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Sonntag, 4. August, 6.05 Uhr

Ich hatte ihn gestern Abend doch noch in meiner Sendung, den Steuermann des Deutschlandachters, des haushohen Favoriten für den olympischen Endlauf. Ein netter kleiner Kerl, sehr eloquent, ein bisschen arg siegesgewiss, aber das war ja klar, wer sollte dieses sensationell starke Boot auch schlagen können? Doch was macht er bloß da unten auf dem Wasser? Ich beobachte den Start zum Finale von einer höheren Warte aus, sehe den silbrig-fischigen Deutschlandachter, ein erstaunlich langes Boot, sicher über 100, nein, mindestens 200 Meter lang, die Konkurrenz, falls es sie überhaupt gibt, verschwimmt im Dunst, mein Fokus liegt auf dem Deutschlandachter, doch auch der liegt, liegt nach einem kurzen Ruck nach dem Start, er liegt, er liegt! Die Ruderer sitzen ratlos im Boot, lassen die Riemen sinken, das Boot, das unglaublich lange, sicher fast einen Kilometer lang, driftet langsam seitwärts ab, und ich höre meinen Steuermann, meinen fröhlichen, frohgemuten, siegesgewissen Gast vom Abend zuvor, im Boot weinen und schreien, “Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung”, was hat er bloß angestellt, was hat er falsch gemacht, dieser deutsche Unglücksrabe? Ich haste im Schiff hin und her (wie komme ich da bloß hinein? Wieso ist es nicht silbrig-fischig, sondern breit und mehrstöckig wie eine griechische Fähre?), suche jemanden, der mich aufklären kann, finde keinen, werde nie mehr einen finden, denn ich wache auf. Es ist fünf Uhr fünfundvierzig, und mit dem ungelösten Rätsel, dem Rätsel, das nie gelöst werden wird, beginnt mein Sonntagmorgen.

Dass es nur ein Traum war, hätte ich schon zu seinem Beginn wissen müssen – ich als Moderator der beliebtesten, meistgesehenen Sendung im deutschen Fernsehen, ein männlicher, weißer Ophra Winfrey (wie schreibt sich die Dame? So ganz gewiss nicht; ich hole es nachher nach, gebe aber meine lautschriftliche Nachahmung zur Belustigung der Blogleser frei)? Das ist selbst im Traum eine monströse Hybris.

So kurz vor dem Aufwachen und sofortigem Aufstehen bleibt ein derartig abstruser Traum plastisch, bunt, lebensecht im Hirn verankert, treibt, driftet nicht ab und versperrt konstruktiven Gedanken für Blog und vor allem für die “Montagsthemen” den Weg durch die müden Gehirnwindungen.

Rudern. Langsam tauchen Erinnerungen auf, an eigene Ruder-Großtaten, keine Träume, sondern erlebt und erlitten, von mir erlebt, von anderen erlitten: Wie ich, als junger Kerl figürlich der Traum jedes Naziideologen, vom erfolgreichen Wetzlarer Rudertrainer von Handball und Leichtathletik abgeworben werden sollte, wie der gute Mann zu mir nach Hause kam, meinen Vater, einen ehemals erfolgreichen Leichtathleten (3,88 im Stabhochsprung mit Bambusstab und ohne Aufsprunghügel, 1,85 im Schersprung, großdeutscher Soldatenmeister in irgendeinem Wahnsinnsmehrkampf (Laufen, Schießen, Handgranaten-Weitwurf, Gepäckmarsch und Sonstiges quer durch alle leichtathletischen Disziplinen), überzeugen wollte, dass Rudern die einzig wahre Sportart ist und Leichtathletik nur Gedöns, mein Vater ihn daraufhin rauswarf, ich dann aber doch zu den Ruderern ging, weil sie nicht locker ließen, wie sie mich, es war gerade Abrudern, sofort in den Achter setzten, mit sieben guten Ruderern, darunter Olympiasiegern und Weltmeistern (wirklich! Die hatten wir damals in Wetzlar!) und einem Jüngeren, etwa so alt wie ich, Johann, ein großes Talent und schon auf dem Weg in die Spitzenklasse, wie ich den Riemen tief durchs Wasser zog, so tief, dass er das Boot bremste, wie ich dann, um den Fehler nicht zu wiederholen, das Blatt nur ganz dicht über das Wasser ziehen wollte, aber es so hoch zog, dass es nicht mal Wasserberührung hatte, aber blitzschnell war und das Boot beinahe zum Kentern brachte, wie sich das Froschfangen und Wasserspritzen und das Wassernichtmalberühren munter abwechselten, bis ins Ziel, das der Wetzlarer Jugendachter vor dem Achter mit den sieben Stars und dem Novizen erreichte, der dennoch von den klitschnassen Ruder-Cracks wohlwollend gelobt wurde … ja, so war’s. Ein paar Tage später fuhren wir zusammen nach Limburg, fröhlicher Saisonkehraus mit den dortigen Ruderern, als Höhepunkt ein Fußballspiel – und da hatte ich dann etwas zu lachen. Obwohl eher mit Hand (-ball oder Kugel) begabt als mit dem Fuß, fühlte ich mich unter den konditionsstarken, willigen, energischen, aber seltsam steifen, unbeweglichen Ruderern wie ein früher Okocha. Als der Ball langsam auf Johann zu rollte und dieser hölzern auf den Ball zu stakste und hoch konzentriert dagegen treten wollte, hieb er ein mächtiges Loch in die Luft, größer als meine Löcher mit dem Blatt, verlor das Gleichgewicht und plumpste hin. Ich auch, mir den Bauch haltend. Unser Spott damals für solche Ruderer und “Turner”, dem Spottwort für alle spielerisch Unbegabten: Bewegungsgefühl wie ein Amboss (später erfuhr ich, dass echt bewegungsbegabte Spiel-Sportler, zum Beispiel Gießener Bundesliga-Basketballer, uns Leichtathleten, die wir die “Turner” verspotteten, als “Leichtathleten” verhöhnten).

Soeben hat mir jemand die Verbindung unterbrochen. Bin wieder da, zum Glück ist nichts gekillt vom Text (auch wenn er belanglos ist, hätte es mich geärgert), aber ich nehme es als Zeichen, das Sonntagmorgenbloggebrabbel zu beenden und die blockierten Hirnwindungen freizuschaufeln. Für die “Montagsthemen”. Soll ich noch mal auf die Skandalisierung der deutschen Dopingvergangenheit eingehen? Auf Genscher, der nichts gewusst haben will und sich gar nicht vorstellen kann, dass das alles stimmt? Jener Genscher, der als Bundesinnenminister der oberste Chef des BA-L war, des Bundesausschusses für den Leistungssport, einer Behörde des Bundesinnenministers, die graue Eminenz des deutschen Sports, auf die ich schon vor Jahrzehnten schimpfte? Soll ich auch den längst toten Keul zitieren, der mir persönlich von seiner Anabolika-Studie berichtete? Mal sehen. Jetzt müssen erst die Windungen entblockt werden. Da kommt sie schon, die Liebste, mit dem Knicks und dem Kaffee. Bis später also.

 

Nachtrag 8.55 Uhr: OPRAH WINFREY. Gar nicht so schlecht, nur das “h” ist verrutscht. / “Montagsthemen” sind konzipiert; da bundesdeutsches Staatsdoping das Thema des Wochenendes bei den “großen” Medien ist, gebe ich in unserem kleinen meinen Senf dazu und mixe eine “Anstoß”-Collage aus dem vergangenen Jahrhundert. / Datum heute: 4. Juli! (Nachtrag 19 Uhr: klar, 4. August. Fehler ist bereinigt. Siehe “Mailbox”). Da war doch noch was? Nächstes Jahr zum 60. sicher wieder ein großes Nostalgie-Thema. Heute, zum 59., nur am Rande der Dopinggeschichten erwähnt. Auch sie sollen … na ja, ebenfalls olle Kamellen, die Vitaminspritzen in der Kabine, die grassierende Gelbsucht … ach, sie nehmen uns einfach alle Freude, nur um unter dem Deckmantel der empört-betroffenen Anklagen ihre klammheimliche Freude zu genießen. / Johann, Johann F.: Später Olympiasieger und einer der legendären Recken im “Bullen-Vierer”. – Ach ja, Rudern. Damit rundet sich das D.-Thema ab: Eine  der dopingskandalunbelastetsten Sportarten überhaupt. Warum? Keine Ahnung. Sind sie die besseren Sportler? Hätte ich bei Ihnen bleiben sollen? Wäre ich mit Johann im Bullen-Zweier gelandet? Oder hätte ich als Steuermann den Deutschlandachter kentern lassen?

Baumhausbeichte - Novelle