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Montagsthemen (vom 19. August)

Vor, während und nach dem Spiel rund um das Waldstadion und um Frankfurt geradelt. Aus Aberglaube oder Spaß am Radfahren? Das spielt hier keine Rolle. Schon um zwölf Uhr hatten sie auf dem Parkplatz Isenburger Schneise die Sitzhocker rausgestellt und stärkten sich mit Speis und vor allem Trank für das bevorstehende Desaster, das keines wurde. Im Gegenteil, geklaut haben sie uns einen Punkt, sagt jeder auf dem Rundkurs, sein Smartphone beweiskräftig vorzeigend wie der Fotoreporter nach David Storls Siegesstoß.
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Apropos Storl: Als 99,9 Prozent der Bundesbürger diesen Namen noch nicht kannten, stellten wir ihn schon als künftigen Ausnahmestoßer vor. Eine Ausnahme sollte aber auch die kleine schwarzrotgoldene Melone auf seinem großen Kinderkopf bleiben. Junge, sah das bescheuert aus!
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Auch Storls Nachfolger haben wir schon früh vorgestellt: Jacko Gill. Jetzt verbesserte der Neuseeländer Storls phänomenalen U-20-Weltrekord (22,73/6-kg-Kugel) in Auckland auf glatte 23,00 Meter. Gill ist erst 18 und kann noch fast zwei Jahre mit der Jugendkugel stoßen.
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Zurück in den Frankfurter Stadtwald. Ich habe nur einmal so weit weg vom Stadion geparkt. Diese zwei Märsche! Nie wieder. Später parkte ich zwar auch weit ab vom Schuss (bei der Gerbermühle), fuhr dann aber gemütlich mit dem Rad, eine Saison lang sogar mitten bis zu den VIP-Parkplätzen, freihändig, meinen Presse-Durchfahrtschein hochhaltend. Durfte ich später nicht mehr, fuhr dann mit dem Rad bis zum Gleisdreieck.
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Ich hatte also, wie alle Journalisten, freie Fahrt, freien Eintritt, und wenn ich gewollt hätte, vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel freien Speis und Trank. Den Durchfahrtschein benutzte ich schon bald gar nicht mehr, Speis und Trank verschmähte ich sowieso, dennoch war mir klar, wie privilegiert wir sind gegenüber dem normalen Fan, der für den Stadionbesuch tief in die Tasche greifen muss. Am meisten stank mir, dass sich einige »Kollegen« beschwerten über die Qualität des Freibier- und Freiess-Angebots. Meist waren es solche, die ihre Pressekarte von echten Kollegen geschnorrt hatten und selbst keine Zeile schrieben.
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Apropos Gerbermühle. Als wir Samstag vorbei fuhren, standen zwei Wichtig-wichtig-Mienen in schwarzen Anzügen und mit weißkabeligem Knopf im Ohr vor dem Zaun. Dahinter sah es nicht wie früher gediegen-rustikal aus, sondern schickimickihaft aufgemotzt, mit langen, blütenweiß getischdeckten Bänken. Muss ich also nicht mehr hin. Wahrscheinlich würden mich die Wachmänner als sofort erkannten Provinzproleten auch gar nicht erst rein lassen.
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Stehen die immer vor der Gerbermühle? Oder speiste dort ein hochwichtiger Promi? Vielleicht unser Landesvater? Dem Gießener ist alles Gießen, daher wähle ich beide Spitzenkandidaten, obwohl ich bei einem Wahlplakat des einen intellektuell überfordert bin: »Hessen bleibt sicher.« Was wollt ihr uns bloß damit sagen? Der Limes als unüberwindliches Bollwerk gegen Inflation, Krieg, Überfremdung? Während Rheinland-Pfalz untergeht? Oder ist die Aussage: Von hessischem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen?
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Auch wenn wir große Ausgeher sind: Als ich das letzte Mal rund um Frankfurt fuhr, kam ich am Main noch durch viele Vorstadt-Wüsten. Jetzt ist alles aufgehübscht, sogar in Offenbach, und wenn man jede Einkehrgelegenheit nutzen wurde, könnte man keine zehn Meter am Stück fahren.
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Kreisen die »Montagsthemen« buchstäblich zu weit um den Fußball? Dann noch mal kurz mitten rein: Hoffenheim gewinnt 5:1 in Hamburg, war ja klar. Nur wir in Hessen kennen die »Soma«, bunt zusammengewürfelte Sondermannschaften. Die einzige Soma außerhalb Hessens spielt in Hoffenheim, gewann jetzt ein Testspiel gegen Kreisligist Dillingen mit 19:0. Wiese im Tor blieb also diesmal unbezwungen, Derdiyok traf, wie er wollte, und auch die anderen Stars hatten ihren Spaß am Spiel.
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Ein hoch bezahlter Spaß. Wiese kassiert in der Soma drei Millionen pro Jahr, heißt es. Die anderen Abgeschobenen verdienen auch nicht viel schlechter. Da Hoffenheim 42 hochkarätige Profis im Kader hat, von denen die Stammspieler um Klassen besser sein müssen als Soma-Kicker, kann ein 5:1 in Hamburg nicht überraschen. Ein dreifaches Bravo für Hopp und seine Duchführungsbeauftragten im Management. Nicht für das 5:1, sondern für ein Alleinstellungsmerkmal: So viele Millionen hat noch niemand in den Soma-Sand gesetzt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle