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Gewohnheitstiere und wilde Hunde (“Nach-Lese” vom 28. September 2013)

»Ein Mensch, der um ein Uhr nachts einsam an einer Ampel steht, auf zwei Kilometer Sicht kein Auto, und der dann auf Grün wartet, leidet sehr wahrscheinlich an einer komplizierten psychischen Störung.«
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Wohl wahr. Gelesen in Harald Martensteins Kolumne im »Zeit«-Magazin. Martenstein zitiert auch eine Umfrage in der »Süddeutschen Zeitung«, nach der 80 Prozent der deutschen Politiker zugeben, »zumindest in gewissen Situationen bei Rot eine Straße zu überqueren. Einzige Ausnahme: die CSU. 53 Prozent der CSU-Abgeordneten bleiben angeblich bei Rot stehen, egal, was passiert, vermutlich auch bei Starkregen oder wenn ein Wahnsinniger mit gezückter Waffe hinter ihnen her ist.«
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Lügen die Politiker dort unten in Bayern? Glaube ich nicht. Nicht alle jedenfalls. Obwohl eigenwilliger Umgang mit der Wahrheit einem CSU-Politiker einst sogar zu einem legendären Spitznamen verhalf: Friedrich »Old Schwurhand« Zimmermann. Aber gehen wir einmal davon aus, dass die meisten CSUler tatsächlich bei Rot stehen bleiben, auch nachts, bei Starkregen, mit der gezückten Waffe eines Wahnsinnigen im Nacken. Wie viel CSU steckt dann in Ihnen? Wie viel davon in mir steckt, das weiß ich. Seit dem 4. Dezember 2011. Ein historisches Datum. Für mich. Warum? Dazu später.
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Gegen welches Verbot würden deutsche Politiker am liebsten verstoßen? So verwegen und gesetzlos wie Friedrich Merz, der als Jugendlicher im Sauerland mit dem Mofa über nicht für den Verkehr freigegebene Feldwege bretterte, mag keiner mehr sein. Merz (wer ihn vergessen hat: eines der ersten Merkel-Opfer in der CDU) hoppelte einst sogar ohne Helm über Grüne-Plan-Wege, der wilde Hund!
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Heute verlockt manche der heimlichen Revoluzzer eher eine andere kleine Freiheit. Die vor der roten Ampel. So fühlt sich EU-Kommissar Günther Oettinger »gelöster« als früher. Im »Zeit«-Interview freut er sich: »Hier in Brüssel könnte ich bei Rot über die Ampel gehen.« Was für Politiker ein Traum vom Glück zu sein scheint, denn zuvor schon hatte Ole von Beust in der »Süddeutschen Zeitung« über wonnige Freuden nach dem Ausstieg aus der Politik frohlockt: »Ich kann wieder bei Rot über die Ampel gehen.« Wilde, arme Hunde.
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Aber noch lange nicht so wild wie der notorisch verhaltensauffällige Fußballtrainer Peter Neururer. Vor einigen Jahren verulkte ihn der »Spiegel«: »Mit seinen Goldkettchen, dem Schnauzbart und der bisweilen etwas gestrigen Langhaarfrisur passt Neururer in jeden Manta.« – Manta? Ach was! Wenn er in seiner Zeit als Trainer in Saarbrücken »im Porsche bei Rot über die Ampel brauste, frohlockte er dort einmal, ›klatscht die Polizei Beifall‹« (»Spiegel«).
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Aber das nur am Rande. Und nun zum persönlichen Erleben: Vor einigen Tagen hatte ich im Krankenhaus zu tun, stellte mein Auto (kein Porsche, kein Manta) auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz ab, zog am Automaten mein Kärtchen, erledigte meine Verrichtungen, ging zum Automaten zurück, steckte das Kärtchen hinein, bezahlte die (stolze!) Gebühr, das Kärtchen flutschte wieder heraus, ich nahm es und fuhr gen Ausfahrt, zur Schranke, um es in den dortigen Automaten zu stecken, was die waagrechte Schranke in die Senkrechte bringt.
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Ja, klar, das Procedere kennt jeder, hier habe ich es etwas langatmig referiert. Aber aus gutem Grund. Denn die Schranke, wohl weil sie defekt war, reckte sich schon senkrecht dem Himmel entgegen, die Ausfahrt war frei. Dennoch steckte der Mann im Auto vor mir sein Kärtchen in den Automaten, der es aber nicht schluckte, sondern sofort wieder ausspuckte. Der Mann versuchte es immer wieder, von Mal zu Mal nervöser werdend, wild mit den Händen rudernd, verzweifelt auf den blöden Automaten schimpfend.
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Erst lachte ich, dann wurde ich ungeduldig, hupte und blinkte aber nicht, weil ich das herrische Anblinken und Anhupen sowieso nicht mag. Ich dachte an jene Eingeborenen im Dschungel, die erstmals einen Fernseher sahen – aber nicht den Film, der ihnen gezeigt wurde. Sie sahen nur das Gerät, das Ding an sich, das wahr war, aber nicht das, was es zeigte, weil das nicht wahr sein konnte.
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Das Gehirn des Mannes vor mir  funktionierte offenbar wie das der Eingeborenen im Dschungel: Es registrierte das, was es kannte: Den Automaten, die Parkkarte, aber nicht die geöffnete Schranke, denn die konnte ja gar nicht geöffnet sein, weil sie erst durch das Hineinstecken der Karte geöffnet werden konnte. Der Mann wurde immer nervöser, aufgebrachter, ich öffnete die Tür, wollte aussteigen und ihn behutsam darauf aufmerksam machen, dass man ja vielleicht auch einfach so … da riss er noch einmal die Arme in die Höhe, gab Gas und raste mit quietschenden Reifen davon, sehr offensichtlich mit der Angst im Nacken, bei frevelhaftem Tun ertappt zu werden.
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Ein Spießer? Obrigkeitshörig, kein wilder Hund, sondern zahmes Gewohnheitstier, vom System domestiziert? Vielleicht. Aber kein Grund zur Überheblichkeit. Rückblende: 4. Dezember 2011. Wie seit vielen, vielen Jahren fahre ich auch an diesem Sonntag sehr frühzeitig in die Redaktion. An der großen Kreuzung vor der Stadt halte ich an, wie immer, wenn sie mich rot anleuchtet.
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Es ist also Sonntag. Sechs Uhr früh. Die Kreuzung ist von allen Seiten weit einsehbar, die regennassen Straßen sind nach einem Platzregen weit und breit menschen- und autoleer. Und ich frage mich plötzlich zum allerallerersten Mal: Warum halte ich hier jedes Mal um diese menschenleere Zeit an der roten Ampel?
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Einer der Klitschkos hat mal gesagt, das erste, was ihm in Deutschland aufgefallen sei, waren Autos, die nachts um zwei einsam und allein vor roten Ampeln standen. An welcher komplizierten deutschpsychischen Störung leide ich? Ich gebe mir einen Ruck … und fahre bei Rot über die Kreuzung. Mit dem wohligen Schauer im Nacken, eherne Regeln zu brechen.
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Oettinger, Merz, von Beust, der Mann vor der geöffneten Schranke – wir armen wilden Hunde. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle