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Sonntag, 8. September, 9.30 Uhr

Dass Tokio gewonnen hat, zeigt wieder einmal, dass Fukushima eine german angst mit Alleinstellungsmerkmal ist. Was dennoch nicht heißt, dass diese Angst unbegründet wäre. Ich hätte Istanbul vorgezogen, aus verschiedensten Gründen, vor allem aber, weil ich seit meinem Besuch vor einem Jahr ein großer Freund dieser Stadt bin. Trotz des kulturellen Startschocks, als ich auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel immer wieder Menschen sah, die mitten auf der Straße im dicksten Gewimmel, das in Istanbul nun wirklich  ein Gewimmel ist, Schafe schlachteten und die Teile zum Verkauf auf den nackten Asphalt legten (wohl aus Anlass eines heiligen Festes, kann mir nicht vorstellen, dass das dort jeden Tag geschieht).

Am Dienstag die nächste Wahl. Macht’s Bach? Im Gegensatz zur großen Mehrzahl der intellektualisierten deutschen Presse drücke ich ihm die Daumen. Überhaupt, auch so ein merkwürdiges deutsches Phänomen: Der “deutsche” Papst wurde in Deutschland am wenigsten geliebt, der womöglich deutsche IOC-Präsident vor der Wahl mit Handicaps beschwert, auf dass er doch bitte nicht siegen möge. Auch wenn Bach als grauer Apparatschik und tricky Advokat rüberkommt: Seine Haltung, als er sich 1980 vom schneidigen Bundeskanzler Schmidt anknarzen und abbügeln ließ, war ehrenvoll, seine Doping-Politik ist vernünftig, sein Sportsachverstand groß. Dass er optisch und rednerisch kein großer Obama ist, gehört zu seinen Nachteilen, die ich nicht als solche empfinden. Obama, die große Verheißung, die bisher nichts als Heißluft produziert hat. Wenn Bach das Gegenteil darstellt, umso besser.

Man kann auch abseits des Sports sehr interessante Erfahrungen machen. Zum Beispiel diese, von einer Ärztin, die man noch nie gesehen hat und die mit allen anderen hochdeutsch spricht, in hessischem Platt angesprochen zu werden. Warum und ob dies vielleicht optische Gründe hatte, darüber kann man lange nachdenken. Demjenigen, dem dies geschah, wäre im Gespräch mit dem nächsten Arzt, der in Tonfall und Gestus exakt Kurt Krömer glich, beinahe der Schreckensruf entfahren: Bitte nicht wehtun, ich bin nicht Matussek! Auf eine interessante Erfahrung hätte er allerdings verzichten können: Wie schafft man es, nachts im Krankenhausbett, von einer Übelkeitswelle geweckt, Richtung Bad zu tapern, zu merken, dass man ja an Schläuchen hängt, die nur bis einen Meter vor die Kloschüssel reichen, und von dort zielgenau …

Pfui Teufel. Lassen wir das. Wer war’s? Will ich überhaupt nicht wissen. Schnell vergessen.

Fußball. Weil das Österreich-Spiel sehr zufällig zu null ausging, gilt nun die neue Hoffnung: Je länger sie vor dem Spiel zusammen sind, desto zu null. Aber waren sie vor dem 4:4 gegen Schweden vorher nicht noch länger zusammen? Und überzeugte das 3:0 wirklich so sehr, wie es als überzeugend dargestellt wurde? Die Innenverteidigung bleibt der große Malus, zumal das einzige echte Weltklassetalent (Hummels) stark schwächelt. Ihm müsste Kloppo vielleicht mal beibiegen, dass man noch kein Beckenbauer ist, wenn man nur wie dieser von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt ist  und die der Mitspieler innerlich mit beckenbauerischer Handwegwerfgeste abqualifiziert. Aber vielleicht kriegt er ja noch die Kurve. Mit dem Pärchen Boateng/Mertesacker wird’s jedenfalls nichts mit dem Titel.

 

Baumhausbeichte - Novelle