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Sport-Stammtisch (vom 17. August)

Wer schafft es, mehr Finalwettkämpfe in einer Livesendung zu verpassen, ARD oder ZDF? Momentan führt das ZDF, wegen seiner Mainzelmännchen. Man muss schon hurtig zappen, um zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und Eurosport alles mitzukriegen.
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Aber auch Eurosport hat seine Macken, verkauft manche Konserve als »live«. Auch sein hoch gelobtes Reporter-Duo Heinrich/Thiele ist nicht jedermanns Sache. Immerhin hörte ich dort wieder einmal den herrlichen Satz von Kugel-Olympiasieger Udo Beyer: »Mit einer guten Technik kann jeder weit stoßen.« Beyer war ein gewaltiger Kerl mit gewaltig schlechter Technik.
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Über Usain Bolts »schwache« Zeit von 9,77 wird viel gemunkelt. Aber schwach? Bei Regen und leichtem Gegenwind? Unter optimalen Bedingungen, zum Beispiel wie in Weinheim, wo DLV-Sprinter vor der WM fast deutsche Rekordzeiten liefen, entsprechen Bolts 9,77 fast seinem 9,58-Weltrekord.
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In Moskau liefen die deutschen 100-m-Sprinter wieder wie … deutsche 100-m-Sprinter. Adidas hat ihnen wohl noch nicht die richtigen Schuhe geliefert. Der Konzern schwächelt ja, wie man auf Wirtschafts-Seiten lesen kann, und setzt nun alle Hoffnungen auf einen neuen Wunderschuh. Der heißt »Springblade«, hat Kunststoff-Federn in der Sohle und soll seinen Träger katapultartig nach vorne treiben. In Übersee ist er schon auf dem Markt, in Europa wird er erst 2014 verkauft.
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Ein Katapultschuh also. Klingelt da etwas bei Ihnen? Nur, wenn Sie schon etwas betagter sind: Juri Stepanow verbesserte  1957 seine persönliche Bestleistung im Hochsprung von 2,09 auf 2,16 Meter – Weltrekord! Am Sprungfuß trug er einen Katapultschuh, der kurz darauf verboten wurde. Weiß man das bei Adidas nicht?
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Aber womöglich wird der Katapultschuh diesmal nicht verboten – um die Chancengleichheit nicht amputierter Sportler zu wahren, die sonst demnächst den Paralympic-Stars auf ihren High-Tech-Stelzen hoffnungslos hinterher hinken müssten.
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Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber in meinem Kopf spuken unbeantwortete Fragen herum: Wie viele Millionen waren wirklich auf dem Konto und von wem und warum kamen sie dorthin? Und damit zum Fußball. Vorstartfieber vor dem Bayern-Gastspiel. Aber eigentlich kann nichts schiefgehen: Treffen wie einst Preuß beim Fallrückzieher, halten wie Nikolov damals beim 0:0, schon ist das Ding gewonnen. Die spielen gar nicht mit? Ach so. Dann macht uns halt den Oka, den Christoph!
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Das seltsame Länderspiel vom Mittwoch: Wie kam Löw auf die Idee, fünf Spieler einzusetzen, die im Vorbereitungstraining steckten und noch kein Pflichtspiel absolviert hatten? Und was hat er Hummels in den Tee getan? Alles nur Bluff? Um die deutsche Erwartungshaltung – WM-Titel ist klar, aber bitte mit Zauberfußball – auf realistischeres Niveau zu senken?
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Für mich das Erhebenste: die Schweigeminute für Bert Trautmann. Mit dem Mann, durch ihn, habe ich Lesen gelernt! In dieser Zeitung! Da gab es montags einen Ergebniskasten auf der ersten Seite, den ich als Fünfjähriger unbedingt entziffern musste. Denn in England spielte ein deutscher Torwart mit gebrochenem Genick! Dass er das nicht immer tat, wusste ich nicht. Ich wollte unbedingt wissen, wie seine Mannschaft spielt, und suchte als erstes nach dem Klub, den ich als »Mankester Kitti« laut buchstabierte. Welche Freude, wenn »Mankester Kitti« gegen »Mankester Unittett« gewonnen hatte!!
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Habe ich tatsächlich geschrieben, »dann macht uns halt den Oka«? Ein Halt dem »halt«, diesem notorischen »halt« muss Einhalt geboten werden. Ist doch stilistisch unmöglich! Obwohl, vor Jahren tröstete mich mal ein Leser nach dem Gebrauch des hilflosen »halt«-Füllworts, dass Eduard Mörike in seiner Novelle »Mozart auf der Reise nach Prag« das »halt« sogar gesteigert hat: »Bucheckern und Eicheln, am Boden verstreut, sehn halter aus als wie Geschwisterkind.«
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Und sogar »als wie«? Das sagt sonst nur Beckenbauer, wenn er nicht weiß, ob »als« oder »wie« nötig ist. Damit vermeidet er wenigstens die Peinlichkeit von Günter Grass, der als deutscher Großschriftsteller in einem »SZ«-Interview dieser Tage behauptete, es gebe »keinen schmierigeren Verrat wie den von Lafontaine an seinen Genossen«. In der Sache mag er recht haben, grammatisch liegt er ganz schön daneben.
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Aber nicht so daneben wie Beckenbauer im ZDF-Sportstudio. Leser machen mich darauf aufmerksam, ich schaue es mir in der Mediathek an … und denke an den letzten »Sport-Stammtisch« (»Sollte ich jemals noch ein Wort über Doping verlieren, lasse ich mir ein ›Haustierchen‹ stechen.«). Kollege »mac« glaubt nicht, dass ich’s durchhalte, und empfiehlt mir zur Einstimmung ein Youtube-Video, auf dem eine Frau, der ein Tattoo gestochen wird, minutenlang entsetzlich kreischt. Jetzt halte ich erst recht durch!
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Also, Beckenbauer im Sportstudio … kein Wort mehr, sonst werd’ ich tätowiert! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle