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Sport-Stammtisch (vom 21. September)

Wer wirkt unangenehmer, der Besserwisser oder der Rechthaber? In Personalunion ist er ganz und gar unerträglich, daher unterlasse ich jegliche Besserwisserei (BVB) und Rechthaberei (Fink) und … nein, ich schaff’s einfach nicht.
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Also: Wenn Klopps emotionaler Fußball so richtig läuft, gehört er zum Nonplusultra des modernen Ballsports, aber er läuft auch latent Gefahr, von den eigenen Emotionen hektisch übermannt und – buchstäblich kopflos – besiegt zu werden. Selbst beim über alle Maßen gefeierten 6:2 gegen einen erbärmlichen HSV bestand diese Gefahr, sie wurde fast zu spät durch ein paar Geniestreiche gebannt. Erst dann lief’s. In Neapel lief’s nie, auch weil die Italiener Meister im Kopflosmachen sind. Und wenn dann selbst der Emotionsmeister kopflos wird ….
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Punkt zwei: Dass »Stallgeruch«, pseudostarkes Auftreten und »Grasfresser«-Plattitüden vielleicht in alten Lattek-Zeiten ankamen, heute aber keine gesuchten Trainerqualitäten mehr sind, dürfte sich langsam in der Bundesliga herumgesprochen haben. Aber vielleicht nicht bis Hamburg. Fink trat beim HSV mit der Selbstreferenz an, ein »Typ wie Klopp« zu sein und »ein bisschen Ahnung vom Fußball« zu haben. Schon das hätte alarmieren müssen. »Ein bisschen Ahnung«: Bezeichnend, da einerseits auftrumpfendes Pseudo-Understatement, andererseits womöglich unbeabsichtigte Ehrlichkeit.
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Klopp zeigt – leider – zu oft sein zweites Gesicht, aber danach, und das unterscheidet ihn unter anderem von Typen, die entgegen ihrer Überzeugung eben nicht wie Klopp sind, zeigt er auch Selbstkritik und vor allem: Demut. »Meine negativen Emotionen haben nicht dazu beigetragen, die Hektik aus dem Spiel zu nehmen«, gibt er zu, und »dass wir hier an guten Tagen, an denen der Trainer seine Nerven im Griff hat, durchaus was mitnehmen können. Doch da weder das eine noch das andere der Fall war, haben wir verdient verloren.« – Genau. Gleichzeitig ist das eine Bestätigung der These von Lust und Frust Kloppschen Emotionsfußballs.
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Demut. Dazu nur am Rande: Christoph Amend, großer Journalist und Chefredakteur des »Zeit«-Magazins (und sehr viel früher junger Reinschnupperer in unsere Redaktion), zitiert in einem Porträt von Michael Douglas einen angenehm demütigen Satz des großen Schauspielers: »Ich habe den Krebs überstanden.« Lance Armstrong, das Gegenbeispiel für Demut, hatte den Krebs noch »besiegt« und getönt: »Verlieren ist wie Sterben«. Was zu Armstrongs Glück nicht stimmt – denn zuletzt hat er nur noch verloren.
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Zurück zum Fußball: Lionel Messi schoss in dieser Woche mal wieder drei Champions-League-Tore, nächste Woche wird es für ihn nicht ganz so einfach, wenn er vor Gericht zum Vorwurf der Steuerhinterziehung Stellung nehmen muss. Was soll er bloß sagen? Etwa die (von mir vermutete) Wahrheit, dass er keine Ahnung davon habe, sich nicht dafür interessiere und einfach nur Fußball spielen wolle? Über Messi raunt es seit einiger Zeit, er sei Autist und leide an einer milden Version von Asperger.
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Asperger-Autisten gelten oft als Binnen- oder Inselbegabte, genannt »Savants«, Wissende. Menschen, die auf einem Spezialgebiet Genies sind, im Alltag aber fast Pflegefälle. Nun ist Messi womöglich ein Pflegefall in Sachen Finanzen, ganz gewiss aber ein Genie auf seinem Spezialgebiet. Wie auch Daniel Tammet, von dem vor einigen Jahren in dieser Kolumne die Rede war. Tammet lernte Deutsch in einer Woche, er spricht zehn Sprachen, zählt die ersten 22 514 Ziffern der Kreiszahl Pi auf und sagt, dass er viele beste Freunde hat. Sehr viele. Die Primzahlen.
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Ganz erstaunliche Dinger, diese Primzahlen. Kürzlich las ich in der »FAZ«, nach 271 Jahren sei endlich die Goldbach-Vermutung bewiesen, dass jede Zahl über 5 die Summe dreier Primzahlen sei. Gleichzeitig fand ich im »Spiegel« noch Erstaunlicheres: Die USA leiden unter einer Zikadenplage. Diese Tierchen haben Tammet-Talente, denn sie lieben Primzahlen, sogar buchstäblich, denn sie pflanzen sich im Primzahlenrhythmus fort. Alle 17 oder 13 Jahre (je nach Brutart) treten sie milliardenfach auf. Zuletzt, 2004 in Washington, »gab es in den Bars Zikadencocktails, Restaurants servierten Zikadengerichte«.
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Das wäre doch was für Tennis-As Novak Djokovic. Der verrät in seinem Buch »Serve to Win« die Geheimnisse seiner Fitness: Nur noch warmes Wasser trinken zum Beispiel, denn »kaltes Wasser verlangsamt die Verdauung und sorgt dafür, dass das Blut dort wegbleibt, wo ich es haben will: in meinen Muskeln«. Außerdem schwört Djokovic auf Proteinshakes aus Erbsen. – Dann doch lieber einen Zikadencocktail!
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Ein Tabu für Djokovic: Milch. Vielleicht fürchtet er, dass Milch zwar munter macht, aber mehr das Hirn als den Muskel. Ein Indiz dafür könnte der junge Albert Einstein sein (der, so wird vermutet, Asperger-Autist war, also ein Gehirn-Messi). Einstein soll erst als Zweijähriger seine ersten Worte gesagt haben, dafür aber gleich einen ganzen Satz: »Die Milch ist zu heiß.« Gefragt, warum er nicht vorher gesprochen habe: »Weil vorher alles in Ordnung war.«
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Ob man das alles glauben soll? Schon bei Daniel Tammet kommt Misstrauen auf. Als ich den Namen wegen der alten »Anstoß«-Anmerkung nachgoogelte, erfuhr ich, dass Tammet behauptete, er könne sich wegen seines Autismus keine Namen merken, dass er aber vor seinen öffentlichen Auftritten als »Savant« im Jahr 2000 unter seinem Geburtsnamen Daniel Corney an der WM im Gedächtnissport teilgenommen und die Disziplin »Namen und Gesichter merken« gewonnen hatte. Nun heißt es, er sei kein »Savant«, sondern reiner, hochtrainierter Gedächtnissportler. Ich halte mich daher an mein Lieblings-Graffito, vor vielen Jahren an einem Behördenhochhaus gesehen: »Ich glaub euch nix!« Und nun wählt mal schön. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle