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Sportgeschichte(n): Geil, gierig und gallig (Sport & Sprache 1/2 / Anstoß vom 31. Juli)

Im Sport gibt es kein Sommerloch mehr, aber wieder unsere Sommerserie »Sportgeschichte(n)« mit »gw«-Texten aus fünf »Anstoß«-Jahrzehnten. In diesem Sommer drehen sich die »Sportgeschichte(n)« um eher Randseitiges. Heute geht es um Sport und Sprache – über all die Jahre ein Lieblingsthema, daher morgen mehr davon.
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Abängstende Machmänner: Warum plusterte sich Balotelli auf? Was bei den Bodybuildern Posing und Bestandteil des Wettkampfs ist, heißt in der Lebensszene der Balotellis »Pimping«, das von »pimp« (Zuhälter) abgeleitet ist und am besten mit »aufmotzen« übersetzt werden kann, was eigene Coolness ausdrücken und andere einschüchtern soll. Aber was signalisiert es wirklich? »Ich habe Angst!« In Sten Nadolnys neuem Roman »Weitlings Sommerfrische« steht der Satz dazu: »Nur wer Angst hat, will gefährlich aussehen.« Dazu kennt Grimms Wörterbuch wunderschöne Wörter, zum Beispiel den »Machmann«, das ist »einer, der einen Mann macht, nur vorstellt, ohne es zu sein«, eine »Scheinfigur«. Oder das herrliche Verb »abängsten« (= durch Angst ermatten). Wenn wir mit diesem Wissen den Balotellis zusehen, würden wir sie am liebsten tröstend in den Arm nehmen, und wahrscheinlich würden sie, erleichtert vom Pimping-Zwang, schluchzend an unsere Brust sinken. Dann streicheln wir den Irokesen-Kopf, tätscheln den Tattoo-Arm und flüstern ihnen zu: Sind wir nicht alle bloß abängstende Machmänner? (Juli 2012).
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Aussprache: Deutsche Zungen verrenken sich fast dieselbigen, um jeden Namen jedes ausländischen Fahrers korrekt auszusprechen, nehmen es aber wie selbstverständlich hin und empfinden es als exotisches Flair, wenn Ausländer die deutschen Namen so undeutsch wie möglich aussprechen. Aber wehe, ein Deutscher spricht ausländische Namen deutsch aus, der gilt gleich als Neonazi oder zumindest als Volltrottel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies schreibt jemand, für den Neonazis zumindest Volltrottel sind. (Juli 1997)
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Benchmarking: Hätte Klopp den Bayern statt billigen Abkupferns das irgendwie bedeutender klingende Benchmarking unterstellt, wäre der beleidigte Aufschrei ausgeblieben. Benchmarking, das ist der neudeutsche Ausdruck für den ökonomischen Vergleich von Leistungsmerkmalen. Ursprung des Wortes: An seiner Werkbank (bench) brachte der Schreiner früher eine Markierung (mark) an und konnte so auf einfache Art identisch lange Stuhlbeine absägen. In der Wirtschaft wurde das Benchmarking durch die Firma Xerox eingeführt, die ein billigeres und besseres Modell von Canon in alle Einzelteile zerlegte, mit dem eigenen Kopierer verglich, die besseren Teile des Konkurrenten abkupferte und danach wieder Marktführer wurde. Und sind die Bayern wieder Marktführer oder etwa nicht? (März 2013)
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Derselbe: Unser Bild des Jahres tauchte in den diversen Rückblicken, wenn überhaupt, nur als optische Randnotiz auf: Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, beflügelt, also mit pinguinartig wackelnden Armen auf der grünen Wiese seiner Gräfin entgegenschwebend. Unschlagbar. Seit er die Gräfin liebt, sei er nicht mehr derselbe, sagt man. Derselbe? Der gleiche? Die Liebe lehrt uns auch diesen Unterschied: Fritz Walter hat sein ganzes Leben lang immer dieselbe Frau geliebt, Boris Becker immer die gleiche. (Januar 2002)
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Dominanz: Selbst Bochum hat in Mainz »Dominanz ausgeübt« (Koller) und war auch für Kollege Klopp anfangs »dominanter«, was jedoch nicht nur wegen der Bochumer Niederlage am Sinn des neuen Modewortes zweifeln lässt, sondern auch wegen Kloppos relativer Steigerung eines absolut unsteigerbaren Begriffs. Dominanz kommt von »dominus« (Herr) und wird traditionell schon im Kindergottesdienst missverstanden, wenn »dominus vobiscum« als »Dominus wo bist Du« ankommt, was aber nur beweist, dass Kindermund der Frage aller Fragen noch am nächsten kommt. (August 2006)
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Geil und geile F.: Wer im Gnaden-Stande der frühen Pubertät lebt, dem bereiten gewisse Ausdrücke immer noch das leichte Prickeln des Pfui-Wortes, das man bzw. bub nicht sagen oder gar schreiben darf. Es begann mit »geil«, einem Wörtchen, das im Mittelhochdeutschen »üppig, froh« bedeutete, im Mittelbundesrepublikanischen aber ausschließlich zur verschwörerisch geflüsterten Kennzeichnung der sexuellen Attraktivität der weiblichen Subjekte der Begierde benutzt wurde. Und heute? Ist alles geil. – Zum F.-Wort in »hinterfotzig«: Der Süddeutschen Zeitung verdanken wir die erste wichtige neue Erkenntnis des Jahres: Die »F.« ist nicht das, wofür wir sie immer hielten, sondern »ein grober Ausdruck für das Gesicht«. Da staunt der alte Bub, guckt im Wörterbuch nach, und tatsächlich: Die »F.« stammt wahrscheinlich ab von »facies« (lat. Gesicht), so dass theoretisch sogar eine »g. F.« auszuschreiben erlaubt ist. Aber nicht in dieser anständigen Sport-Kolumne! (Januar 2006)
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Gier und Galligkeit: FCK-Boss Stefan Kuntz analysiert im neuen Jargon der Zeit: »Da fehlt die Gier.« Gier, das ist das Wort, das die einst von Matthias Sammer ins Phrasen-Wörterbuch geschriebene »Galligkeit« abgelöst hat, wobei der damalige BVB-Coach »gallig« als engagiert-energisch-aggressiv missverstand, denn die »Galligkeit« als bittere, verbitterte Wesensart ist ja nicht nur menschlich, sondern auch sportlich eine liebend gern zu vermissende Eigenschaft. Wie auch die Gier. Ein Blick in Grimms Wörterbuch lohnt sich immer. Beim Stichwort »Gier« reimt uns Justus Georg Schottellius ins Gewissen: »Der geilheit giermacht blindlings zwingt, bis sie uns zum verderben bringt.« Hübsch auch ein weiteres Schottelius-Zitat im Grimm: »Liebet einer die zerschnellende wollust, so giebt eine augenblickliche gierliebe und lüstlein zu einer ewigwährenden unlust sofort ursach.« Die Lauterer brauchen keine Gier, sondern eher die originäre Kraft deutscher Sprache. »Zerschnellende wollust« oder »augenblickliche gierliebe«, solche wunderbaren Worte geben zu einem ewigwährenden Lüstlein sofort Anlass. (Oktober 2010).
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle