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Sport-Stammtisch (vom 28. September)

Wer bin ich? Mein Leben wird sich ändern, für einen Tag, und ich werde keine Freude an dem haben, was für andere, für viele, ja, heutzutage für die meisten Menschen das höchste Glück dieser Erde zu sein scheint: Im Mittelpunkt zu stehen, im grellen Licht der Öffentlichkeit, von Kameras umzingelt, die jede kleinste Gemütsregung festhalten und in die Medienwelt transportieren.
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Nein, das ist keine neue Folge unserer Rate-Serie. Apropos: Aus der letzten, der Brunhilde-Runde, muss ein Name nachgetragen werden: Franz Held aus Allendorf hat wie 47 andere Teilnehmer die richtige Lösung gefunden, seine rechtzeitig abgeschickte Postkarte fand leider etwas zu spät den Weg zu mir. Und wenn ich schon mal in jener Rubrik bin, die vornehme Blätter »Erratum« nennen und die bei mir »Dumm gelaufen« heißt: In der Gesamtwertung rückt Paul-Gerhard Schmidt aus Nieder-Ohmen mit acht statt sieben Punkten einen Platz nach vorne. Dennoch freue ich mich über die beiden Fehlermeldungen, denn bei meiner Schusseligkeit befürchte ich immer viel mehr und noch dümmer Gelaufenes.
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Zurück zu dem Mann, der mit Sicherheit und mit Sicherheit ungern für einen Tag in den Mittelpunkt rücken wird: Zeljko Buvac heißt er, intern genannt »Das Gehirn«, seit 13 Jahren Co-Trainer von Jürgen Klopp, den er am Dienstag im Champions-League-Spiel gegen Marseille auf der Bank, am Spielfeldrand und im Trainer-Viereck ersetzen muss, was dort zumindest für den vierten Schiedsrichter eines BVB-Spiels eine angenehme Abwechslung werden dürfte.
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Als Buvac jetzt in der »Welt« als Klopps »Schattenmann« vorgestellt wurde, unterlief der Zeitung gleich im ersten Satz ein bezeichnender Fehler, denn sie schrieb seinen Vornamen falsch (»Zeljlko«), was – ebenso bezeichnend – kaum jemand aufgefallen sein dürfte. Zeljko Buvac hat in all den 13 Jahren als Klopps »Co« kein einziges Interview gegeben, aus Prinzip, und alleine das verschafft ihm einen vorderen Platz unter meinen ganz persönlichen »Anstoß«-Helden.
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Buvac redet nur auf dem Trainingsplatz, und dann haben die BVB-Stars vor ihm vielleicht sogar noch mehr Respekt als vor Klopp. »Jeder hat andere Talente. Meines ist, ein gutes Training zu machen«, ist eines der wenigen überlieferten Zitate von ihm, gefunden im Internet und ohne jede Gewähr hier nachgedruckt.
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Ob er seine Interview-Abstinenz durchhalten kann? Wohl kaum, obwohl der gesperrte Klopp eine Viertelstunde nach dem Abpfiff wieder lautsprechen darf. Wenn Buvac am Dienstag auf großer Bühne auftritt, ist das ungefähr so, als träte der Komponist eines Stones-Liedes auf, während Mick Jagger nur backstage herumhampeln dürfte.
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Ja, klar, der Vergleich hinkt, Jagger ist meist auch der Mitkomponist. Zweiter Versuch: Wenn Klopp wie Jagger herumderwischt, wird Buvac eher Joe Cocker ähneln, wie ans Mikrofon gekettet und nur mit den Armen roboterhaft zuckend … ach was, Schluss mit den blöde hinkenden Vergleichen. Aber bleiben wir bei Fußball- und Musik-Bühne: Cocker wird erst nächstes Jahr 70, Julio Iglesias hat das bereits in dieser Woche geschafft.
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Julio Iglesias? Ältere erinnern sich: Der größte Aufreißer unter den Sportlern, noch vor Ex-Basketballer Dennis Rodman (»Ich hatte Sex mit 2000 Frauen«), denn Iglesias hat eigenen Angaben zufolge erst bei 3000 aufgehört zu zählen. Weil er altersbedingt nicht mehr kann oder nicht mehr zählen kann? – Meine Vermutung, Rodman, Iglesias und andere Maulhelden ihres Schlags haben viel weniger Schlag bei den Frauen, als sie es ihnen und uns vormachen wollen. Sind auch nur arme wilde Hunde (wie manche andere auch, nachzulesen heute in der »Nach-Lese« im Kulturteil).
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Anderes Thema. Die Leichtathletik-Saison ist beendet, Anlass zu einer Notiz, die man mir übelnehmen wird: In einer der letzten Kolumnen habe ich behauptet, dass 18 olympische Ringer-Disziplinen einige zu viel sind, heute provoziere ich hinzu: Auch andere Sportarten könnten ruhig disziplinschrumpfen, durch Gewichtszusammenlegungen (Boxen usw.) oder Streichungen, sogar in der Leichtathletik: Ein Sprint (200 m) weniger, nur eine Mittelstrecke (1000), neben Marathon nur eine Langstrecke (10 000), und bei den Würfen könnte ebenfalls einer wegfallen (Hammer? Diskus als Rotationswurf reicht). Ach ja, und dann würde ich die Drehstoßtechnik verbieten, da als dritte Rotation besonders überflüssig und sowieso mehr ein Glücksspiel. Schließlich wurde schon früher, in den 50er Jahren, die Speerwurf-Rotationstechnik verboten, zwar wegen des Risikos, aber immerhin: Es geht. Wenn man will. Nur: Wer will das schon? Nicht mal ich. Aber ein Denkansatz schadet ja nicht.
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Beinahe hätte ich vergessen zu erwähnen, was Julio Iglesias mit Fußball zu tun hat: Er war, bevor er Schnulzen sang, Ersatztorhüter von . . . Real Madrid! Lang, lang ist’s her. Aber damals hat er wohl begonnen, die Zahl der Tore, die gegen ihn fielen, mit der von Frauen zu verwechseln, die auf ihn reinfielen. – Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle