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Mittwoch, 11. September, 11.05 Uhr

Erst beim Schreiben der Eingangszeile fällt mir das Datum auf. Seltsam. So schnell (ver-)geht’s. Aber das nur am Rande. Wie im Zwischen-Sport-Stammtisch (steht schon online) angekündigt, folgt der Text des „Anstoß extra“ aus dem Jahr 2009. Hintergrund des Beginns: Es ging um einen Doping-„Skandal“ um Hoffenheimer Fußballer, die zu spät zum Test kamen.

 

Wie der Kampf gegen das Doping den Sport zerstört  –  Sport ist fort:  Abgesang auf ein kulturelles Phänomen des 20. Jahrhunderts

Zehn schwache Hoffenheimer Minuten und die neue Relativitätstheorie: Für clevere Doper alle Zeit der Welt, um »sauber« zu werden, für naive ungedopte Fußballer eine unerhebliche Zeitspanne, die Dopinghysteriker nutzen, um dem Fußball zu schaden. Dazu der sich immer entschiedener artikulierende Widerstand von Sportlern gegen den Antidoping-Überwachungsstaat im Staate – es rumort im Sport.  

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Dass Doping den Sport gefährdet, weiß jeder. Aber dass der Kampf gegen das Doping den Sport zu zerstören droht, in Teilen schon zerstört hat, wird gerne verdrängt. Denn: Warum gefährlich nachdenklich argumentieren, wenn man von edler ethisch-moralischer Warte aus so herrlich aktionistisch fordern kann?  

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Die sportzerstörerische Wirkung des Antidoping-Kampfes, sie ist keine dummfreche Behauptung von heimlichen Dopingsympathisanten, sondern logische Folgerung von echten Freunden des Sports, die wissen, worauf dieser beruht: auf Regeln. Sie sind die Grundlage des Sports, nur ihre für alle Sportler gleiche Gültigkeit, Überwachung und gegebenenfalls Ahndung garantieren den Sport. Und auch die Doping-Regeln sind »nur« Durchführungsbestimmungen, um den chancengleichen Wettkampf zu ermöglichen. Sport ohne Ethik und Moral ist nicht wünschenswert, aber möglich. Sport ohne Regeln: unmöglich.  

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Regeln dürfen sogar scheinbar sinnlos sein. Warum muss das Wurfgerät eines Kugelstoßers 7,257 Kilogramm wiegen? Warum nicht vier (wie bei den Frauen) oder zehn Kilogramm (Trainingskugel)? Der Sinn erschließt sich nicht durch die Zahl, sondern durch deren Gültigkeit für alle. Dies gilt aber ebenso unbedingt auch für jenen Teilbereich der Regeln, der unter der Überschrift Doping aufgelistet wird: Auch diese Regeln müssen nicht sinnvoll sein, aber ihre Einhaltung muss weltweit einheitlich überprüft werden können.  

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Bei den meisten sportlichen Regeln kein Problem: Fehlstart im Sprint, Fehlversuch im Sprung – leicht und sofort erkennbar. Genauso müssten Doping-Regeln sein. Sind sie es nicht (und sie sind es leider nicht), wird der Sport gegenstandslos und ein schlechter Witz wie ein Kugelstoß-Wettbewerb, bei dem mit unterschiedlich schweren Kugeln gestoßen wird und der Zuschauer nicht einmal weiß, wer mit den leichteren Geräten antritt. Dies aber ist im Bereich der Doping-Regeln der Fall und hat mir, die persönliche Anmerkung sei gestattet, erst das Interesse an meiner Lieblingssportart Leichtathletik und dann das an meiner »Ersatzdroge« Tour de France geraubt. Denn für Sport, dessen Wettkämpfe unter chancenungleichen Regelbedingungen stattfinden, kann sich nur interessieren, wer, frei nach Erich Kästner, den Kakao auch noch trinken will, durch den er gezogen wird.  

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Regeln. Im England des 18. Jahrhunderts war Boxen eine Veranstaltung für Adlige, die ihre eigenen Bediensteten oder Gefolgsleute boxen ließen, um Wetten abschließen zu können. Gerade weil diese Wetten sehr wichtig genommen wurden, war nötig, was wir heute unter Fairness verstehen: Einhaltung eines Regelwerks, Chancengleichheit sowie, wörtlich, Wiederverwendbarkeit der sportlichen Gegner. Die Grundlage des Sports – nur eine Wettvereinbarung?  

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Als Jan Ullrich immer wieder betonte, er habe »nie einen Konkurrenten betrogen«, war dies in der heuchlerischen Diskussion der einzige grundwahre Satz, passte aber nicht in die Köpfe gesinnungsethischer Scharfrichter. Sie schlugen und schlagen mit Moralkeulen zu, wollen die Ullrichs erlegen, erledigen aber den Sport.  

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Ullrichs Dilemma: Er fuhr seine Rennen in einer Zeit, in der das Reglement die Einnahme von leistungssteigernden Mittel verbot, die es aber nicht nachweisen konnte. Bis zum Jahr 1966 gab es im Radsport solch ein Verbot überhaupt nicht, daher arbeiteten Wissenschaftler offiziell und legal daran, mit medizinischen und pharmazeutischen Mitteln abenteuerlichster Art die Leistung der Profisportler zu steigern. Danach erst wurden einige dieser Mittel verboten, was aber nur derart lax kontrolliert wurde, dass sich keine der Radgrößen daran hielt. Erst durch die Festina-Affäre 1998 kam es zu ernsthafteren Kontrollen, die aber mit dem Aufkommen des wirksamsten Manipulationsmittels überhaupt (Epo) unterlaufen wurden. Im Epo-Jahrzehnt nutzten dann alle, zumindest alle, die vorne mitfahren wollten, dieses verbotene, aber zunächst nicht nachweisbare Mittel – weil die Einnahme straffrei blieb, der Verzicht aber bestraft wurde: mit Erfolgs-, Gunst- und Geld-Entzug.  

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Vor und zu Ullrichs Zeiten war Doping Notwehr zur Aufrechterhaltung der Chancengleichheit. Unerfreulich, aber sportlich nachvollziehbar. Damals dopten alle unerkannt, es gewann der Beste. Heute aber gewinnt nicht mehr der Beste unter den Gedopten, sondern im Zweifelsfall der Gedopteste unter den Hasardeuren.  

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Die Sportler sind total verunsichert, da keine Chancengleichheit mehr besteht. Die Zuschauer wissen dies mittlerweile auch und beargwöhnen jede positiv oder negativ aus dem Rahmen fallende Leistung. Und zu den sichtbarsten Ergebnissen des Anti-Doping-Kampfes gehört, dass einige Journalisten und Funktionäre ihre Karriere befördert haben und mancher medial wirkmächtige Anti-Doping-»Papst« seine Profilneurose erfolgreich pflegen kann.  

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Wenn’s um eigene selbstgerechte Überhöhung geht, nennen Psychologen es Sublimierung. Umgangssprachlich: Andere runterziehen, um sich selbst hochzuziehen. Runtergezogen wird der Sport.  

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Alternative: Doping freigeben? Nein. Dazu hat der Sport – buchstäblich – kein Recht. Man kann sogar nicht einmal ernsthaft über eine Dopingfreigabe diskutieren, jedenfalls dann nicht, wenn man weiß, was Doping ist: Das, was auf der Dopingliste steht. Und was dort steht, das ist eine freiwillige Vereinbarung des Sports. Der Sport kann seine Dopingliste kritisch überarbeiten, im Extremfall auch seine Dopingregeln ersatzlos streichen, aber jene Bereiche seiner sportprivaten Regeln, die gleichzeitig auch allgemein strafrechtlich verboten sind, kann er natürlich nicht für gegenstandslos erklären: Illegaler Medikamentenhandel, Missbrauch Schutzbefohlener, Nötigung, schwere Körperverletzung sind zum Beispiel Delikte, die vorliegen können, wenn eine erwachsene Bezugsperson eine weibliche Minderjährige dazu bringt, Anabolika einzunehmen.  

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Aber dass der Sport seine Doping-Regeln überdenkt, modifiziert, vereinfacht oder sogar streicht, das ist durchaus eine Option, um ihn überhaupt am Leben erhalten zu können. Denn die jetzige Praxis der Vorverurteilung und Nachdisqualifizierung, die den Spitzensport den Heuchelweltmeistern überlässt, bringt ihn dahin, wo er fast schon angekommen ist: an sein Ende.   Aufgesetzt Aufgeregte schäumen: Streichung der Dopingregeln macht den Sport zum gesetzlosen Raum. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der Sport würde im für alle geltenden Recht ankommen, wenn er seine willkürlichen Dopingregeln aufgibt zugunsten eines Verweises auf die Gültigkeit des Strafrechts im Sport. Dass dies für Sport-Idealisten (ich bin einer) ein echter ethisch-moralischer Rückschritt wäre, beweist nur, wie weit der Sport trotz all seiner Dopingprobleme der Rest-Welt ethisch-moralisch voraus war. Den Vorsprung würde er aufgeben, dafür Chancengleichheit und sportlich faire Würdigung von Leistung zurückerhalten.  

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Könnte Otto Normalsportfan einmal Mäuschen spielen hinter den Kulissen und in den Behandlungszimmern des großen Sports, wäre er entsetzt, dass alle »dopen«, jedenfalls nach seinem Selbstverständnis. Selbst die untadeligsten Sportler, die nie mit dem Reglement in Konflikt geraten, arbeiten auch mit Mitteln, die nichts mit Talent und Training, sondern mit Medizin und Pharmazie zu tun haben. Im Unterschied zu wirklich dopenden Sportlern nutzen sie ihre Manipulationsmöglichkeiten aber nur im legalen Bereich von Kreatin über Substitutionen am Tropf bis zu medikamentös unterstütztem, ausgeklügeltem Höhentraining, Asthma-Attesten oder den »richtigen« Antibabypillen für die Sportlerin (also den falschen für sie als Frau).  

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Das Grunddilemma des Sports ist nicht sein ihm von außen überdimensioniert vorgehaltenes Doping-Problem, sondern die unsportliche Handhabung des Doping-Regelwerks. Es mag pervers klingen, ist aber leider ein logischer Schluss: Wenn der Doping-Missbrauch um 50 Prozent verringert würde (immer noch ein eher unrealistisches Ziel), wüchse die Chancenungleichheit im gleichen Maße, und die Vergleichbarkeit von Leistung würde ad absurdum geführt – und mit ihr der gesamte Leistungssport. Denn dass heute in einigen Sportarten nicht mehr jeder dopt (wie vor einem Vierteljahrhundert), sondern vielleicht nur noch die Hälfte (plusminus x – niemand weiß es) – das hat den Sport einige hundert Millionen Euro und die Glaubwürdigkeit (= Chancengleichheit) gekostet. Denn fairer, also chancengleicher Wettkampf wird nur garantiert durch Regeln, deren Verletzung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bestraft wird, egal wer wann, wo oder wie diese Regeln bricht.  

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Das große Missverständnis: Doping sei primär ein moralisches Problem, erst sekundär eine Sache der Regeln. Umgekehrt ist richtig: Was erlaubt der Sport seinen Sportlern, was verbietet er ihnen, wie kontrolliert er diese Regeln auf sportlich faire Weise, also chancengleich für alle? Das sind die Grundfragen. Die faktisch sekundäre moralische Frage stellt sich nur, wenn die primäre Regelfrage nicht gelöst wird. Scheitert der Sport daran, ist er auch als Sport gescheitert, denn ein Wettkampf ohne geregelte Chancengleichheit ist kein Leistungssport, sondern Showgeschäft mit Crime und Grusel.  

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Oswald Spengler behauptet in seinem gleichnamigen Werk, der »Untergang des Abendlandes« sei aus natürlichen Gründen nicht zu verhindern. Hochkulturen seien Organismen mit begrenzter Lebensdauer, sie werden und vergehen, seien in sich »grundlos«, von »erhabener Zwecklosigkeit«, und sie endeten in gleichartiger Zwangsläufigkeit. An Sport dachte er noch nicht. Aber die Parallelen sind unübersehbar.  

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Spengler hat auch die Mediengesellschaft frühzeitig durchschaut, denn für ihn war die Wahrheit »ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt.«  

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Sport, was ist das überhaupt? In vielen Jahren als Sportler und Sportjournalist gewachsene Überzeugung: Ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, als der organisierte Wettkampfsport Regeln hatte, die – so oder so – für größtmögliche Chancengleichheit sorgten. Im 21. Jahrhundert garantieren die Regeln nur noch Chancenungleichheit, Sport im eigentlichen Sinne existiert also nicht mehr, jedenfalls nicht im Bereich der Spitzenleistungen.  

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Und so endet der Sport womöglich wie der berühmte Wrestler Owen Hart: Unbemerkt vom großen Publikum, das der tollen Show applaudiert. Hart stürzte im grell bunten Vogel-Kostüm von einer 30 Meter hohen Stahlkonstruktion in den Ring. Der Karabinerhaken des Seils an seinem Gürtel hatte sich gelöst. Hart war sofort tot. Frenetischer Jubel erfüllte die Arena, während der leblose Körper im federgeschmückten Strampelanzug weggeschafft wurde. Das Publikum glaubte, der Sturz sei Teil der Show.   Die Artisten, die Sportisten unter der Zirkuskuppel: ratlos. Gerhard Steines (gw)

Baumhausbeichte - Novelle