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Montagsthemen (vom 5. August)

Rudolf Scharping, früher Verteidigungsminister, heute Radverbandsboss, ist menschlich schwer enttäuscht von seinem Freund Erik Zabel. Von Jan Ullrich hat er sich schon vor Jahren unter Absingen scheinmoralischer Lieder abgesetzt. Jener Scharping, der einst wie ein verknalltes Groupie um Zabel und Ulle herumscharwenzelte, ähnlich beschwingt und beseelt wie auf der grünen Blumenwiese um seine Gräfin (das Foto wird er nie mehr los, gerechte Strafe).
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Hans-Dietrich Genscher weiß von nichts, hält es aber in jedem Fall »für völlig ausgeschlossen«, dass Politiker am systematischen Doping in der alten Bundesrepublik beteiligt gewesen seien.
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Ausgerechnet Genscher. Doch zu ihm später. Zunächst ein kurzer Besuch bei Joseph Keul, 2000 gestorben, zuvor hochgeachteter Olympia- und Daviscup-Chefarzt, Keul war, wie auch sein Freiburger Kollege und Intimfeind Armin Klümper, großer Freund, Förderer und Vorbild einiger hochrangiger Sportärzte von heute (die jetzt seltsam still sind). Ich war 1975 bei Keul, erzählte als Hypochonder von meinen Sorgen, doch er beruhigte mich: In seiner Studie von 1969 habe er in Reihenuntersuchungen nachgewiesen, dass Anabolika ungefährlich seien, dass allenfalls am Ende des Einnahme-Zyklus leicht erhöhte Leberwerte auftreten könnten, die aber schnell wieder absänken. Diese Studie war kein Geheimpapier, sondern öffentlich zugänglich. Aber heute wird sie »enthüllt«. Eine investigative Meisterleistung, liebe Kollegen!

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In der heißen Phase des Kalten Krieges sollten die deutschen Sportler stellvertretend für ihre beiden Staaten den Kampf der Systeme gewinnen. Der Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports (BA-L) übernahm das Kommando, eine Behörde des Innenministeriums, die weitreichende Vollmachten erhielt. Unter Federführung des BA-L, also unter Verantwortung der Bundesregierung, wurden bundesdeutsche Sportler öffentlich aufgefordert, sich für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal zu dopen, bei Zuwiderhandlung drohte Unterstützungs-Entzug. Natürlich wurde nicht expressis verbis zum Doping aufgefordert. Aber was ist die logische Folgerung aus einer offiziell und öffentlich verkündeten internen Olympia-Teilnahmenorm, die zum Beispiel im Kugelstoßen der Frauen 1976 von humanen 18-Meter-Weiten, die das IOC verlangte, vom BA-L auf ein Leistungspotenzial von über 21 Metern erhöht wurde? Jeder wusste, was das bedeutete.
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Bundesrepublikanisches Staatsdoping: Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Aber lasst euch nicht erwischen! Dieses dunkle Kapitel des altbundesdeutschen Sports und seines Staates ist nie aufgearbeitet worden. Die Politik gab die Richtung vor, ihre grauen Eminenzen vom BA-L setzten sie durch.
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Wird diese Ursünde nicht eingestanden und aufgearbeitet, muss sie immer weitere Sünden nach sich ziehen, und Scheinethiker, Doppelmoraliker und sonstige bigotte Heuchler werden die meinungsbildenden Wortführer bleiben, zu Lasten des Sports und der Sportler.
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Bevor sich der erste Sportler dopingschämt, haben sich die früheren Führungskräfte von DLV, DSB, Sporthilfe, NOK, BA-L und die ebenfalls wissentlich dopingfordernden Journalisten zu schämen. Die meisten leben ja und könnten sich noch schämen. Auch der oberste Dienstherr des BA-L, der damalige Bundesinnenminister.

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Und der hieß Hans-Dietrich Genscher. Und das war, zwischen den Fünffach(*****)-Sternchen, eine Collage aus »Anstoß«-Kolumnen der Achtziger und Neunziger Jahre. Es ist schon längst enthüllt, was jetzt »enthüllt« wird.
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Datum gestern vor einem Monat: 4. Juli! Da war doch noch was? Nächstes Jahr, zum 60.,  wieder ein großes Thema. Die Helden von Bern! Aber auch sie sollen … die Spritzen in der Kabine, die Gelbsucht … ach, ebenfalls olle Kamellen. Aber Genscher und sein Innenministerium haben davon nun wirklich nichts gewusst.
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle