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“Auszeit” ist keine Auszeit (“Anstoß” vom 15. August)

»Sein lassen – Auszeiten« – der Titel ist das Leitmotiv der neuen Ausgabe von »Brennpunkt Gemeinde«, einer theologischen Zeitschrift mit missionarischem Ansatz. Ihre Redaktion hatte die interessante Vermutung, dass auch die »Auszeit« im Sport zum Leitmotiv des Mal-die-Seele-baumeln-lassens gehören könnte, und bat mich deshalb um einen Beitrag. Es folgt eine gekürzte Version.

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Laut einer Studie der Sporthilfe leiden viele Leistungssportler unter Existenzängsten, Leistungsdruck, Versagensangst, Essstörungen, Burnout oder gar Depressionen – das schreit geradezu nach … »Auszeit!«, zumal wir dieses Wort sogar aus dem (US-) Sport übernommen haben: Auszeit, »Timeout«, die Spieluhr wird angehalten, gefordert vom Trainer, angekündigt vom Schiedsrichter, der mit beiden Händen ein »T«(imeout) formt. Auszeit. Raus aus der Hektik des sportlichen Wettstreits. Atem holen. Mal an was ganz anderes denken, anderes tun. Den Stress hinter sich lassen. Überhaupt: »Lassen« – Lassen als erholsamer Gegensatz zum Tun. Und, natürlich: »Die Seele baumeln lassen«, dieses (arg strapazierte) Bild einer Auszeit. Alles das hat mit der Auszeit im Sport …

NICHTS

… zu tun. Auszeit, Beispiel Basketball, das sind 60 wertvolle Sekunden, jede einzelne muss genutzt werden. Die Zeit steht still? Sie rast! Hochspannung. Höchste Konzentration. Höllenlärm in der Halle. Der Trainer schreit, gestikuliert. Skizziert in Windeseile Angriffs- und Verteidigungstaktiken. Sein Puls steigt in schwindelnde Höhen, der seiner Spieler bleibt ebenfalls oben, trotz fehlender physischer Belastung. Sie werden nicht darauf eingeschworen, es »sein zu lassen«, sondern es gerade nicht so sein zu lassen, wie es zuvor im Spiel war. Denn wenn es gut und rund läuft, benötigt keine Mannschaft eine Auszeit. Erst wenn das Spiel kippt oder fast schon verloren scheint, zeigt der Trainer sein »T“. Um Fehler im System zu beheben, Spieler zu maßregeln, zu pushen, auch zu loben. Bisweilen nimmt der Trainer die Auszeit auch nur, um den Gegner, der gerade einen »Lauf« hat, nicht »sein zu lassen«, sondern aus dem Konzept zu bringen. In jedem Fall aber ist die Auszeit nicht vom regenerativen Atemholen gekennzeichnet, sondern vom atemlosen, hektischen, stressigen Siegenwollen. Wer eine Auszeit im übertragenen Sinn sucht, findet sie nicht im Sport, dem hilft nur eine Auszeit vom Sport. Die Profisportler nehmen sich ja auch solche Auszeiten. Aber erst nach den vielen stressigen Auszeiten der Saison. Die NBA gönnt ihren Protagonisten, die während der laufenden Spielzeit jeden zweiten Tag zu Punktspielen antreten müssen, zwischen den Spielzeiten eine monatelange Pause. Dirk Nowitzki nutzt sie stets im Sinne unserer übertragenen Auszeit-Bedeutung. Angeregt, angestoßen und beraten von seinem Freund und Mentor Holger Geschwindner bildet er sich nach der Saison weiter, spielt Gitarre, liest Werke alter und neuer Schriftsteller und Philosophen, entflieht der Hektik, lässt den Stress hinter sich und lädt seinen Akku auf (eine beliebte Sportbinse, nichtsdestotrotz eine treffende), zieht dann auch mal wochenlang durch einsame Weltgegenden. Mit dieser Art Auszeit sammelt er neue Kraft für seinen Beruf und Hunderte von mörderischen Auszeiten, die dort auf ihn warten. Aber wer kann sich schon, dringend eine Auszeit benötigend, einen NBA-Profi zum Vorbild nehmen? Wer hat die Zeit und das Geld, in vielen Wochen aktiver Erholung »die Seele baumeln« zu lassen, es »sein zu lassen« und nur zu tun, was ihm Lust und Laune macht? Und das alle Jahre wieder? Am Sport-Wort Auszeit können wir uns nicht orientieren, an dem, was die Basketball-Millionäre in ihrer außersportlichen Auszeit tun, ebenfalls nicht. Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Selbst den Nowitzki-Weg gehen die wenigsten NBA-Profis. Eher halten sie es mit Chris Kaman: In seiner Auszeit vom Sport schießt Kaman gern mit einem Maschinengewehr auf alte Autos (auf YouTube zu sehen), widmet sich seiner beeindruckenden Messersammlung oder fährt schon einmal zur Probe das neueste Spielzeug, das er sich gern zulegen möchte: einen Panzer. Da finden dann doch noch beide Arten der Auszeit einen gemeinsamen Nenner. Beziehungsweise einen  Buchstaben: vom »T«-Zeichen der Auszeit zum »T-Panzer« in Kamans Auszeit von den Auszeiten. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle