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Sportgeschichte(n): Letztes Kolumnen-Konfetti (Anstoß vom 29. August)

In unserer Sommerserie ging es in diesem Jahr um eher Randseitiges – auch heute wieder, zum Abschluss, denn wir werfen noch einmal Kolumnen-Konfetti, in der Hoffnung, dass damit Ihr Tag mit einem Lächeln beginnt.
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Wer gewinnt, Schumi oder Häkkinen, Ferrari oder Mercedes? Wer ist der Schnellste? Gestern zitierten wir den buddhistischen Abt Lama Gonsar Rinpoche im Gespräch mit Mercedes-Rennleiter Norbert Haug: »Schnell ist der nur Schnelle, wenn er der Schnellste ist, nicht?« Meint der Lama das so? Die Zeit ist schon ein merkwürdiges Ding. »Give me one moment in time«, singt Whitney Houston – aber was will sie mit dieser Achtzehntelsekunde anfangen? Denn exakt so lange dauert ein Moment in der Zeit. Für den Menschen. Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt (ein Konrad-Lorenz-Schüler) schreibt: »Ein Moment ist ein Zeitfragment, das als solches noch wahrnehmbar ist. Das kann, weil artspezifisch, sehr verschieden sein«. Beim Menschen eben eine Achtzehntelsekunde. In der Formel 1 jedoch wird man nur mit dem Moment-Empfinden eines Tieres Weltmeister: »Für einen Kampffisch dagegen stellt sich der Moment und damit Zeit allgemein anders dar, weil er sein Verhalten und seine Physiologie einem ganz anderen Lebensraum angepasst hat. So ein Kampffisch erkennt selbst ganz schnelle Bewegungen in Zeitlupe.« Schumi, du musst ein Kampffisch sein! (Oktober 1998)
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Erinnern Sie sich an die Frankfurter Stimmungslage bei Saisonbeginn? Dass Präsident Heller als »realistisches Saisonziel Platz zwölf aufwärts« ausgab, galt fast schon als hessische Fußballvaterlandsverräterei. Die Glücksgefühle vor und zu Beginn der Saison waren reine Illusion, jetzt herrscht Trauer und Konfusion. Aber das ist ja nicht nur bei der Eintracht nichts Neues, sondern eine alte philosophische Erkenntnis, die Jimmy Ruffin in »What becomes of the Brokenhearted« bereits zu Motown-Zeiten als in der Praxis erprobte kritische Theorie formuliert hat: »Happiness ist just an illusion, filled with sadness and confusion.« (Oktober 1999)
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Für den großen amerikanischen Mathematiker John Nash (der übrigens ein Vierteljahrhundert lang als unheilbar schizophrener Geisteskranker galt) ist Beharrlichkeit die »Eigenschaft, die ein Mathematiker benötigt, um sich durchzusetzen – eine Qualität, die wohl auch gute Boxer haben müssen. Vielleicht ist das der Grund, warum es so wenige gute Frauen in der Mathematik gibt«. Wir ergänzen den logischen Schluss aus Nashs Vermutung: Vielleicht ist das auch der Grund, warum es so wenige gute Frauen im Boxen gibt. – Nee, der Gag ist nicht gut genug, um sich’s durch ihn mit den Frauen zu verderben. Zumal er auch nicht die Wahrheit trifft, denn was immer selbst Super-Macho-Chauvis dem anderen Geschlecht nachsagen, mangelnde Beharrlichkeit gehört gewiss nicht dazu. – Mit wem könnte man sich’s denn sonst noch verderben? Soziologen vielleicht? Wir waren beim Boxen stehen- bzw. liegen geblieben. Was sagt ein Soziologe zum anderen, wenn die beiden – außerhalb des Boxrings natürlich – einen zusammengeschlagenen Mann am Boden liegen sehen? In der Gosse, beraubt, verletzt, blutend, hilflos? »Der Mann, der das getan hat, benötigt dringend unsere Hilfe.« (Januar 2000)
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Flavio Briatore, der abgelebte Playgreis aus der Formel 1, wollte seine neue Jet-Set-Kneipe an einem sardischen Strand eröffnen. Standesgemäß kam er mit einer Halbpromi- und Model-Clique in Motorbooten vom Meer her . . . und wurde mitsamt seiner Entourage am Strand von Badegästen wie du und ich empfangen, die nicht bewundernd staunten, sondern die ganze Corona mit Sand bewarfen, mit Wasser aus Eimern übergossen und als »infamia« (Schande) und »nulla« (Taugenichts) beschimpften. – Wer wirft denn da mit Lehm? Der sollte sich nicht schäm’! (Dezember 2008)
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Glaubenssache. Wie jede Statistik. »Bild« verkündete in dieser Woche, dass Arbeitnehmer, die mit ihren Kollegen öfter in die Kneipe gehen, mehr Geld verdienen als andere. Die Kneipe (bzw. die Kommunikation dort) als Karrieresprungbrett? Völlig neue Perspektiven für Papa, wenn er Mama seine abendlichen Kneipentouren erklären will. Aber da Mama klug und nüchtern ist, wird sie Papa sagen, dass Arbeitnehmer, die in die Kneipe gehen, nicht besser bezahlt werden, weil sie oft in die Kneipe gehen, sondern oft in die Kneipe gehen können, weil sie besser bezahlt werden. (August 2003)
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Oktober 2004: Den Ig-Nobelpreis (ignoble = unedel, unwürdig) für überflüssige bis idiotische Forschungen gewann die Entdeckung, dass sich Heringe bei Gefahr miteinander verständigen, und zwar durch unterschiedlich langes und lautes Furzen. Und damit zur Diskriminierung des englischen Landadels: Der und seine treuen bäuerlichen Gefolgsleute »werden mehr diskriminiert als Neger und Schwule«, jammert Prinz Charles. Grund: Die Regierung will sein und seinesgleichen liebstes Hobby verbieten, den edlen Sport der Fuchsjagd, bei dem in England echte Füchse von Reitern gehetzt und von Hunden zerrissen werden. Aber wir wollen uns hier nicht über den britischen Thronfolger lustig machen – gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich wirkt des Royals Fluch: Nachdem 1952 ein britischer Untertan bei der Krönung öffentlich bemerkt hatte, »die junge Königin piepst ja«, schickte die Königliche Post dem Majestätsbeleidiger so lange Päckchen mit Exkrementen ins Haus, bis er seinen Namen änderte. Und da ich weder königlichen Kot noch furzende Heringe oder sonstwie verderbliche Spam-Post erhalten möchte, steht am Ende dieser Kolumne wieder einmal kein Name, sondern ein feiges, geruchsgeschütztes (gw)

Baumhausbeichte - Novelle