Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 31. August)

Die Schlagzeilen kommen wieder einmal aus München. Aber was bleibt? Woran werden wir uns erinnern, was wird eine Rolle spielen, wenn die Saison zu Ende geht? Riberys Wahl zu Europas Fußballer des Jahres? Die wird längst vergessen sein, zumal der Weltfußballer noch zu wählen ist. Die Europacup-Auslosung? Die … was? Gewiss nicht. Dass Bruchhagen laut Rummenigge Solidarität mit Sozialismus verwechselt? Ach was, die beiden pupen sich doch ständig lustvoll an. Der »Supercup«? Nur Bohai, ein bisschen Prestige, sportlich belanglos. Vermutung: Das, was bleibt, ist das, was fehlt: zwei leichtfertig verschenkte Punkte in Freiburg. Maximale Rotation für den Supercup = maximale Arroganz, die sich rächen kann.
*
In Stuttgart rächt sich Ähnliches auf weit tieferem Niveau. Am Tag, bevor Labbadia gehen musste, bügelte Bobic die Frage, ob der Job des Trainers sicher sei, noch als »dumm und respektlos« ab. Die Frage, wer oder was in Stuttgart nun wirklich dumm und respektlos ist, lasse ich mal aus Respekt offen. Aber im und rund um den VfB hat man am Misserfolg fleißiger gewerkelt als mancher dort geschasste Trainer.
*
Auch die Frage, ob »echte« Fußballertypen wie Bobic oder Fink noch zeitgemäß sind oder ob »Stallgeruch«, Spruch-Stärke und Eigenverkaufstalent heute noch bundesligataugliche Referenzen darstellen, will ich nicht beantworten. Es ist halt nur ein Gefühlchen.
*
Dass Skibbe in Zürich frühen Erfolg hat und unser »Mädchenfußballer« Caio dort ein wichtiges Tor schießt, sei beiden gegönnt. Zumal auch hier die Frage lieber offen bleiben soll, woran wir uns wohl erinnern, wenn die Saison zu Ende geht. Was bleibt, ist in Zürich aber in jedem Fall der Klub-Name. Grasshoppers, weil die ersten Züricher Kicker flink und energisch auf dem Rasen herumsprangen wie die Grashüpfer. Ich kenne noch andere Qualitäten dieser Tierchen: Wenn’s gefährlich wird, springen sie ganz schnell weg. Flink und energisch flüchten gilt allerdings nicht unbedingt als Erfolgsrezept modernen Fußballs.
*
Bissig sind Grashüpfer jedoch nicht. Eher scheint die Kolumne heute etwas zu bissig – aber ich will doch nur spielen! Zum Beispiel mit der Video-Hilfe. Nachdem ich mir selbst das »D«-Dings weggebrochen habe (Tattoo-Gefahr!), kann ich ja mein altes Lieblings-Thema rauskramen: Video als Hilfe für den Schiedsrichter, nicht als ihn überstimmender Beweis. Manche Sportarten kennen das schon, so oder zumindest so ähnlich (wie letzte Woche beim Hockey). Mehr als einen Schritt weiter gehen die Beachvolleyballer: Der Bezahlsender Sky setzt den Schiedsrichtern bei der DM eine Kopfkamera auf, der Zuschauer sieht das Spiel aus der Perspektive des Unparteiischen.  Fehlt nur noch, dass die Zuschauer im Sessel per Knopfdruck und Mehrheit die Entscheidungen fällen.
*
Das Thema wird uns weiter begleiten. Wie auch der Rassismus im Sport und überhaupt. Eine aparte Volte schlägt, völlig ernsthaft, der Fußballverband von Malawi, der bei der FIFA protestiert hat, weil Malawis Nationaltrainer Saintfiet rassistisch beleidigt worden sei, und zwar von Nigerias Coach Keshi. Das Aparte an der Geschichte: Saintfiet ist weiß, und der schwarze Keshi beschimpfte ihn übelst, nämlich als »weißen Kerl«. Wirklich wahr!
*
Wirklich wahr ist auch, dass ein Stuhl mit drei Beinen nicht wackelt. Dr. Sylvia Börgens aus Wölfersheim weiß es, sie löst unser Schemel-Phänomen des letzten Sport-Stammtischs: »Durch drei beliebige Punkte im Raum lässt sich immer genau eine gedachte Ebene legen. Probieren Sie es aus, indem Sie zwei Tischtennisbälle irgendwie in den Raum halten, Ihre Liebste hält einen dritten dazu. Ab vier Punkten funktioniert es nicht mehr allgemein verbindlich. So schön und nützlich ist die Mathematik, sie hilft wirklich, Alltagsfragen zu beantworten! Bezogen auf den Schemel: Drei Füße berühren zuverlässig zugleich den Boden. Sind die Beine sehr verschieden lang, ist das Ding natürlich zu schepp zum Sitzen, fällt schlimmstenfalls auch um, weil sein Schwerpunkt in der Luft hängt. Aber die Schemelbauer halten die Beine doch ›ungefähr‹ gleich lang, also funktioniert es in der Praxis.«
*
Danke! Und dazu mein Tipp für alle Trainer, die nicht Labbadias Schicksal teilen wollen: Wenn der Trainer-Stuhl wackelt – einfach auf den Schemel setzen! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle