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Sport-Stammtisch (vom 3. August)

Alles paletti? Nicht mit den deutschen Schwimmern. Fehlt nur noch die alte »Bild«-Verarschungsschlagzeile: »Hurra – keiner ertrunken!«
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Wie der Sport gebeutelt wird und sich beuteln lässt, dafür gibt die mediale Behandlung der Schwimm-WM ein gutes, weil mieses Beispiel. Unsere Schwimmer sind zu »faul«, das war die journalistische Expertise nach dem medaillenlosen Auftakt. Als leuchtendes Gegenbeispiel sollen ausländische Teenie-Wunderkinder herhalten, und auf das obersupermegageilste Event stürzen sich alle wie von Sinnen und Klippen.
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Klippenspringen: Der helle Wahnsinn. Beim ersten Toten wird die Event-Geilheit schnell der Betroffenheits-Lust weichen. / Teenie-Wunderkinder: Wer sie feiert, sollte mal Mäuschen in ihrem Trainings- und Optimierungsalltag spielen. Er würde hoch empört sofort die Polizei alarmieren. / Unsere »faulen« Schwimmer: Selbst die »Faulsten« dieser Sportart trainieren mehr und härter als die fleißigsten Profifußballer (und das, obwohl die Fußballer im letzten Jahrzehnt trainingsmäßig aus der Steinzeit aufgetaucht und im Leistungssport angekommen sind).
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Anderes mieses Beispiel: Die Radprofis, von denen alle wissen, was sie getan haben, werden zu »Geständnissen« gedrängt, weil sie damit ein gutes Werk täten und Achtung verdienen würden. Aber wenn sie dann »gestehen«, werden sie erbarmungslos niedergemacht wie jetzt Erik Zabel. Sie sind Ruf, Job und Geld los und bleiben ewiger Prügelknabe pharisäerischer Medien und ihnen nahestehender pseudomoralischer Scharfrichter.
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Zabel und Jan Ullrich haben sich allerdings durch ihre früheren taktischen Einlassungen (Ullrich sogar unter Eid) selbst in diese aussichtslose Lage manövriert. Andreas Klöden nicht. Er sagt gar nichts, spricht nicht mit deutschen Journalisten, und das ist, solange Pseudomoral und Pharisäertum das Sagen, Schreiben und Senden haben, auch am vernünftigsten.
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Und wieder gibt es »neue Enthüllungen«: Staatliche Dopingförderung in der alten Bundesrepublik! Große Empörung bei den stets Empörungsbereiten und solchen, deren berufliches Standbein das Sport-Bashing ist: »Jetzt ist wieder eines dieser Bruchbänder gerissen, mit denen der organisierte Sport seine Pharma-Messen abdichtet« (»SZ«, Juli 2013). »Pharma-Messen« – die populistisch-hämische Wortwahl verrät Sportfeindlichkeit und ständige freudige Skandalisierungsbereitschaft
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Aber welch ein alter Hut! »In der Bundesrepublik gab es organisiertes, flächendeckendes Staatsdoping, angeordnet von höchsten Gremien des Staates, organisiert von deren Unterorganisationen, überwacht von Presse, Funk und Fernsehen« (»Anstoß«, 1991). Damals mit Beweisführung,  auch zur Mitschuld der Medien (wovon diese natürlich nichts wissen wollen).
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Reminiszenz: Bei Olympia 1976 sollte den deutschen Schwimmern eine bessere Wasserlage verschafft werden, indem man ihnen Luft in den Darm pumpte. Das ist kein anrüchiger Scherz, sondern wahre Sportgeschichte. Nie geklärt wurde, warum man die Luft-im-Darm-Methode dann doch nicht (wirklich nicht?) anwandte. War’s das Detonations-Problem der plötzlichen Luftentweichung beim Startsprung?
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Wirklich anrüchig. Anderes Thema: Jetzt auch Lammert unter Verdacht. Gibt es etwa eine Gemeinsamkeit der Doktorarbeiten von Politikern aus Zeiten vor dem Internet und Tour-de-France-Ergebnissen vor der Nachweisbarkeit von Epo? Was tut man nicht alles, wenn man sich unertappbar wähnt? – Kleiner Unterschied: Wer sich Zu- und Mitarbeiter leisten konnte, verschaffte sich unerlaubte Leistungsvorteile vor anderen Doktoranden und kann nicht wie Jan Ullrich behaupten, nie einen Konkurrenten betrogen zu haben.
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Von Ullrich gibt es einen neuen Satz, der das Zeug zum geflügelten Wort hat: Ob der Radsport jetzt sauber sei?, fragt ihn »Sport-Bild«. Antwort: »Ich will fest daran glauben.« – Als Uli Hoeneß behauptete, sein Freund und Adidas-Chef Robert Dreyfus habe ihm 2001 die Millionen fürs Zockerkonto aus reiner Freundschaft überwiesen, das habe nichts mit dem im selben Jahr abgeschlossenen Vertrag Bayern/Adidas zu tun, schrieb ich: »Das muss man erst mal glauben wollen können.« Bei Jan Ullrich bin ich sicher: Der kann das.
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Auch daran muss man erst mal glauben wollen können: Dass Dominique Strauss-Kahn, der wegen Zuhälterei vor Gericht kommen soll, nicht gewusst haben will, dass es sich bei den Mädchen auf Sex-Partys um Prostituierte gehandelt hat. Ich glaube ihm. Schauen Sie sich dieses Prachtexemplar von einem attraktiven Kerl doch mal an – klar, dass vor ihm jedes Zimmermädchen offenen Mundes auf die Knie sinkt und dass sich alle Partymädchen Hals über Kopf in ihn verknallen.
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Alles paletti? In den »Sport und Sprache«-Kolumnen dieser Woche sollte auch diese Redewendung wieder im O-Ton erklärt werden: »Giacomo Paletti gewann kein einziges Rennen und baute unverhältnismäßig viele Unfälle. Da die Crashs allesamt vergleichsweise glimpflich abgingen, entstand in Fahrerkreisen ein geflügeltes Wort, das Giacomo P. unsterblich macht: Everything is paletti – Alles paletti!«
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Woher ich das wusste? Keine Ahnung, längst vergessen. Daher googelte ich jetzt »Giacomo Paletti«, und siehe da: Den gibt’s gar nicht. Auch die Erklärung ist daher Nonsens. Bin ich damals auf eine Veralberung reingefallen? Oder habe ich gar selbst veralbert? Meine Leser? Nein, das schließe ich aus. Ich veralbere nur mich, keine Leser. Die sind mir heilig. Das sollten Sie ruhig glauben wollen können! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle