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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Was ist konservativ?

Ich bin sicherlich nicht berufen, die Frage, ob Sie „konservativ“ sind oder nicht, letztgültig zu beantworten. Jedoch, vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Sie schon einmal gefragt habe, warum man sich davor fürchten muss, als konservativ eingeschätzt zu werden. Ich stelle diese Frage erläuternd erneut.

Allerdings muss man schon deshalb sich diesem Thema unterziehen, weil Sie und Ihr Anstoß doch sehr viele sehr unterschiedliche Menschen (um es zurückgenommen zu formulieren) anzieht. Sie haben neuerdings die Frage nach dem Konservativen verbunden mit einem für mich deshalb etwas nebulösen Zitat, weil ich die Quelle nicht finde. Ob an der kaum als Definition gemeinten Wendung: Neigung zum Schlechten unterstellen oder so ähnlich  etwas dauerhaft Brauchbares ist, kann ich nur vermuten.

Versuchsweise nähere ich mich dem Scheitern des Sozialismus, einem systembedingten und menschenbildabhängigen Scheitern, Der Sozialismus kann – ebenso mit christliche Ansätze – nur gut gehen, wenn die beteiligten Menschen sich ihres Egoismus begeben, also gemeinnützig, gemeinwirtschaftlich, ganzheitlich denken. Das jedoch tun Menschen, fast per definitionem,  nicht. Insofern ist die Vermutung, dass der Mensch eine heftige Neigung zum Bösen hat, richtig. Dies kann jedoch nur als konservativ betrachtet werden, wenn man es gegen ein Weltbild absetzt, das beim Menschen irgendetwas Gemeinnützliches vermutet. Der Liberalismus von Adam Smith hatte es besser: dieser rechnet mit dem Schlechtesten, das Menschen haben können: die Selbstbezogenheit und feierte damit im Kapitalismus höchst erfolgreiche Entwicklungen. Freilich, die Hoffnung, dass der Mensch nicht nur böse sei, sondern irgendetwas vom Egoismus für andere abfalle, kann ich nicht als verwirklicht sehen. Die „unsichtbare Hand“ des Wirtschaftsliberalismus ist eben nicht wirklich ethisch, sondern allenfalls utilitaristisch, was für mein Verständnis nichts mit Moral zu tun hat. 

Ich versuche es ein weiteres Mal: durch negative Abgrenzung. Nicht konservativ, also vermutete dauerhafte (gesinnungsethische) Werte als überholt, nicht existent, überflüssig, schädlich betrachtend, sind: Kapitalisten (also im heutigen Definitionsumfeld: Neo-neo – Liberale), Freie Demokraten, zynische Idealisten, Menschen, die alles verachten, was nicht „cool“ ist, die Gleichgültigen, also die meisten. Nicht konservativ waren: die führenden Mitglieder der NSDAP und ihrer schrecklichen Unterorganisationen,  deshalb nicht, weil sie ihr Geschäft ohne Inhalt, ohne Orientierung, einfach eben als Geschäft wie jedes andere, betrieben haben. Nicht konservativ sind Menschen und Denker in deren Vorstellungshorizont nur das Pragmatische, das Funktionieren vorkommt, also etwa Regierungsfunktionäre im 21. Jahrhundert, mehr sage ich dazu nicht.

Ein konservativer Mensch, also auch ich, hat jene Werte, die die Würde des Einzelmenschen gegen jede funktionale Vereinnahmung aufrecht erhalten wollen, die Würde des Einzelnen achten auch im Sinne einer Interpretation der Verfassung also Teilhaberecht; den Staat also verpflichtet, diese Grundrechte, also auch die Würde, allererst herstellen zu müssen. Dies tun Neo-Neo-Liberale nicht. Kurz: ein konservativer Mensch, also ich, verbindet die Bewahrung menschen- und naturrechtlicher Werte, wozu auch die Unversehrtheit des Einzelnen gegenüber kriminellen Attacken im Alltag gehört(Sicherheit und Freiheit lassen sich nicht gegeneinander ausspielen) konsequent mit einer gemeinwohlorientierten Ökonomie, um es nicht noch deutlicher zu formulieren. Freilich, der Begriff der Freiheit darf weder der unseres Bundespräsidenten sein noch der von Herrn Olaf Henkel oder des Herrn Brüderle.

Schließlich: Neo-neo-liberal. Was soll das? Die Neoliberalen Anfang der 50er drehten den Begriff des Wirtschaftsliberalen der 30er Jahre in Richtung auf soziale Bremsen der Marktradikalität; dazu gehörte Bundeskanzler Ludwig Erhard. Die Neo-Neo-Liberalen drehten den Begriff zurück auf Radikalität. Deshalb ist das als kritischer Begriff gemeinte Wort „neoliberal“ falsch, denn unsere Wirtschaftsführer, Banker, Lobbyisten sind nicht neoliberal, sondern eben progressiv (also nicht konservativ) neo-neo-liberal. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle