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Das Ende des Sommers: Kalo chimona! (Nach-Lese vom 7. September 2013)

»Wann ist der Sommer vorbei?«, fragt das Online-Magazin der Süddeutschen Zeitung und bietet zur Auswahl: »Wenn’s kälter wird? Die Ferien vorbei sind? Das Oktoberfest beginnt?« Nein. Für mich ist die Sache klar: Der Sommer ist vorbei, wenn ich wieder mal nicht in Griechenland war.
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Mein Philhellenismus begann vor vielen, vielen Jahren auf dem tristen Flughafen von Rhodos. Als die Türen des Flugzeugs sich öffneten, wir die Gangway hinuntergingen, über uns der azurblaue Himmel, die grellgelbe Sonne, hinein in die flimmernde Hitze, da … ach, was soll ich schwärmen, das Gefühl kennt doch jeder von seiner ersten Ankunft im Süden. Zu Recht verlangt der Leser von dieser Kolumne Originelleres.
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Zum Beispiel, dass ich gelesen habe, griechischer Joghurt sei DER neue Renner in den USA. Allerdings mit zwei Prozent Fett statt den satten zehn griechischen. Ist also gar kein griechischer Joghurt. Sondern Etikettenschwindel à la USA.
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Nicht übermäßig originell? Dann vielleicht die Geschichte, die mir ein Grieche einst auf Naxos erzählt hat: Hier habe man vor wenigen Jahren einen nackten toten Mann gefunden, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt – bis auf die identifizierbaren Reste eines Taucheranzugs. Was wollte der Taucher in der Hochebene? Wer hat ihn verbrannt? Zufrieden, dass ich die unvermeidlichen Fragen stellte, klärte mich der Grieche auf: Ein Taucher hatte vor der Küste geschnorchelt, ein Löschflugzeug ihn beim Wasserfassen versehentlich mit aufgesaugt und ihn mitsamt Wasser im Waldbrandgebiet in den Bergen ins Feuer entladen. Gruselig. Ich zeigte dem Erzähler mein Entsetzen, der war’s zufrieden, und ich unterließ es, ihm zu sagen, dass ich die gleiche Geschichte schon damals auf Rhodos und später auf Kreta und der Peloponnes gehört habe. Sie ist auch viel zu schön, um nicht überall wahr sein zu dürfen.
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Die folgende Geschichte ist wirklich wahr, sie gefällt mir immer noch sehr, obwohl ich die mieseste Rolle in ihr spiele: Urlaub auf Ägina, einer kleinen, feinen Insel vor Athen. Kleine, feine Pension. Zusammen mit uns wohnten hier ein deutsches, ein holländisches und ein griechisches Paar sowie ein englisches mit Oma. Den Deutschen erzählte ich von vielen Fahrten mit Ägäis-Fähren. Mein Hobby. Da bin ich Kenner. Gönnerhaft fragte ich als alter Fähren-Seebär: Und, was macht ihr so im Urlaub? – Ooch, wir warten hier nur auf unsere Yacht. Übermorgen holen wir sie ab, dann schippern wir eine Woche von Insel zu Insel, zu zweit allein auf dem Schiff.
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Jetzt zu den Griechen. Da ich gerade die erste Volkshochschul-Stunde Griechisch für Anfänger absolviert hatte, versuchte ich, das junge Paar, das nur wenig englisch sprach, ins Gespräch zu ziehen. Mit Händen und Füßen, basic english und den drei oder vier bisher gelernten griechischen Vokabeln gab ich den Polyglotten. Dann half mir der Grieche mit einem Wort aus. Er war Theologe. Hatte die Bibel gelesen. Komplett. Auf deutsch. Schämte sich nur ein bisschen beim Sprechen. Weil er zwar perfekt und akzentfrei deutsch sprach, nur seiner Meinung nach leider etwas zu langsam.
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Der nette Holländer interessierte sich für meinen Beruf. Journalist? Oh, wie schön! Ein aufregender, verantwortungsvoller Job! Ich wiegelte halbherzig ab. Und was machst du so? – Bürojob. Na ja, da musste ich ja wohl nicht groß nachhaken. Später erfuhr ich, dass der Bürojob zuletzt darin bestanden hatte, ein 500-Millionen-Euro-Projekt der holländischen Luftwaffe zu leiten.
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Clive, der Engländer, bat mich höflich, einen Blick auf meine Digitalkamera werfen zu dürfen. Na klar. Bitte. Ich erklärte ihm die einfachsten Funktionen, weil: Mehr kannte ich nicht. Clive musste einsehen, dass er mit mir nicht fachsimpeln kann. Clive war Berufsfotograf. Ein sehr erfolgreicher. Spezialität: Opernfotografie. Für Plattencover und so.
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Mit Rose, seiner Frau, unterhielt ich mich über Musik. Arien. Viel Ahnung hatte ich nicht, aber sie würde es ja wohl kaum merken. Um mich auf einen gewissen Aspekt eines gewissen Liedes hinzuweisen, wollte sie es anstimmen. Ich dachte: O Gott, das kann ja was werden. Rose sang. Herrliche Stimme. Sie war eine in England bekannte Mezzosophranistin und Gesangslehrerin.
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Aber mit Marge, ihrer Schwiegermutter, würde ich ja wohl ein Gesprächsthema finden, bei dem ich auftrumpfen kann. Dachte ich. Englische Kriminalromane, da war ich Experte. Oder genauer: Leser. Kannte sie P. D. James, meine Favoritin? »P. D.?, was bedeutet das?« Na ja, die alte Dame, sie war 88, kannte sich da wohl nicht aus. Sie war übrigens Kunstmalerin, immer noch aktiv im Geschäft. Marge dachte weiter über »P. D.« nach. Mir fiel ein, dass das »P« für Phyllis steht. »Phyllis?« Marge strahlte. Natürlich kannte sie Phyllis Dorothy James – die beiden alten Damen waren Nachbarn – und die allerbesten Freundinnen.
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Und nun würde es mich nicht wundern, wenn auch Sie, liebe Leser, viel mehr über Griechenland wissen als ich, sehr viel besser die Sprache sprechen, viel schönere Geschichten erzählen können. Tun Sie’s doch! Ich behalte meine anderen für mich – und warte auf Ihre. Vielleicht demnächst in der »Nach-Lese«?
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Warum war ich schon seit fünf, sechs Jahren nicht mehr dort? Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht aus Angst, meine Liebe zu Griechenland würde in der Krise auf gegensätzliche griechische Gefühle stoßen. Es hat sich so ergeben. Einfach so. Aber das lässt sich zum Glück ändern. Nächsten Sommer in Griechenland!
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Aber dann darf ich kein ganzes Jahr mehr warten. Denn wann endet der Sommer in Griechenland? Bereits Ende August, dann wünschen sich die Griechen schon »kalo chimona« – einen schönen Winter. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle