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Karin Scheunemann: WM, ZDF, Eurosport und einiges mehr

Nach längerer Zeit mal wieder ein Lebenszeichen aus der Provinz. Aber mir würde der Kamm schwellen, wenn ich denn einen hätte, wenn ich mir anschaue, was das ZDF wagt uns anzubieten, bzw. uns vorzuenthalten. Nach intensivem TV-Konsum im Ersten und Eurosport freute ich mich (mit Wolfgang) auf den zweiten Tag mit den deutschen Zehnkämpfern und dem ZDF. Um so erstaunter, mit welcher Arroganz das Publikum mit einer Zusammenfassung in 40 Minuten ab 10.15Uhr abgespeist wird. Fernsehgarten ist auch viel wichtiger! Zwischen 7.00 und 11,00 waren immerhin unsere Recken, der überraschende Vorlaufsieg von Verena Sailer, das Weiterkommen von Tatjana Pinto und Christina Schwanitz, aber auch weitere Deutsche zu sehen. Und was macht Eurosport: Nicht nur in Ausführlichkeit und Sachkenntnis sind die Spitze; das Tüpfelchen auf dem Programm die breite Begleitung zum Stabhochsprung mit der genialen Idee, den daheimgebliebenen Jan-Felix Knobel als Telefon-“Joker“ einzubinden und so fast drei Stunden mit Kommentaren und Hintergrundinformationen zu einem Glanzlicht erstrahlen lassen. Da schnalzt nicht nur ein Spezialist mit der Zunge. Man schreit immer nach Vorbildern, wenn man sie hätte, auf dem Tablett serviert, werden sie einfach negiert. Jedenfalls hat „unser Bub“ einen Einblick in das Zehnkämpferleben geben können, auch was Leistungsentwicklung, Aufwand, Psyche und Persönlichkeit angeht. Auch die übrige Moderation glänzt von Sachkenntnis; z.B. werden die Sprint-Zeiten von Weinheim ins rechte Licht gerückt (Günter Eisinger: da laufen die einmal in Weinheim eine tolle Zeit und dann dieser Zeit ewig hinterher) Man sieht, was diese Zeiten in der Wirklichkeit Moskau wert sind; es wird ja schon hochgerechnet, daß die Staffel mit vier Männern à 10,17sec besetzt ist und dann Ausscheiden im Vorlauf mit 5. und 6. Plätzen. Aber ist es nicht die Sportpresse oder die sich dafür halten, die Mittelmäßigkeit in den Himmel hebt und sogar zu Medaillenkandidaten macht? Dafür aber auch ein großes Lob für Verena Sailer, die es den Männern zeigt, wie man´s macht (Eurosport). Und auch der Seitenhieb an jene Obige, die Tatjana Pinto ebenso hochgelobt hatten als neuen Stern, der aber doch noch ein kleines Sternchen ist. Eurosport immer mit Augenmaß, der Spur Humor und einem fast Rundumwissen; das ist Fernsehen mit Genuss. Nun zu Bei-Themen wie das fast rührende schüchterne Auftreten von Usain Bolt, das Hinterherlaufen von Türken, die noch übriggeblieben sind. Oder mein persönliches Debakel, da selbst erlebt: Eine Diskuswerferin wirft der anderen die Nase kaputt beim Einwerfen-wo waren die Kampfrichter? Bei mir war es 1970 der Kiefer.

Zu der „neuen“ Doping-Untersuchung gibt es an sich gar nichts zu sagen; alles schon längst bekannt, dank Berendonk, A. Wagner und den Gurus um Klümper. Sogar wir Studenten wußten um die Muwapille, Ricky Bruch, den vielen Zahnklammern und dann bei kleineren Wettkämpfen von den vielen heimlichen Dopern frei nach dem Motto „Viel hilft Viel“, was m. E. noch schlimmer war als das Staatsdopen. Und jetzt gibt es die große Empörung; auch die Äußerungen von Keul, Daume, Schäuble sind alte Hüte. Doping in der BRD seit 1949? Nein, Doping gab es schon bei den Griechen usw. z. T. bei der Tour de France oder Boxen mit noch viel härteren Mitteln. Wenn jeder Normalo wüßte, daß er bei Erkältung, Unpässlichkeiten, Stress zig Dinge einwirft, die auf der Dopingliste stehen, würde man etwas kleinlauter sein.

Aber noch etwas ist mir bei meiner monatlichen Zeitungsdurchsicht nach ausschneidbaren Abschnitten aufgefallen: Bei dem Sportfreund A. der auf seinen wiederaufgetretenen Tumor hinwies, ist hoffentlich nicht unser diskuswerfender Polizist gemeint (Anm. gw: doch!). Zum anderen wurde auch ich unsanft an die unsäglichen Mitternachtsvorlesungen und Seminare beim liebevoll „Pädognom“ genannten Mieskes erinnert. Seit dieser Zeit weiß ich über fast alle pädagogischen Strömungen Bescheid und kann genau Auskunft geben über Schulformvarianten. Er war es auch, der mich vor den Versäumnissen meinerseits im studentischen Leben warnte, als ich ihm kundtat, daß ich ja schon verheiratet war und zu alldem noch schwanger. Beides hat mir nicht geschadet, und heute freue ich mich, daß trotzdem etwas aus mir geworden ist, ein bisschen anders als damals geplant, aber das ist es ja. Für heute das letzte, die Erkenntnis der Rechts-und Linkshändigkeit: Als Linkshänderin mußte ich 40 Jahre in der Schule und noch länger im Verein alles immer auch rechts vormachen. Ich war echt glücklich, wenn ich einen Linkshänder vor mir hatte, konnte ich dann doch meine wahren Fähigkeiten zeigen,, wie z. B. den Korbleger, der von rechts lange nicht so flüssig aussah. Beim Fußball kam dann dank Transfer-Effekt meine Beidfüßigkeit zum Tragen. Jetzt werde ich mir wieder Eurosport reinziehen, ebenso Deine Dossiers über Sport und die Welt und mich freuen, daß ich mich so lange wie möglich richtig freuen und ärgern kann. (Karin Scheunemann/Bad Nauheim)

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