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Mittwoch, 24. Juli, 17.00 Uhr

Im “Anstoß” vom 3. September 2007 geschrieben:

“Zabel: Wenn er tatsächlich nur das getan hätte, was er weinend zugab (hihi), wäre er wahrscheinlich der sauberste Radprofi dieses Jahrtausends.”

Die Sportredaktion übernimmt es für morgen als “Zwischenruf”. Nur für den Blog “Sport, Gott & die Welt”:  mein “aktueller” Kommentar, vom Juli 2007 (als es noch keine Tränen-Pressekonferenz gab), aber als IWT (immer wiederkehrender Text) auch heute verwendbar:

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemals ein Tour-de-France-Sieger nach den heute gültigen Regeln nicht gedopt gewesen wäre, tendiert gegen null. Diese realistische Erkenntnis galt in Fachkreisen schon immer als Axiom, als grundsätzliche Erkenntnis also, deren Beweis weder nötig noch möglich ist. Die Erkenntnis ist nun in den Köpfen aller angelangt und erschüttert den Sport. Die Naiven sind erschüttert, weil sie völlig überrascht sind, die besorgten Sportfreunde, weil ihre vage Ahnung vom flächendeckenden Doping bestätigt wird, und die realistische Fachwelt, weil eine Binsenweisheit derart erschütternd wirken kann. Die Armstrongs und Ullrichs, Aldags und Zabels sind sportmoralisch nicht besser oder schlechter als die großen Heroen und kleinen Helden früherer Jahrzehnte. Dass die heutigen Doping»sünder« (eine verräterisch pharisäerische Wortschöpfung) zutiefst verachtet werden, verrät mehr über die Verachter als über die Verachteten. Die Verachter verachten mittlerweile den gesamten Sport, insbesondere jene Grundsportarten, in denen Kraft, Ausdauer oder Schnelligkeit die Hauptrolle spielen. Doch was hat sich geändert gegenüber früheren Jahrzehnten, als die Verachter noch Verehrer waren? Nur die im Grunde sehr erfreuliche Tatsache, dass der Sport versucht, sein im gesellschaftlichen Leistungsleben einzigartiges Regelwerk zu optimieren, indem er Medikamenten- und Drogenmissbrauch, im Sport Doping genannt, noch strenger unter Strafe stellt und die Einhaltung der Regeln noch rigoroser überwacht. Dafür verdient der Sport, verdienen seine Sportler Respekt statt Verachtung. Leider hat diese positive Seite der aktuellen Dopingbekämpfung zwei Schattenseiten, denn sie begünstigt das Vordringen krimineller Elemente und zerstört die Chancengleichheit. Zunehmend kriminell wird es, weil das früher leicht mögliche, meist von medizinischen Fachleuten überwachte und allenfalls als Kavaliersdelikt empfundene Doping nur noch in mafiösen Strukturen praktiziert werden kann. Das ist aber noch das geringere Problem, denn das vorhandene Strafrecht hat genügend Hebel, um gegen jede Kriminalität vorzugehen, man muss die Hebel nur kraftvoll und energisch anfassen (nicht nur in Sachen Doping, aber das nur am Rande). Das eigentliche Dilemma aber ist der Automatismus, dass die Basis des Sports, die Chancengleichheit, umso mehr beschädigt wird, je weniger flächendeckend gedopt wird. Pervers wirkt es zu behaupten, dass, wenn alle dopen, wenigstens der wirklich Beste gewinnt. Pervers ist es, wenn die empört-erregte und oft genug schamlos heuchlerische Doping-Hexenjagd dazu führt, dass die sauberen Sportler nur noch die Staffage für clevere, skrupellose und hightechkriminelle Doper bilden, die der Konkurrenz und der Nachweisbarkeit immer mindestens eine Nasenlänge voraus sind. Diese Bestandsaufnahme hat den Nachteil, keine Lösung des Problems zu kennen. Vielleicht gibt es auch keine, und der Leistungssport geht als Phänomen des 20. und Selbstmörder des 21. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Wenn es aber überhaupt, statt der moralinekligen Schlagzeilen-Empörung, Chancen zu einer echten Katharsis, einer reinigenden Läuterung, geben soll, die zu einem weitgehend dopingfreien und gleichzeitig chancengleichen Sport führt, dann müssen zunächst einmal alle »gestehen«, nicht nur die jetzt an den Pranger Gestellten, sondern auch diejenigen, die sich unter Pfui-Rufen aus ihrer Verantwortung stehlen wollen. Stellungnahme in einer öffentlichen Anhörung zum Thema »Leistungsbeeinflussende und leistungsfördernde Maßnahmen im Hochleistungssport«: »Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Datum: 28. September 1977. Zitiert aus der Rede des Staatssekretärs im Bundesinnenministerium. Name: Wolfgang Schäuble. Dem deutschen Sport wäre viel erspart geblieben, wenn lange vor den Aldags die Schäubles ein Geständnis abgelegt hätten.

 

Damals musste ich mich ein paar Tage später in einem kleinen Detail berichtigen. Vorab: Der angesprochene Fall von einem Esel war der meinige, in Griechenland, mit Rippenbruch als Folge und danach ein Selbstverarschungs-Runninggag in der Kolumne. Jetzt aber der zweite 2007-Text:

 

Apropos Schäuble-Zitat vom Dienstag: »Ich bin ebenso süchtig nach dem Anstoß wie viele Leser. Der Anstoß ist an vielen Tagen der gedankliche Anstoß für meinen Tag, also irgendwie ja auch Doping. Deswegen ist der Fall von einem Esel auch unverzeihlich, da er uns Leser darin behindert, Topleistungen zu erbringen, wenn die Hoffnung nach einem gelbunterlegtem gw im roten Kasten so schwer enttäuscht wird.« Sehr nette Worte von Thomas Koch, aber nun ertappt er mich: »Dass man sich oft freut, oft ärgert über die Gedanken gw’s, ist logisch und wohl auch erwünscht.« Mein Kalkül der gezielten Provokatiönchen sollte eigentlich nicht durchschaut werden . . . Doch nun zu Schäuble: »Deswegen habe ich mich auch noch nie gemeldet, obwohl es schon oft gejuckt hat. Aber bin ich der erste, der kritisch anfragt, ob Wolfgang Schäuble zu Zeiten der sozial-liberalen Koalition in Bonn am 28. September 1977 als Staatssekretär eine Rede gehalten haben kann? War er überhaupt je Staatssekretär?« – Lieber Herr Koch, das ist natürlich nur eine rhetorische Frage aus dem Hessischen Innenministerium, in das Sie von Gießen aus Ihr politischer Weg geführt hat. Ich habe nachgeforscht und gestehe schuldbewusst, Zabeltränen nahe: Matthias Altenburg, unser alter Anstoß-Mitkolumnist, hatte das Zitat im Internet bei Zeit online gefunden, in einem dort zitierten taz-Interview mit dem Heidelberger GröDaZ Werner Franke. Doch Schäuble war nie Staatssekretär, sondern 1977 Vorsitzender des CDU-Bundestagsfachausschusses Sport. Das Zitat selbst stimmt, die falsche Amtszuordnung aber habe ich ungeprüft übernommen vom GröDaZ, dem größten Dopingexperten aller Zeiten, dessen Worten man also nicht immer vertrauen sollte.

 

Noch dies: Während des Schreibens beschlossen, den Blog-Text auch bei Facebook zu “posten” (was ich nun gelernt habe, aber selten tue), weil dort ein paar alte Kameraden mitlesen. Und das Allerletzte: Auf seinen Satz angesprochen, sagte Schäuble einmal:

»Man sollte niemanden an Sprüchen messen, die er vor 30 Jahren getan hat; das fällt auf den zurück, der es tut.«

So? Warum denn? Apodiktisch, mit Schäuble-Autorität dahingesagt, die viele kuschen lässt, drehte er den Spieß einfach um, und damit hatte es sich.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle