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Wer bin ich? (August-Runde)

Mit der Autorität unserer Ämter legen wir Protest ein gegen die bisherige Auswahl bei »Wer bin ich?« Zu oft geht es um Personen aus Papier, ausgedacht von Schriftstellern, zuletzt war ein Flipperspieler zu finden, der nur in Ton und Film existiert, und einmal war sogar ein Pferd der zu suchende »Sportler«. Das muss ein Ende haben! Heute übernehmen wir daher die Regie, lassen drei echte, lebende Menschen suchen, alle mit Goldmedaillen in olympischen Kernsportarten dekoriert, und wer wäre dafür besser geeignet als – wir drei höchstpersönlich. Entsprechend unserer internationalen Bedeutung, die man gar nicht überschätzen kann, ist in dieser Spezialrunde nicht nur ein Punkt zu gewinnen, sondern für jeden von uns einer, also insgesamt drei. Stimmt doch, oder?
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Die Redaktion beugt sich der Gewalt. Wir suchen also A, B und C, wobei A soeben noch die Frage, ob eins und eins und eins drei ergeben, mit einem leisen, aber entschiedenen »je nachdem« beantwortet hat. Überhaupt gilt A als großer Taktierer, was aber nicht überraschen kann, da Finten, Bluff und Täuschung in seiner Sportart einfach dazugehören. Diese Fähigkeiten verbesserte er in seiner zweiten Laufbahn enorm. Als Sportler wurde er noch von einem Bundeskanzler zusammengestaucht (der Grund gereichte ihm bei den Sportlern zur Ehre), so etwas wäre ihm später nicht mehr passiert – wer so biegsam wurde wie er, lässt sich nicht mehr zusammenstauchen.
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Auch B war ein großer Taktiker vor dem Herrn, allerdings war seine Taktik für jeden ersichtlich, da nicht in komfortablen Hinterzimmern, sondern im Stadion praktiziert. Auch benutzte er seine Taktik nicht, um andere zu besiegen (in seiner besten Zeit hatte er keine Gegner mehr), sondern um sich selbst zu übertreffen. Wozu es ein Wort gibt, das hier aber zu verräterisch wäre (alberner Tipp: großscheibendumm). Man sah B
jetzt wieder in einem WM-Stadion, bald wird er an anderer Wettkampfstätte seinen Hut in den Ring werfen.
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Auch A nimmt an dem Wettkampf teil, C nicht. Noch nicht. Er hat Zeit. Wie früher, als er andere sich abrackern ließ, am Ende aber meist als Erster im Ziel ankam. Auch bei den Menschen kam er an, viel besser jedenfalls als sein ständiger Rivale. Dem hätten die hingeheuchelten Beteuerungen des Ober-Smarties C sicher Wutpickel auf die Stirn getrieben, Äußerungen wie bei einem Olympischen Kongress, als der damals noch aktive Sportler C versicherte, lupenreiner Amateur gewesen zu sein. Wie A und B plante auch C die zweite Karriere akribisch. London war nur eine Zwischenstation, aber das würde er nie zugeben.
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A, B und C – in ihrer ersten Karriere trafen sie nie aufeinander, jetzt sind sie Kollegen und Konkurrenten in derselben »Sportart«. Wer sind sie? (Einsendeschluss: 27. August) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle