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Sport-Stammtisch (vom 10. August)

»Ich frage mich, wie es Ihnen momentan so gehen mag. Fühlen Sie Genugtuung, dass nach all den Jahren Dinge ans Licht kommen, die Sie schon damals angerissen haben? Fühlen Sie Verbitterung, weil da jetzt welche aus ihren Löchern gekrochen kommen, die es damals schon genauso gut gewusst haben? Sind Sie sauer, ob all der Scheinheiligkeit, mit der auch die heutigen Funktionäre und Verantwortlichen sich hinstellen und ihre Hände in Unschuld waschen?« Fragen unseres Lesers Walther Roeber aus Bad Nauheim. Antwort: Keine Verbitterung, keine Säuernis. Aber eine kleine Genugtuung: Wer an dem gezweifelt haben sollte, was ich über all die Jahrzehnte zum bundesdeutschen Staatsdoping geschrieben habe, der zweifelt jetzt nicht mehr.
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Mein altes Thema also wieder, es wird derzeit medial aufpoliert und skandalisiert. Doch wer jetzt angeödet die Kolumne verlassen will, der möge sich bitte, bitte gedulden – nachher kommt eine Leserin zu einem ganz anderen Thema zu Wort (mit berechtigter Kritik an mir), und das wird Sie mit all dem Doping-Gedöns versöhnen. Versprochen!
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Aber vor der Kür die Pflicht: Alte »Anstoß«-Leser kennen alle »Enthüllungen«, die jetzt »enthüllt« werden, und noch einiges mehr. Nur eine notwendige Enthüllung bleibt aus, denn sonst müssten ja die berufsmäßigen Enthüller ihre Mitschuld enthüllen – die Rolle der Medien als Wach- und Schießhunde der Nominierungs-Potentaten des bundesdeutschen Staatsdopings. Wie geifernd haben sie Athleten verbellt, die knapp an der Doping-Norm scheiterten, aber vom Verband dennoch für Olympia nominiert wurden!
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Den deutschen Sport-Medien war klar, dass Spitzenleistungen zumindest in einzelnen Disziplinen nur mit Anabolika möglich waren, und dennoch forderten sie diese Spitzenleistungen. Ihre Schizophrenie bewiesen sie auch an mir. Ausführlich habe ich dazu im »Sport-Leben« Stellung bezogen, einst in Auszügen als Serie im Blatt und seit Jahren ungekürzt im Online-»Anstoß« »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen.
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Ich rief im Winter 1975 den Leichtathletik-Chef einer großen Nachrichtenagentur (sid) an: »Ich will beweisen«, sagte ich, »dass man über 20 Meter kugelstoßen kann und bin bereit, mich jederzeit unangemeldeten Trainingskontrollen zu unterziehen.« Der Agentur-Mann war begeistert. Solch ein Narr kam ihm gerade recht. Er schrieb einen groß aufgemachten Artikel, der in den meisten deutschen Zeitungen erschien. Ein Apotheker aus Mainz, einer der frühesten und engagiertesten Dopingjäger, wurde auf mich angesetzt. Sie wussten, sie würden mich packen, denn 20 Meter und Anabolika, das waren für die bundesdeutsche Presse Synonyme, nur gemeinsam denkbar.
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Als es am Ostersonntag 1975 abends gegen elf Uhr läutete und der Doping-Jäger vor der Tür stand, empfing ich ihn freudig. Endlich! Seit acht Monaten hatte ich keine einzige Pille geschluckt. Wunderbar. Solch einen überzeugenden Test gibt es selbst heute noch nicht: Ohne jede Vorwarnzeit, mitten in der Aufbauphase, völlig unangekündigt, kein »Missed-Test«-Hintertürchen, keine Manipulationschance.
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Jedoch: Der Doping-Fahnder kam nie wieder. Offenbar kein Interesse an einem nachweisbar ungedopten Kugelstoßer. Der Agentur-Sportchef widmete dem groß angekündigten Test keine Zeile mehr. Gute Nachrichten sind nun mal keine Nachrichten.
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Ich hatte nicht getrickst, nicht getäuscht, sondern aus lauteren Motiven auf die nach öffentlicher Meinung unverzichtbaren Anabolika verzichtet. Dass und warum ich mich dennoch nicht als weltweit erster Sportler feiern lassen kann, der im Training, und das auch noch freiwillig, getestet wurde …. das ist leider im »Sport-Leben« nachzulesen.
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Nun könnte ich den Bogen schlagen zum leistungsmanipulierenden »Oregon Project« von Nike mit seinem High-Tech-Unterdruckhaus, das zum Beispiel Großbritannien den neuen Volkshelden Mo Farah beschert hat, oder zur wettverseuchten Fußball-Bundesliga, deren finanzielle Existenz auch von privaten Zock-Großanbietern gewährleistet wird und deren sportliches Prinzip auf legalem Doping basiert (denn was ist der Zukauf fremder Leistung anderes als eine klassische Definition des Dopings?), aber …
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… einmal muss auch Schluss sein. Und hiermit verspreche ich hoch und heilig, meine Leser nie, nie, nie mehr mit dem Thema Doping zu belästigen. Ich bin durch damit, endlich.
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Wie viel schöner ist es doch, sich hiermit zu beschäftigen: »Ich gehöre zu den Lesern Ihrer Texte, seit es diese gibt, mithin also zur ›liebsten Zielgruppe« – so beginnt einer der mir liebsten Leserbriefe seit langer Zeit, und das, obwohl ich von Barbara Tomsch aus Reichelsheim streng kritisiert werde. Mit Fug und Recht, denn es geht um diese »Montagsthemen«-Sätze nach den »Golden Oldies«: »Liebe Mädchen, verehrte Frauen: In den Zeiten, als man eure Petticoats trug und euer Retro-Look der letzte Schrei war, da gab es keine einzige Petticoatträgerin mit auch nur dem winzigsten Tattoo, so etwas sah man nur bei Matrosen, Zuhältern und im Knast.«
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Typisch »gw« halt, immer feste druff. Doch nun gehe ich in mich. Barbara Tomsch: »Obgleich ich Ihre Nutzung der deutschen Sprache für Witz, Humor und Ironie sehr schätze, will ich doch über Knastis, Seeleute und Zuhälter mit Tattoos etwas anmerken: Ich gehöre zu keiner der drei Personengruppen, bin schon reifen Alters und seit 22 Jahren stolze Trägerin von zwei ungewöhnlichen Tätowierungen! Im Ausschnitt trage ich eine Vogelspinne, auf dem rechten Oberarm eine Klapperschlange. Gerne hätte ich diese Körperbilder als Petticoat-Trägerin mit zwölf Jahren gehabt; dem Ratschlag meines sehr modernen Vaters folgend wartete ich ab, bis auch der ›Letzte, der was dagegen haben könnte‹, nicht mehr da war. Also, lieber gw, es gibt so viele verschiedene Gründe für Tätowierungen, wie es Tätowierte gibt! Mir haben meine ›zwei Haustierchen‹ viel Selbstwertgefühl gegeben, als ich es sehr nötig hatte. Ich trage sie stolz bis ans Lebensende.«
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Da stehe ich nun beschämt da, mit meinen vollprolltätowierten Vorurteilen. Doch ich biete tätige Reue an: Sollte ich jemals noch ein Wort über Dopingthemen verlieren, lasse ich mir ein »Haustierchen« stechen, Frau Tomsch darf’s auswählen. Aber bitte, auch wenn ich’s verdient hätte, keinen blöden Affen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle