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Alwin Wagner: Ich sollte mundtot gemacht werden (Anstoß extra vom 6. August)

Der ehemalige Weltklasse-Diskuswerfer Alwin Wagner (Bestleistung: 67,80 Meter) war mehrfacher deutscher Meister und Sechster der Olympischen Spiele von 1984. Der Melsunger, der schon früh zugegeben hatte, Anabolika eingenommen zu haben, stimmt den »Montagsthemen« vom 5. August zu und ergänzt sie. (gw)
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Wir waren Athleten in einer Zeit, als man vom Verband noch vor den Dopingkontrollen – bei manchen Länderkämpfen oder internationalen Sportfesten – gewarnt wurde. Man wollte offiziell »saubere Athleten« in Deutschland haben, aber dennoch so erfolgreich sein wie die Sportler aus dem Ostblock oder den Vereinigten Staaten. Der damalige Vorsitzende und spätere DLV-Präsident Helmut Meyer – Spitzname »Leistungs-Meyer« – wollte Erfolge um jeden Preis, damit er auch vor dem Bundesminister des Innern eine gute Bilanz vorweisen konnte.
Sportler, die auf die Missstände hinwiesen, wurden verachtet, ausgegrenzt oder kalt gestellt. Nach meiner Beichte sollte ich mundtot gemacht werden. Solange ich stark und die Nummer eins im Diskuswerfen war, wollten die Funktionäre mir nichts anhaben. Als jemand ebenbürtig oder gar besser war, ließ man mich fallen wie eine heiße Kartoffel. Für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul hatte ich mich mit 66,96 Meter qualifiziert und hatte für viele Fachleute nicht nur eine Endkampf-Chance, sondern war gar für eine Medaille gut. Dennoch wurde ich für diesen sportlichen Höhepunkt vom Deutschen Leichtathletik-Verband nicht mehr vorgeschlagen. Stattdessen nominierte man nach den deutschen Meisterschaften in Frankfurt, die offiziell als Ausscheidung für Seoul galten und bei denen ich 64,70 Meter erzielt hatte, neben Rolf Danneberg mit W. Brunner (63,66 m) und A. Hannecker (61,82 m) zwei Athleten, die nie den Mund aufmachten und zu dem Thema »Doping« nichts sagten, aber viel schwächere Leistungen brachten als ich.
Wenig später erhielt ich Einstweilige Verfügungen von verschiedenen Gerichten, in denen mir bei bestimmten Aussagen in Sachen »Doping« ein Ordnungsgeld von 50 000 DM, ersatzweise eine Ordnungshaft bis zu sechs Monaten angedroht wurden. Weiterhin wurde mir die Unterstützung der deutschen Sporthilfe gestrichen und auch der Vertrag mit dem Ausrüster nicht mehr verlängert.
Wenn man Wissenschaftler beauftragt, dieses (damalige) Doping-System in der Bundesrepublik Deutschland zu enthüllen, aber diese Veröffentlichung blockiert, weil man vielleicht noch einige Mediziner, Politiker, Funktionäre und ehemalige »makellose« Spitzensportler, die heute Funktionärs- und Traineraufgaben erfüllen, nicht an den Pranger stellen möchte, dann ist dieses Vorgehen nicht nur scheinheilig, sondern für mich auch eine echte »Sauerei«. (Alwin Wagner)

Baumhausbeichte - Novelle