Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Rück-Blog Juni/Juli (Anstoß vom 7. August)

»Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt im Internet die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Ab und an veröffentlichen wir Auszüge auf Papier – heute bloggen wir auf Juni und Juli zurück.
*****
*
Sonntag, 2. Juni, 6.15 Uhr: Boxer Sidon ist sauer auf mich, weil ich kürzlich in Blog und Kolumne über ihn geschrieben und ihn mit dem alten »Anstoß«-Running Gag Schnieders (der Boxer mit der Zyste im Hirn) verglichen habe. Da Sidon ein alter Junge aus dem Leben ist und ich die »Szene« aus früheren Zeiten gut kenne, transportiert ihn der Traum in die wildeste Ecke der Szene, er will mich dort fertigmachen, ich sage ihm aber, dass ich schon mal gegen Jörg Eipel gesparrt habe, den Profi, der einst im Koma lag, spät erst wieder aufwachte, wieder Boxen wollte, und ich ihn beim Sparren schonte (das Bübchen war einen Zentner leichter), um ihn nicht wieder ins Koma zurückhauen zu müssen. Sidon ließ sich davon aber nicht beeindrucken, ging auf mich los … und ich erwachte.
*
Sonntag, 16. Juni, 6.00 Uhr: Alte Freunde: Bin bei Facebook angemeldet, aber so gut wie inaktiv, gucke meistens nur rein. Ein Grund zum facebooken war, neugierig auf ein paar alte Werfer aus den USA zu sein. Jetzt habe ich einige »Freunde« dort (neben Al Feuerbach u.a. Brian Oldfield, Randy Barnes oder Mac Wilkins), aber die »posten«, was das Zeug hält, mit täglichen persönlichen Wasserstandsmeldungen und kalenderspruchphilosophischen »geteilten« Texten und Bildern.
*
Freitag, 21. Juni, 18.45 Uhr: »Bild« schlagzeilt heute, dass die Autobahnen in der Hitze aufbrechen. Meine Zusatzrecherche: Auch die Radwege! Drei Tage in Mainfranken unterwegs, bei 54 Grad im nicht vorhandenen Schatten, dabei mit den Rädern bis zu den Speichen im flüssigen Asphalt steckend, und dennoch einige tausend Kilometer abgerissen. Das soll uns drei Greisen erst mal einer nachmachen! Was sa mi Kerle, was hu mi Bäusch! Ich erwähne es nur, weil Blog-Leser neugierig auf die Leistungsdaten sind. Hiermit habe ich sie in aller Bescheidenheit kundgetan.
*
Sonntag, 23. Juni, 6.10 Uhr: Meldungen der Nacht: Nichts annähend Erwähnenswertes. CDU stellt Wahlprogramm vor, SPD meckert, zu Recht, wie auch CDU gemeckert hat, als die SPD ihr Wahlprogramm vorgestellt hat. Dazu die Wahlprogramme von Grünen, FDP und Linken: Zusammen kosten sie mehr als alle Rettungsschirme, jeder weiß, dass es Wahlversprechen sind, die niemand ernst nehmen muss. Und als Alternative gibt es nur die gleichnamige der schlauschlauen Professoren, die so gar nicht weise wirken, sondern nur naseweis. Gerade gelesen, dass ihr Initiator sie ursprünglich »Adieu« nennen wollte, aber damit nicht durchkam. Schade. Der Name passt besser, sie sind keine Alternative, sondern Professoren Seltsam, die ihr Euro-Bömbchen lieben und nach der Wahl Adieu sagen bzw. gesagt kriegen, möglicherweise aber erst, nachdem sie sie entschieden haben.
*

Sonntag, 30. Juni, 6.25 Uhr: Gestern in der Frankfurter Rundschau gelesen: Das berühmte Foto vom Ende des 2. Weltkrieges mit dem heulenden Jungen in der zu großen Wehrmachtsuniform soll in Rechtenbach gemacht worden sein. In Rechtenbach! Zwischen Gießen und Wetzlar, mitten im mittelhessischen Handball-Gebiet, jeweils am Rande der Verbreitungsgebiete von unserer Gießener Allgemeinen und unserer Wetterauer Zeitung und der Wetzlarer Neuen Zeitung, für die ich als Jugendlicher die ersten Sportberichte schrieb. Dort und bei uns steht nichts davon. Schöner Coup der FR. Der Junge auf dem Foto hieß Hans-Georg Henke, machte später in der DDR Karriere und verlegte, wohl aus Staatsräsongründen, die Aufnahme in die Ostzone/SBZ/»DDR« (die drei West-Schreibweisen der DDR).
*
Sonntag, 28. Juli, 5.45 Uhr: Fünfuhrfünfundvierzig. Den alten Gag, dass wir früher zu dieser Uhrzeit zurückgeschossen haben, lass ich lieber, durch Wiederholung wird er auch nicht besser. Zu heiß. Nicht der Gag, sondern draußen. Und drinnen. Auch Sie kaum geschlafen? Aber bitte keine Klagen. Die Griechen, überhaupt die Südländer, die haben solch ein Wetter regelmäßig sechs Monate im Jahr. Wenn’s bei uns so wäre, ich glaube, wir wären die Sorgenkinder der EU. Jetzt kommt der August, den eine griechische Redewendung überschwänglich begrüßt. Ungefähr so: »Lieber August, du schöner Monat, gäbe es dich doch zweimal!« Nach dem August beginnt für die Griechen der Abschied vom Sommer, sie wünschen sich dann schon »kalo chimona« (schönen Winter).
*
Sylvia Neid. Sie macht eine gute Figur, nicht nur altväter- und brüderlelich buchstäblich gemeint, sondern vor allem im übertragenen Sinn. Fast schon von den Medien abserviert, dann wieder über den grünen Klee gelobt, und sie stand über beiden Extremen. In der Ungnade des frühen Abgabetermins für die Montagsthemen werde ich auch nachher nicht wissen, wie das Endspiel ausging, an meinem Respekt für Neid wird das Ergebnis aber nichts ändern.
*
Sonntag, 28. Juli, 17.45 Uhr: »Zeit«-Titelblattthema: »Die Allzuguten – Den Grünen steht beim Umgang mit den Pädophilie-Vorwürfen die Selbstgerechtigkeit im Weg«. Ein Zitat daraus werde ich »ohne weitere Worte« übernehmen, ein anderes hat mich verblüfft: »Der wahre Konservative nämlich ist zutiefst überzeugt vom Talent des Menschen zum Schlechten, auch vom eigenen.« Nie hätte ich gedacht, dass ich ein wahrer Konservativer bin, doch wenn diese Definition zu Recht auf der Schublade steht, dann bin ich tatsächlich einer und lass mich dort reinstecken. Was mich an den Grünen stört, trotz mancher sympathischer Ansätze und Personen: Dass sie bzw. unverhältnismäßig viele von ihnen sich für das Schlechte für vollkommen untalentiert halten und den Gesinnungsgegner vollkommen untalentiert für das Gute – eine unangenehm wirkende Haltung, idealtypisch personifiziert im derzeitigen Obermacker (nicht in seinem weiblichen… wie heißt das Wort? Widerpart? Nee, seiner Führungspartnerin). So gewinnt ihr meine Stimme nicht. Aber wer gewinnt sie schon? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle