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Sonntag, 18. August, 9.10 Uhr

Noch ist ein großer, in den letzten Tagen liegen gebliebener Lektüreberg abzutragen, bevor ich mich an die Montagsthemen machen kann. Obenauf aber schon gelesen, im Feuilleton der “Zeit”, ein Erlebnisbericht von Helene Hegemann von den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Hegemann, Sie wissen schon, Axolodingsbums, über das sich die deutschen Feuilletons monatelang echauffierten, delektierten, erektierten. Ich habe auch ein bisschen gestänkert, gegen beide, das hochpepushte Mädel und die Kulturschreibfritzen. Aber was sie jetzt schreibt, gefällt mir. Vorurteil zurückgezogen. Kleine, hübsche Beobachtung am Rande: “Zwei Hippieeltern in gebatikten Festivalhosen lassen ihre beiden Kinder auf dem Parkplatz kacken, direkt hinter McDonald’s. Danach fordern sie mich, anstatt die Kacke wegzumachen,  wutentbrannt dazu auf, meine auf dem Boden ausgedrückte Zigarette in den Mülleimer zu schmeißen.” Hübsch auch: “Beim Auftritt des Rattenchors beobachte ich ein interessantes Phänomen (…): Sobald Tiere auf der Bühne erscheinen, geht ein gewaltiges Raunen durchs Opernpublikum. Ich habe derartige Reaktionen nicht mal bei zehnminütigen Masturbationsszenen erlebt.” Besonders stark: “Im zweiten Akt (…) kotzt ein Mann drei Reihen vor mir in die Handtasche seiner Frau. Sie macht die Handtasche zu, es geht weiter.” Nummer eins und drei kommen in die ganz enge Auswahl für “Ohne weitere Worte”.

Gestern vor, während und nach dem Spiel rund um das Waldstadion geradelt. Schon um zwölf Uhr hatten sie auf dem Parkplatz Isenburger Schneise die Sitzhocker rausgestellt und stärkten sich mit Speis und vor allem Trank für das bevorstehende Desaster, das keines wurde. Ich habe, sehr viel früher, nur einmal so weit weg vom Stadion geparkt. Nie wieder. Die beiden Märsche hin und zurück blieben in unangenehmer Erinnerung, das Spiel überhaupt nicht. Später parkte ich zwar auch weit ab vom Schuss (Gegend Gerbermühle), fuhr dann aber gemütlich mit dem Rad, eine Saison lang sogar mitten bis zu den VIP-Parkplätzen, freihändig, meinen Presse-Durchfahrtschein hochhaltend. Ging später nicht mehr, fuhr dann mit dem Rad bis Unterschweinstiege. War aber auch noch ziemlich komfortabel.

Ich hatte also auch, wie alle Journalisten, freie Fahrt bis nah dran, freien Eintritt, und wenn ich gewollte hätte, vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel Speis und Trank für umme. Den Durchfahrtschein benutzte ich schon bald gar nicht mehr, Speis und Trank verschmähte ich sowieso, dennoch war mir klar, wie privilegiert wird sind gegenüber dem normalen Fan, der für den Stadionbesuch tief in die Tasche greifen muss (und sich daher bei den fliegenden Bier&Co-Händlern auf den Anfahrtwegen bedient statt bei den Apotheken im Stadion). Am meisten stank mir: Dass sich einige “Kollegen” beschwerten über die Qualität des Freibier- und Freiess-Angebots. Meist waren es solche, die ihre Pressekarte von echten Kollegen geschnorrt hatten und selbst keine Zeile schrieben.

Apropos Gerbermühle. Als wir Samstag vorbeifuhren, standen zwei Wichtig-wichtig-Mienen in schwarzen Anzügen und mit weißkabeligem Knopf im Ohr vor dem Zaun. Drinnen (also draußen, hinter dem Zaun und vor dem Haus)nicht wie früher gediegen-rustikal, sondern schickimickihaft aufgemotzt, mit langen, blütenweiß betischdeckten Bänken. Muss ich also nicht mehr hin. Wahrscheinlich lassen mich die Wachmänner als sofort erkannten Provinzproleten erst gar nicht rein.

Stehen die immer vor der Gerbermühle? Oder speiste dort ein hochwichtiger Promi? Vielleicht Bouffier? In diesem Zusammenhang mache ich jetzt mal eine Wahlaussage, die von meinen Lesern lange erhoffte und geforderte: Ich wähle Bouffier, weil er Gießener ist und ein guter Basketballer war. Ich wähle Schäfer-Gümbel, weil er nicht nur Gießener ist, sondern dort sogar in “meinem” Viertel aufwuchs. Ich wähle Gerhard Merz, weil er Gießener ist, den “Anstoß” liest und ein netter Kerl zu sein scheint. Ich wähle Michael Beltz, weil er Gießener ist, den “Anstoß” liest, ein netter Kerl zu sein scheint und der Bruder von Matthias Beltz ist.  Damit habe ich meine Kompetenz als homo politicus, dem es nur um die Sache geht, doch hoffentlich überzeugend bewiesen.

Da ich unter anderen mir Lieben auch Bouffier wähle, darf ich seiner Partei einen Tipp geben: Das Wahlplakat mit der Aufschrift “Hessen bleibt sicher” findet sicher noch seinen Platz im absurdistaner Dada-Museum. Was wollt ihr uns bloß damit sagen? Inflation bleibt am Limes hängen? Kriegerische Einfälle sowieso? Bouffier ist Obelix und Hessen sein wehrhaft-störrisches Dorf? Oder ist die Aussage: Von hessischem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen?  Auch wenn wir große Ausgeher sind, wie ich auf der Radtour gesehen habe: Als ich das letzte Mal rund um Frankfurt und den Main fuhr, kam ich noch durch viele Vorstadt-Wüsten. Jetzt ist alles aufgehübscht, sogar in Offenbach, und wenn man jede Einkehrgelegenheit nutzen wurde, könnte man keine zehn Meter am Stück fahren.

Wieder einmal hat’s geklappt: Über die allmähliche Verfertigung der Montagsthemen beim Drauflosschreiben des Sonntagmorgenblogs. Aus diesem Stein(es)bruch klau ich mir wieder ein paar Kieselchen. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle