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Sport-Stammtisch (vom 27. Juli)

Die armen Radprofis. Kaum erklären sich die schwarzen Supersprinter solidarisch, lassen sich in Staffelstärke erwischen und übernehmen die Schlagzeilen-Hoheit, da fliegen den Radfahrern alte Kamellen von 1998 um die Ohren, und schwupps sind sie wieder die alleinigen Schmuddelkinder. Statt Gay und Powell wieder Pantani, Ullrich und Co. Einmal Sündenbock, immer Sündenbock.
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Nachdem die Empörungsrituale abritualisiert sind, schauen wir uns mal hinter den Schlagzeilen die Sache selbst an, und da bleiben »Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß«. Nicht von Juliette, der Hausfrau, die sich als Teilzeit-Nutte heimlich etwas dazuverdient (Godard-Film von 1967. Gesehen?), sondern von der Sache selbst, die aber ähnliche Heimlichkeiten und Vertuschungen kennt.
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Hinter der Aufregung, dass bei der Tour ’98 praktisch alle gedopt waren, steckt logisch die sportlich tröstliche Tatsache, dass in Epo-Zeiten wenigstens immer der Beste gewonnen hat. Na ja, lieber Ulle, leider Armstrong.
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Wenn wir uns genug aufgeregt haben, können wir die Luft aus der aufgeplusterten Empörung lassen: Die allen Untersuchungs-Regularien widersprechenden Nachtests der Dopingproben von 1998 bestätigen nur, was gar keiner Bestätigung mehr bedurfte, zudem sind sie weder sportrechtlich noch sonstwie rechtlich verwertbar, sondern nur medial hochpushbar.
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Es bleibt dabei: Nicht der Doper ist pervers, sondern die Welt, in der er lebt. Szenario: Der kleine Erich Zappel muss vor dem Lehrerkollegium eine hochnotpeinliche Befragung über sich ergehen lassen. In Tränen aufgelöst gibt er schließlich zu, einmal onaniert zu haben, aber dann nie wieder, weil ihm dabei schlecht geworden sei. Später überführt ihn das Kollegium der Lüge. Das Kollegium der Odenwaldschule?
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Kaum jemanden empören die zwei oder drei Dinge, die jeder von der neuen »Enthüllung« wissen sollte: Dass es bei deutschen Fußballern im letzten Jahr keine einzige Blutprobe gab (außer einigen im Straßenverkehr), dass die Fifa alle Dopingproben der WM ’98 ebenso vor- und fürsorglich vernichtet hat, und dass, wenn schon Vergangenheit, dann aber richtig, sich ein hochinteressantes Zitat immer noch seiner medialen Empörungsbestimmung verweigert.
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Das Zitat. Aus einer Stellungnahme in einer öffentlichen Anhörung zum Thema »Leistungsbeeinflussende und leistungsfördernde Maßnahmen im Hochleistungssport«: »Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Datum: 28. September 1977. Es sprach der Vorsitzende des CDU-Bundestagsfachausschusses Sport. Name: Wolfgang Schäuble.
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Auf seinen ihm heute unangenehmen, aber verantwortungsethisch berechtigten Satz angesprochen, sagte Schäuble einmal: »Man sollte niemanden an Sprüchen messen, die er vor 30 Jahren getan hat; das fällt auf den zurück, der es tut.«
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So? Warum denn? Und warum gilt das nicht für 15 Jahre, also 1998? Apodiktisch, mit Schäuble-Autorität dahingesagt, dreht er den Spieß einfach um, und die sonst so empörungsbereiten Sportmedien kuschen. Doch alle sollten »gestehen«, nicht nur die Erich Zappels, nicht nur die jetzt an den Pranger Gestellten, sondern auch diejenigen, die sich unter Pfui-Rufen auf die bösen, bösen Radprofis aus ihrer Verantwortung stehlen wollen.
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Der gute alte »Kicker« macht allen anderen Medien vor, leider auch mir (siehe diese Kolumne), wie man die nichts enthüllende Enthüllung einordnen sollte: Auf einer hinteren Seite, mit knappen 18 Zeilen unter anderen Kurzmeldungen.
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Ein anderer Aufreger hat sich erledigt, ganz so, wie ich es vorhergesagt habe (ich klopf’ mir mal selbst auf die Schulter, tut ja sonst keiner): Die Leistungsentwicklung im Behindertensport, die neben der sportlichen vor allem eine Prothesenentwicklung ist, stelzt so schnell voran, dass die Forderung nach gemeinsamen Wettkämpfen vom Tisch sein dürfte. Mittlerweile pulverisiert der Brasilianer Oliveira die Pistorius-Rekorde (20,66 über 200 Meter!), mit verlängerten Karbonstelzen, nachdem Pistorius’ Prothese noch normalmenschliche Proportionen aufwies. Irgendwann hat auch Bolt keine Chance mehr gegen Stelzenläufer. Bolt? Bolt? Da war doch noch was?
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Noch eine Bestätigung, eine leider tragische: Nach Robert Enkes Tod 2009 fürchtete ich, dass »gemütslabile Menschen dem Werther-Effekt (Nachahmung berühmter Selbstmorde) zum Opfer fallen könnten« und fragte, »welche Rolle die postume Idolisierung des unglücklichen Torwarts dabei spielt«. In der »FAS« lese ich nun, dass sich in der Woche nach Enkes Tod in Deutschland 50 Menschen mehr als im Schnitt der Vorjahre das Leben nahmen und dass nach einer Untersuchung zweier Mainzer Kommunikationswissenschaftler eine »gefährliche postume Heroisierung« in den Medien der Grund dafür sei.
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Zu schlechter Letzt: Jener sogenannte Extremsportler, der sich Red-Bull-gesponsort aus einem Ballon fallen ließ, unter medial ähnlicher Beachtung wie bei der ersten Mondlandung, hat seine pädagogische Ader entdeckt und preist eine »gesunde Ohrfeige« als angemessenes Erziehungsmittel.
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Stimmt ja auch. Eine Ohrfeige schadet nicht. Nur eine. Aber nur für ihn, den Plumps-Sack: Patsch! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle