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Sport-Stammtisch (vom 24. August)

Und wieder ein Rassismus-Skandal im deutschen Fußball! In München beschimpfen Zuschauer den dunkelhäutigen Ingolstädter Danny da Costa als »Scheiß-Neger«, sein Mitspieler Ralph Gunesch macht den verwerflichen Vorfall via Facebook öffentlich, er bekommt deutschlandweit Beifall, und rechtschaffene Antirassisten kündigen schon eine neue Trikot-Aktion an: »Rechtsaußen? Nur im 4-3-3!«
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Es gab schon einmal eine Anti-Rechts-Aktion des DFB, als alle Bundesligisten für fünf Minuten ohne Rechtsaußen spielten (kein Scherz!). Doch derartige Überreaktionen überschreiten nicht nur die Grenze zur Realsatire, sondern wirken auch kontraproduktiv.
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Stadion-Armseligkeiten wie »Scheiß-Neger«-Rufe haben mit Rassismus wenig bis nichts zu tun, aber viel mit der ganz normalen widerwärtigen Bosheit, die in der Masse am besten gedeiht. Was zu beweisen sein wird, und zwar gerade mit dem Facebook-Kommentar von Ralph Gunesch.
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»Einen dunkelhäutigen Gegenspieler permanent als ›Scheiß N***r‹ zu beschimpfen und mit Affenlauten zu begleiten«, postet Gunesch, selbst auf Facebook politisch korrekt mit drei Sternchen, »zeigt nur, dass euer IQ knapp über dem eines verbrannten Toastbrotes liegt!!!!« – Einverstanden. Obwohl, »verbranntes Toastbrot«, wenn das mal keine Steilvorlage für die Minus-IQler ist …
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Gunesch weiter: »Habt ihr zufällig bemerkt, dass der eingewechselte direkte Gegenspieler des von euch beschimpften Spielers ebenfalls dunkelhäutig ist«? – Na klar haben sie es bemerkt. Den kennen sie gut, wahrscheinlich lieben sie ihn, nie würden sie ihn als »Scheiß-Neger« titulieren – und nur, wenn sie es täten, wären sie Rassisten (wie in Italien, wo mancherorts die Fans eigene dunkelhäutige Spieler beschimpfen).
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Jene widerwärtige Bosheit, die in der Masse am besten gedeiht, sucht sich ihre Opfer immer bei den »anderen« und nach eigenen Kriterien. Dunkle Hautfarbe ist nur eine. Früher war nicht der Dunkelhäutige, sondern der Schiedsrichter ein »schwarzes Schwein«, und heute, er trägt ja bunt, kriegen seine Mutter, Frau, oder Schwester die ganze brummsdumme Arschlöchigkeit ab (sorry, liebste Zielgruppe, das musste mal sein). Rothaarige Spieler hatten ebenfalls ihre Freude auf fremden Plätzen, und wenn sie – verschärfte Bedingungen – als Handballer gar bei mittelhessischen Konkurrenz-Dorfklubs antraten, war »rote Sau, dich schlagen wir tot« noch der freundlichste Empfang. Ich weiß, wovon ich schreibe.
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Doch nur die Bosheiten gegen Dunkelhäutige werden an die große Rassismus-Glocke gehängt. Gesellschaftlich Bedenklicheres bleibt unter der Tabu-Glocke. Eine Studie der Universität Paderborn, nach der im dortigen regionalen Bereich die Ausländerteams nur zehn bis 30 Prozent ausmachen, ihr Anteil an Spruchkammer-Verfahren dagegen 40 bis 70 Prozent, wurde kaum beachtet, obwohl Paderborn im unterklassigen Bereich überall ist, wobei viele massive Drohungen und auch Straftaten aus Angst vor Rache erst gar nicht gemeldet werden.
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Frei von Rassismus kann nur sein, wer Ausländer/Inländer nicht besser/schlechter behandelt als Inländer/Ausländer. Wie sagte doch unser alter Freund Matthias Beltz: »Auch der Ausländer hat das Recht, ein Arschloch zu sein.«
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Auf dem zweiten rassistischen Tatort  fließt Zigeunersauce. Die soll verboten werden, jedenfalls ihr Name, fordert eine Zigeu .. eine Sinti-und-Roma-Organisation, was prompt mediale Wellen schlägt, fast so hohe wie beim »Scheiß-N***r«. Aber das lassen wir heute aus. Hauptsache, meine Gedanken bleiben so frei, sich auf einen Mohrnkopp freuen zu dürfen. Verbieten darf man meinetwegen die Mohrrübe, ich klaube sie sowieso angeekelt aus jedem Gemüsetopf.
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Und sonst? In Russland fand ein Panzer-Biathlon statt, die Bundeswehr hatte ihre Teilnahme empört abgesagt. Warum eigentlich? Biathlon back to the roots.
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Schönes Foto in »Bild«: Till Schweiger zwischen Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. Wie groß der kleine Philipp wirkt! Aber das nur am Rande. Die drei haben etwas mit mir gemeinsam: Sie sind nicht tätowiert (glaube ich, man kann ja nie wissen). Und damit zu unserer Leserin Barbara Tomsch. Sie erinnern sich (letzte »Stammtisch«-Kolumne), dass die Reichelsheimerin das Verdienst trägt, dass ich unsere Leser nie mehr mit dem »D«-Thema belästigen werde, da ich mir bei Zuwiderhandlung ein »Haustierchen« stechen lassen müsste. In einem  schönen, handgeschriebenen Brief bedauert Barbara Tomsch nun, »ach, Sie armer Mann, was habe ich da angerichtet mit meinem Plädoyer fürs Tätowieren!« Unsere Leserin behauptet aber, dass das erwähnte Video, auf dem eine Frau markerschütternd schreit, »ein Fake sein muss, denn aus eigener Erfahrung und Beobachtung behaupte ich, dass NUR Männer beim Tätowieren schreien«. – Wir sind halt Feiglinge, Philipp, Til, Bastian und (gw)

Baumhausbeichte - Novelle