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Montagsthemen (vom 9. September)

Dass Tokio gewonnen hat, zeigt wieder einmal, dass Fukushima eine »german angst« mit deutschem Alleinstellungsmerkmal ist. Was dennoch nicht heißt, dass diese Angst unbegründet wäre.
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Ich hätte Istanbul vorgezogen, aus verschiedenen Gründen, vor allem aber, weil ich seit einer Reise vor einem Jahr ein großer Freund dieser Stadt bin. Trotz des kulturellen Startschocks, als ich auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel immer wieder Menschen sah, die mitten auf der Straße im dicksten Gewimmel, das in Istanbul nun wirklich ein Gewimmel ist, Schafe schlachteten und die blutigen Teile zum Verkauf auf den nackten Asphalt legten (wohl aus Anlass eines heiligen Festes, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass das dort jeden Tag geschieht).
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Apropos Schafe schlachten: Vielleicht gab das den Ausschlag gegen Istanbul, denn Sportverbände mögen so etwas nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Als der Präsident des kasachischen Klubs  Schachtjar Karagandy, weil das Glück im Spiel verheißt, vor der Uefa-Cup-Partie gegen Celtic Glasgow im Stadion ein Schaf schlachten ließ, wurde er vom Europa-Verband  verwarnt, der mit Konsequenzen drohte: »Das Schlachten eines Schafes auf dem Fußballplatz vor oder nach einem Uefa-Spiel ist völlig unpassend und wird nicht toleriert.«
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Frage eins: »Vor oder nach einem Spiel« – wie wär’s denn in der Halbzeit? Frage zwei: »Schachtjar«, welch ein Name für einen Fußballklub. Nomen est omen? Hauptsache aber, die Gegenspieler werden nicht geschächtet. Frage drei: folgt sogleich.
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Am Dienstag die nächste Wahl. Macht’s Bach? Im Gegensatz zur großen Mehrheit in der intellektuell ambitionierten deutschen Sportpresse drücke ich ihm die Daumen. Überhaupt, auch so ein  deutsches Phänomen: Der deutsche Papst wurde in Deutschland am wenigsten geliebt, der womöglich deutsche IOC-Präsident vor der Wahl mit Handicaps beschwert, auf dass er doch bitte nicht siegen möge. Auch wenn Bach als grauer Apparatschik und trickreicher Advokat rüberkommt: Seine Haltung, als der Olympiasieger und Athletenvertreter sich im Jahr des schmählichen deutschen Olympia-Boykotts 1980 vom oberschneidigen Bundeskanzler Schmidt anknarzen und abbügeln ließ, war ehrenvoll, seine Doping-Politik ist vernünftig, sein Sportsachverstand groß. Dass er optisch, rednerisch und charismatisch kein Obama ist, gehört zu seinen Nachteilen, die ich nicht als solche empfinden. Obama: Die große Verheißung, die bisher vorwiegend warme Luft  produziert hat. Wenn Bach das Gegenteil darstellt, umso besser. Um so besser wäre es auch, wenn Obama auch in einer aktuellen Frage seiner Warme-Luft-Strategie treu bliebe, aber das ist ein anderes Thema.
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Ach ja, Frage drei: Wenn Schafe schlachten Glück im Spiel bringt, sollte man Bach und seine Konkurrenten morgen strengstens überwachen. Dass mir ja keiner einen von Schachtjar einfliegen lässt!
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Weil das Österreich-Spiel sehr zufällig zu null ausging, gilt nun die neue Hoffnung: Je länger sie vor dem Spiel zusammen sind, desto zu null. Aber waren sie vor dem 4:4 gegen Schweden vorher nicht noch länger zusammen? Und überzeugte das 3:0 wirklich so sehr, wie es medial dargestellt wurde? Die Innenverteidigung bleibt der große Malus, zumal das einzige echte Weltklassepotenzial (Hummels) stark schwächelt. Ihm müsste Löw, nein, besser Kloppo, vielleicht mal beibiegen, dass man noch kein Beckenbauer ist, nur weil man wie dieser von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt ist und die der Mitspieler innerlich mit beckenbauerischer Handwegwerfgeste abqualifiziert. Zum Wie-Beckenbauer-Sein gehört viel mehr. Aber vielleicht kriegt Hummels ja noch die Kurve. Mit dem Pärchen Boateng (zu lässig)/Mertesacker (zu steif) wird’s jedenfalls nichts mit dem Titel.
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Man kann auch abseits des Sports recht interessante Erfahrungen machen. Zum Beispiel, von einer Dame, die man noch nie gesehen hat und die zuvor mit allen anderen hochdeutsch spricht, in hessischem Platt angesprochen zu werden, obwohl man selbst noch nicht den Mund aufgemacht hat. Ob dies rein optische Gründe hatte und wenn ja welche, darüber kann man lange nachdenken.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle