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Sonntag, 28. Juli, 5.45 Uhr (bzw. 14.30)

Zu heiß? Zu früh? Komme nicht durch den Tunnel ins Redaktionssystem,
sogar auch nicht ins Mailprogramm. Habe jetzt wenigstens “Works”
aufmachen können. Hoffe, mir den Text nachher in eine Mail kopieren und
nach Gießen schicken zu können. Muss ich nachher in die Redaktion? Oder
baut sich der Tunnel irgendwann neu auf? Fragen über Fragen zur
frühesten Sonntagmorgen-Blogzeit.

Fünfuhrfünfundvierzig. Den alten Gag, dass wir früher zu dieser Uhrzeit
zurückgeschossen haben, lass ich lieber, durch Wiederholung wird er auch
nicht besser.

Zu heiß. Nicht der Gag, sondern draußen. Und drinnen. Auch Sie kaum
geschlafen? Aber bitte keine Klagen. Die Griechen, überhaupt die
Südländer, die haben solch ein Wetter regelmäßig sechs Monate im Jahr.
Wenn’s bei uns so wäre, ich glaube, wir wären die Sorgenkinder der EU.

Jetzt kommt der August, den eine griechische Redewendung überschwänglich
begrüßt. Krieg sie nicht ganz zusammen, habe sie aus der
Griechenland-Zeitung und mir gestern den Text in meine gw-Mailadresse
geschickt, die noch verschütt’ ist. Ungefähr so: “Lieber August, du
schöner Monat, gäbe es dich doch zweimal!” Nach dem August
beginnt für die Griechen der Abschied vom Sommer, sie wünschen
sich dann schon “kalo chimona” (schönen Winter). Falls ich im August
noch eine “Nach-Lese” schreibe, wird das der Einstieg, danach würde ein
bisschen Griechisch für Anfänger stehen, mit Nachseufzen zum südlichen
Sommer, mit Literaturtipps usw.

Jetzt ein bisschen Stein(es)bruch für die “Montagsthemen”:

Supercup, warum Supercup? Ist das nicht, wenn Landesmeister gegen Landespokalsieger spielt?

Meine Einstellung zum “Supercup”: Ist nur ein Spielchen, in der
momentanen Trainings- und Leistungsphase (jede Mannschaft steckt noch in
einer anderen) ohne Aufschluss für die Saison. Allenfalls, weil Fußball
die mentalanfälligste Sportart überhaupt ist, wichtig fürs
Selbstbewusstsein, das im Fußball auch Tore schießt und dann doch
Weichen für die Saison stellen kann.

Und was tue ich? Schaue seit Mai, wie immer im Sommer,  kein Fernsehen,
nicht mal Nachrichten, und breche die Tradition, setze mich ausgerechnet
am heißesten Tag und wärmsten Abend des Jahres vor den Bildschirm – und
bin schwer angetan. Von beiden. BVB wie Bayern haben schon ein höchst
erstaunliches Niveau, spielerisch sowieso, aber auch konditionell
und kämpferisch. Aber noch überraschender: Wie gut der BVB mit den zur
Unbesiegbarkeit erhobenen Bayern mitgehalten hat. Wer hätte gedacht,
dass Guardiola nachher, was sensationell kleinlaut klingt, sagt, dass
Dortmund “nicht viel besser” war.

Guardiola. Er hatte den Fußball in Barcelona nicht neu erfunden, sondern
dort Messi, Xavi und Iniesta vorgefunden sowie den Barca-Stil von
Cruyff.

Sylvia Neid. Sie macht eine gute Figur, nicht nur altväter- und
brüderlelich buchstäblich gemeint, sondern vor allem im übertragenen
Sinn. Fast schon von den Medien abserviert, dann wieder über den grünen
Klee gelobt, und sie stand über beiden Extremen. In der Ungnade des
frühen Abgabetermins für die Montagsthemen werde ich auch nachher nicht
wissen, wie das Endspiel ausging, an meinem Respekt für Neid wird das
Ergebnis aber nichts ändern.

Noch mal zum Wetter: Das bringt es an den Tag. Etwas, das man, das ich
nicht unbedingt sehen wollte. An welchen Stellen selbst reife und
anscheinend tief bürgerliche Muttis Tätowierungen haben! Und wie sich
die jungen Dinger verschandeln! Vollarmtätowierungen, Trend der
Tattoo-Saison? Ein Trend fürs Leben, denn diese Mode vergeht nicht. Bei
den Golden Oldies in Krofdorf-Gleiberg kamen viele Frauen und Mädchen im
Retro-Look mit Petticoat und Co., aber fast alle mit dem Stilbruch der
Tattoos auf Schulter Armen, Beinen und auch einigen, die aus intimeren
Gegenden in Sichthautnähe hervorlugten. Liebe Mädchen, verehrte Frauen:
In den Zeiten, als man eure Petticoats trug und euer Retro-Look der
letzte Schrei war, da gab es keine einzige Petticoatträgerin mit auch
nur dem winzigsten Tattoo, so etwas sah man nur bei Leichtmatrosen,
Zuhältern und im Knast.

Meinem Röntgenblick fiel auf, dass bei den Anti-Ausspäh-Demonstrationen
am Samstag kaum Tattoos zu sehen waren. Ein Pluspunkt. Allerdings (und
damit mache ich mich gerne angreifbar) standen diese Demos unter
dem Zeichen des medialen Götz-George-Syndroms: Wie viele Interviews der
Mann gegeben hat! Wie hochgepusht der Fernsehfilm über den alten George
mit dem Sohn George wurde! Mir war dennoch klar, dass nicht allzu viele
Menschen zuschauen würden, und zwar nur aus dem Grund, dass sie das
Thema nicht übermäßig interessierte, jedenfalls viel weniger, als die
Vorveröffentlichungen glauben machen wollten. Jetzt, die Quote lag unter
zwei Millionen, heißt es, der Sommer- und Abendtermin sei schuld. Was
Quatsch ist, denn im anderen öffentlich-rechtlichen Programm schauten
gleichzeitig über acht Millionen ein Fußballspiel.

Ein Frauen-Fußballspiel! Was mein Vorstellungsvermögen überschreitet.

Ja, ja, auch dafür lasse ich mich lustvoll geißeln. Und ebenfalls dafür: “In mehr
als 30 Städten demonstrierten insgesamt fast 10 000 Menschen” (dpa).
Auch so kann man ein Mediendesaster schönschreiben. Rechnen Sie mal aus,
wie viele Protestierer das pro Anti-Ausspäh-Demo sind. Und wie viele Badende pro
Schwimmbad und Badesee. Obwohl die Demos wegen des Wetters verkürzt
wurden (auch ein Symptom für die innere Dringlichkeit des Anlasses).
Dass die Leute einfach nicht akzeptieren wollen, was wichtig für sie zu
sein hat!

Ende eines natürlich hoch empörten FR-Kommentars: “Es reicht. Es wird
hier kein kommentierendes Wort mehr über Jan Ullrich geben.” Schön
wär’s. Nicht nur in der FR. Auch in SZ, FAZ, FAS, Spiegel, Stern, Welt
und wie sie alle heißen. Und dann gleichzeitig keine
Anti-Empörungs-Kommentare mehr in meiner Kolumne. Ach, wie schön wär’s.

Endlich darf ich auch die Namen nennen. Erinnern Sie sich an meine etwas
nebulösen Hinweise, der erste schon vor vielen Jahren, ein berühmter
Fußballer und ein berühmter Sänger hätten sich vor Jahren zwecks
gemeinsamer Blutwäsche a la Ulle und Rad-Co. in eine Schweizer
Wellness-Klinik begeben? Dazu das aktuelle Zitat aus der Süddeutschen
Zeitung: “Später erzählte der französische Rock-Barde Johnny Halliday,
Zidane habe ihm eine gute Schweizer Klinik zur Blutauffrischung
empfohlen.”

Nicht deswegen ist “erfrischend” mein Mode-Unwort der Zeit.
“Erfrischend” sind Kommentare, Meinungen, Haltungen, einfach alles – nur
kalte Duschen und ähnlich echt Erfrischendes nicht mehr. Für
mich hat “erfrischend” schon längst die “Nachhaltigkeit” abgelöst, von
der sich jetzt sogar die “taz” verabschiedet (“Das elende N-Wort, die
nichtsnutzige Nachhaltigkeit”).

Uli Hoeneß. Wie geht’s weiter? Ich verteidige ihn nicht, ich greife ihn
nicht an (eins von beiden tut fast jeder, er polarisiert halt), aber ich
lese auch zwischen den Zeilen. Zum Beispiel über den verstorbenen
Robert Louis-Dreyfus, den Ex-Adidas-Chef, der Hoeneß, einfach so, zig
Millionen Spielgeld schenkte, das nichts mit dem Bayern-Adidas-Vertrag
zu tun habe, zumal Dreyfus damals schon nichts mehr mit Adidas zu tun
gehabt haben soll. Nun steht aber zur Zeit in Frankreich ein anderer
Ex-Adidas-Boss vor Gericht, Bernard Tapie, in einer undurchsichtigen
Sache (die mit Adidas, Sarkozy und Lagarde zu tun hat), es geht um einen
“Geheimbund” Tapie/Dreyfus, und dabei erfahre ich, dass Dreyfus noch im Jahr 1995
Adidas an die Börse gebracht hat, also recht zeitnah zu anderen Dingen.
Aber das nur am Rande.

Auch nur am Rande, was ich in einem WamS-Interview mit dem
Fußballrichter Hans E. Lorenz erfahre: “Es gibt auch bei uns Standards
wie im Bußgeldkatalog für Verkehrssünder. Ein Beispiel: Notbremse,
folgender Elfmeter geht rein, ein Spiel Sperre. Folgender Elfmeter geht
nicht rein: zwei Spiele Sperre.” – Hätten Sie’s gewusst? Ich nicht.
Und jetzt versuche ich, den Tunnel auszugraben. Danach auf die
Sauerlandlinie, anschließend Montagsthemen. Bis dann.

Nachtrag 14.30 Uhr: Tunnel-Ausgraben hatte morgens nicht mehr geklappt, sorry, liebe Sonntagmorgen-Blogliebhaber.

Baumhausbeichte - Novelle