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Sport-Stammtisch (vom 5. Oktober)

Ganz groß. Ja, klar, auch die Bayern. Aber vor allem: Eintracht Braunschweig. Steigt Liga für Liga auf, viele vom Drittligastamm sind auch in der Bundesliga noch dabei, Mannschaft, Führung und Fans genießen das unbeschreibliche Erstligagefühl, es wird unverdrossen weiter gekickt, auch wenn ein statistischer Negativrekord droht, und am Schluss wird stolz und ungebrochen abgestiegen, ohne den Trainer entlassen oder das Budget mit Panikkäufen überzogen zu haben. Auch der Weg zurück nach unten kann ein guter Weg sein. Hoffentlich bleiben sie sich treu. Abgestiegen wird sowieso. Aber dabei könnte der wahre Sport gegen die Ware Sport einen schönen Sieg erringen.
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Überlebensgroß: die Bayern. Was sie 75 Minuten lang boten, hat man bisher nur in Barcas besten Zeiten gesehen. Dennoch: Wäre Manchesters Scheich konsequent geblieben und hätte auch im Tor auf einen Engländer verzichtet – wie leicht könnte aus frappierendem Tiki-Taka brotlose Kunst werden. Des City-Scheichs Milliardärs-Kollege Ellison hat ja auch keinen Indianer aus den Rockys ans Oracle-Steuer gesetzt.
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Sorry. Für solch einen jämmerlich hinkenden Vergleich sollte man an den Marterpfahl gebunden und skalpiert werden, außerdem gehört Joe Hart in Normalform zu den rühmlichen Ausnahmen unter Englands Fliegenfängern.
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BVB, Bayern und Bayer schon weit voraus – da wärmt die FAZ einen alten Verdacht auf: Die Schiedsrichter entscheiden »im Zweifel für den Größeren«. Als Beispiel dient der Platzverweis des Freiburgers Diagne in Dortmund: »Es war eine Rote Karte, wie sie ein Freiburger nun mal bekommt, aber kein Dortmunder oder Münchner. Ist es vorstellbar, dass für diese Aktion ein Hummels oder Lahm vom Platz müsste?«
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Nein. Ist nicht vorstellbar. Denn solch ein dummes Foul begeht kein Hummels oder Lahm. Auch im wildesten Eifer des Gefechts kämen sie nie auf die Idee, mit einer täppischen Aktion eine vage Torchance zu verhindern und sie einzutauschen gegen die hochprozentige Gefahr des Gegentors (Elfmeter) und vor allem der Niederlage (Unterzahl).
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Wie zum Beweis, ja sogar wie zum naturwissenschaftlichen Beweis (dort müssen Forschungsergebnisse im Test wiederholbar sein), schritt Diagne in Sevilla erneut zur Tat: Stand 0:0, Notbremse, Platzverweis, Elfmetertor, Spiel verloren.
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Der Verdacht, dass Schiedsrichter die großen Klubs und großen Spielernamen unbewusst bevorteilen, ist nicht widerlegt. Manches spricht dafür. Aber nicht solche Beispiele.
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Frankfurt liegt geographisch in etwa auf halbem Weg zwischen München und Braunschweig, fußballerisch aber mittlerweile viel weiter südlich. Das kann ja noch heiter werden, vor allem in der Europaliga. Bei der Erlebnisreise von Mannschaft und Fans nach Zypern habe ich nur einen Namen vermisst: Rainer Rauffmann. Eintracht-Fans haben ihn in guter Erinnerung, nicht unbedingt als Klassefußballer, aber als echten Typen. Ende der 90er Jahre entwickelte er sich bei Omonia Nikosia zum zypriotischen Superstar, wurde mehrmals Torschützenkönig, 1998 sogar mit der Gerd-Müller-Quote von 42 Saisontoren.
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Dass Rainer Rauffmanns Name im Vorfeld des Nikosia-Spiels nicht auftauchte, liegt vielleicht auch daran, dass er nicht mehr Rainer, sondern Markos heißt: Rauffmann heiratete eine Zypriotin, ließ sich griechisch-orthodox taufen und umtaufen. Als er 2004 seine Karriere beendete, feierten ihn die Fans in Sprechchören mit dem gleichen Spruch wie Otto Rehhagel nach dem EM-Triumph im selben Jahr: »Ine trelos o germanos!« (Er ist verrückt, der Deutsche!).
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Noch einmal zu Lahm. Kritischer Profi oder kleiner Streber von der ersten Bank? Ich tendiere zum Streberlein, das den Mitspielern außersportlich auf die Nerven geht. Das Rumgeeiere vor und nach dem Spiel in Manchester sollte mein Vorurteil bestätigen – doch dann las ich die ganze Geschichte in der »Zeit« nach, und siehe da: Die paar Lahm-Zitate in einem Artikel, in dem es um Emotionen im Fußball geht, wurden in der Tat mehr als überinterpretiert und können nur mit tendenziöser Mühe auf Sammer alleine bezogen werden.
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Emotionen im Fußball: Am reinsten, am typischsten beim Torjubel. Wer erinnert sich noch an Gerd Müller? Sprang steil in die Luft, strampelte mit den dicken Beinchen und strahlte, strahlte, strahlte. Mit Boris Becker kam die gleichnamige Faust der grimmigen Genugtuung in den Sport, bei Jürgen Klopp entgleisen die Gesichtszüge ins Horrorgenre, beides immerhin noch echte Gefühlsausbrüche nach Lusterfüllung. Bei den heutigen Spielern wird nur noch inszeniert: Finger am Mund, Hand am Ohr, Hand auf Herz und/oder Vereinswappen, doppelter Rückwärtsdaumen auf Vereins- und Eigenname und und und. Fast nie zu sehen: Freude, Lachen, Spaß.
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Warum bloß? Eine weitere beliebte Inszenierung als Indiz: Daumen im Mund als intime Offenbarung eines Befruchtungserfolges. Auch dabei keine Freude, kein Spaß zu erkennen, sondern nur … Befriedigung.
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Gemeinsamkeit von Sex und Torschuss: Gelacht dabei und danach wird nicht. Als ich vor Jahren ins bildungsbürgerliche Zitatenkästlein griff und »post coitum omne animal triste, sive gallus et mulier« herauszog (jedes Tier ist nach dem K. traurig, außer dem Hahn und der Frau), protestierte unser Leser Douglas Herbert (Bad Nauheim): »Es ist wirklich rührend, wie Sie sich in der K-Frage um Ihre liebste Zielgruppe kümmern, jedoch muss ich die Damenwelt leider enttäuschen, denn so wie ich mich erinnern kann, lautet der Spruch: ›omne animal post coitum triste, praeter gallum, qui cantat‹.« – »Außer dem Hahn, der kräht« – Die »Zeit« bestätigt jetzt diese Version, aus Anlass der Boris-Becker-Biographie, und folgert: »Sehr schön, denn nun wissen wir, wer der Hahn ist.«
Und ich weiß: Wenn Becker kräht auf seinem Mist, bleibt der Boris, wie er ist. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle