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Sport-Stammtisch (vom 14. September)

Wieder einmal haben mich unsere Leser verblüfft. Die Reaktionen auf den vorgestern im »Anstoß« versteckten Blitz-Prolog der neuen »Wer bin ich?«-Runde … kaum zu glauben. Mehr dazu nächste Woche. Vorab aber herzlichen Dank für manche Anmerkungen zu »gw«-Kolumnen generell. Sehr schmeichelhaft, doch das soll dezenterweise unter uns bleiben.
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Aber auf den Arm nehmen lasse ich mich gerne öffentlich. Herbert Meyer (Wölfersheim) ergänzt seine Lösung (ob richtig, verrate ich nicht) mit dieser Anmerkung:  »Habe Sie zu meiner Studienzeit öfter auf dem Kugelberg trainieren sehen und Ihren Werdegang verfolgt. Unter Kollegen ist mir dann gelegentlich herausgerutscht, wenn es um leichtathletisches Wissen ging und hier und da um Ihre Person: ›Den kenn’ ich.‹ Das hat manchmal Eindruck gemacht. Früher – heute nicht mehr.«
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Tja. Leser Meyer weiter: »Auf jeden Fall sind Ihre Darstellungen immer wieder amüsant zu lesen. In letzter Zeit fehlen mir allerdings Ihre hellenistischen Ansichten, die wären vielleicht wieder einmal an der Reihe.«
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Damit kann ich dienen. Dank Polizei, Schalke und Mazedonien. Dröseln wir’s von vorne auf: NRW-Innenminister Jäger stößt die (leere) Drohung aus, keine Polizei mehr ins Schalker Stadion zu schicken. Leer ist die Drohung, weil: 50 000 auf engem Raum, das darf kein rechtsfreier Raum sein. Wenn Schalke heute nicht auswärts antreten müsste, gäbe es die Drohung erst gar nicht. Beim nächsten Heimspiel ist die Polizei wieder zur Stelle. Wetten!?
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Die Polizeiführung ist beleidigt, weil Schalkes Bosse den brachialen Einsatz im Spiel Schalke gegen Saloniki heftig kritisiert hatten. Und nun kommt der griechische Teil der absurden Geschichte: Die Polizei griff ein, weil im Schalker Block die mazedonische Nationalflagge gezeigt wurde, die von der Autonomieerklärung 1992 (nach dem großen Balkan-Kladderadatsch) bis 1995 gültig war, als Griechenland im Namensstreit um Mazedonien eine Änderung erzwang. Seitdem heißt Mazedonien »Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien« (EJRM), denn auch die Griechen haben diesseits der Grenze zur EJRM ihre Region Mazedonien. Hin und her und her und hin in diesem mazedonisch-mazedonischen Hickhack: Dass die Polizei eingriff, nur weil Saloniki-Fans sauer auf die Provokation reagierten, dass sogar zur Rechtfertigung des Polizeieinsatzes die Keule »Volksverhetzung« geschwungen wurde, ist überzogene Parteinahme in einem Konflikt, der uns nichts angeht. Prompt reagierte der EJRM-mazedonische Generalkonsul in Deutschland »entsetzt« auf die polizeiliche Gewalt und deren Begründung. Den Griechen dagegen war die Polizei noch zu zimperlich.
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Klar, die Flagge war pure Provokation. Aber eine eher verschmitzte, im Gegensatz zu manchen brummsdummen und gewaltverdächtigen Provokationen, zu denen Ultra-Gruppierungen neigen. Ginge es nicht um mazedonische, sondern um Bundesliga-Rivalitäten, zum Beispiel, wenn im Frankfurter Stadion Eintracht-Ultras im Spiel gegen Dortmund Schalker Flaggen hissten, trüge die Aktion nicht das Signum »Volksverhetzung«, sondern »Bundesliga-Folklore«.
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Also: Tiefer hängen! Zumal die Griechen vormachen, wie man mit solchen Konflikten umgeht: Nur mit Worten brachial, in der Sache aber … ist die EJRM der beste griechische Wirtschaftspartner überhaupt. Echt griechische Dialektik. Und die Mazedonier selbst sind bekannt friedfertige Menschen. Man denke nur an Mutter Teresa oder an einen weiteren mazedonischen Friedensfürsten, den wir Hessen sehr gut kennen und lieben: Oka Nikolov.
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Hinter der absurden Geschichte verschwinden fast die wahren Probleme: Harter Polizeieinsatz gegen Chaoten und Schläger, die unter dem Deckmantel des Fußballs Gesetze brechen und Leib und Leben anderer gefährden, ist ein Muss. Null Toleranz! Doch auch dann reagieren Klub-Bosse oft wachsweich, beschwichtigend oder sogar die Polizei (statt die eigenen »Fans«) verurteilend. Und dass nicht die Klubs, sondern die Steuerzahler die Polizei im Stadion finanzieren, gehört zu den Selbstverständlichkeiten, die keine sind.
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Bleiben wir kurz beim Fußball: »Wir müssen kratzen, beißen und kämpfen«, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink vor dem Spiel gegen Dortmund, in dem seine Mannschaft »nichts zu verlieren hat«. Die üblichen Nullstrom-Phrasen also. Absolut unüblich aber, wie HSV-Torhüter René Adler darauf reagiert: »Ich finde den Spruch abgedroschen und Quatsch.« Ist jemals ein Trainer von einem seiner Spieler derart bloßgestellt worden?
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Ringen bleibt olympisch. Und das ist auch gut so. Mit insgesamt 18 Disziplinen. Und das ist schlecht so. Wenn die Olympier schon ihre Gigantismus-Verhinderungsstrategie umsetzen, sollten sie den Disziplin-Wildwuchs einiger Sportarten eindämmen, statt ihn auf Kosten von Squash & Co. zu hegen und zu pflegen.
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Das Urteil der Woche in einem Wort: Burkini. Woraus man alles eine Staatsaffäre machen kann. Das durchaus vorhandene religiöse Problem tangiert selbst unter Muslimen nur eine Mini-Minderheit. Auch früher wollte/durfte der eine oder andere Mitschüler (-innen hatte ich leider keine) aus welchem Grund auch immer nicht am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen. Dessen Eltern gingen aber nicht zum Bundesgerichtshof, sondern zum Arzt und ließen sich ein Attest ausstellen: Schlotterknie oder Chlorallergie, irgendwas ging immer. Wenn man grundsätzlich etwas will, klappt das oft besser, wenn man nicht grundsätzlich wird.
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Apropos grundsätzlich: In diesem Zusammenhang offenbare  ich jetzt mal eine Wahlaussage, die von Lesern lange erhoffte und geforderte: Ich wähle Bouffier, weil er Gießener ist und ein guter Basketballer war. Ich wähle Schäfer-Gümbel, weil er nicht nur Gießener ist, sondern dort sogar in »meinem« Viertel aufwuchs. Überhaupt wähle ich alle Politiker, die auch »Anstoß«-Leser sind. Damit habe ich meine Kompetenz als homo politicus hoffentlich überzeugend bewiesen.
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Noch schnell eine hellenistische Ansicht, nicht von mir, sondern von Petros Markaris. In seinem neuen Roman »Abrechnung«, dem letzten Teil einer Griechen-Krise-Trilogie, spielt die Handlung  im Jahr 2014, und Griechenland ist zur Drachme zurückgekehrt. Realistisch? Ochi! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle