gegners so dappisch zu foulen, dass sie zur doppelten Strafe ein Elfmetertor und die rote Karte einfangen und dadurch das Spiel verlieren. Und was macht Hummels in Mönchengladbach?
*
Nächstes Eigentor: Wie Lieberknecht tanzte und befreit lachte, als Kumbela das 2:0 schoss, wie ihm die reine Freude aus dem Gesicht strahlte, das widerlegt meine Theorie der nur noch grimmigen Genugtuung und der Gemeinsamkeit von Sex und Torschuss: Gelacht dabei und danach wird nicht.
*
Zum Dritten: Dass Dortmund nach dem zweiten Spieltag die Führung übernimmt und nicht mehr abgeben wird, diese meine Expertise als Fußball-Fachmann hat den Spieltag ebenfalls nicht überlebt. Nur bei Braunschweig bleibe ich beim Samstags-Unken, trotz aller Mitfreude über den herrlichen Sieg in Wolfsburg: Auch der Weg zurück nach unten kann ein guter Weg sein. Hoffentlich bleiben sie sich treu. Abgestiegen wird sowieso.
*
Klitschko war seinem Gegner hoch überlegen, die Bayern in Leverkusen noch höher, am überlegensten war der BVB gegen Gladbach. Grammatisch die Steigerungsform vom Positiv über den Komparativ zum Superlativ, funktionierte es diesmal sportlich auch rückwärts: Klitschko gewinnt nach Punkten, Bayern teilt sich zwei mit Bayer, Dortmund verliert sie alle drei. Beim BVB ahnte man allerdings schon früh, nach all den versemmelten Chancen, dass sich dies rächen würde.
*
Vettels Überlegenheit ist ebenfalls ein Superlativ, der zum Negativ runtergedreht wird, aber nur von seinen Neidern.
*
Womöglich täusche ich mich auch in Braunschweig. Meine kunstvoll gefalteten DIN-A-4-Flieger stürzen nach höchstens einem Meter steil ab, daher scheint mir in einer Stadt, in der soeben das größte Papierflugzeug der Welt, einen halben Zentner schwer und fünf Meter lang, 18 Meter weit geflogen ist und einen Guinness-Weltrekord aufgestellt hat, einfach alles möglich, sogar der Klassenerhalt.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle