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Sport-Stammtisch (vom 20. Juli)

Zwischen Traum und Tag langsam vom Rauschen der Brandung geweckt zu werden – so lässt sich’s leben. Gleich stehe ich auf, gehe die paar Schritte über den noch kühlen Strandsand und lasse mich gemächlich zu Wasser, hinein ins blaugrüne ägäische Meer unter dem azurblauen ägäischen Himmel …
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… doch dann wird mir klar: Ich gehöre ja zu den Daheimgebliebenen, und was da brandungsartig rauscht, ist nur der Ostwind. Aber immerhin: Auch wir haben urlaubsfeines Sommerwetter, strahlende Sonne, 30 Grad, tagsüber ein kühlendes Windchen und nachts angenehm unschwüle Abkühlung. Carpe diem.
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Wo lesen Sie diese Kolumne? Per iPad oder Smartphone am Strand? Weit, weit weg von zu Hause? Je weiter weg, je weiter südlich, desto nichtiger und kleiner erscheinen die Probleme der Welt. Unvergesslich: Wie ich mich auf den Weg zum Strand mache, vorbei an einem winzigen Supermarkt. Der Besitzer sieht mich, deutet auf einen kleinen Fernseher über der Kasse, auf dem Bilder und griechische Schriftzeichen flimmern. »Pyrgos« (= Turm), sagt er und schüttelt bedächtig den Kopf. Es ist der 11. September 2001, ich sehe einen Turm des World Trade Centers einstürzen – und empfinde nichts, ahne nicht, dass ich via Live-TV Zeuge des Terroranschlags bin, der die Welt verändern wird. Was denke ich? Nichts. Murmele, bemüht Interesse vortäuschend: »Ah, pyrgos, kala« (= gut) und gehe zum Strand.
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Der 11. September 2001 sei auch der traumatische Hintergrund des Sommer-Spähskandals 2013, heißt es. Mich interessiert er, als sei ich auf Kreta und ginge zum Strand. Auch der neue Dopingskandal soll mich nicht weiter beschäftigen. Ist ja auch nur die x-te Auflage des ewig gleichen Spielchens. Im »Sport, Gott & die Welt«-Blog habe ich spontan ein paar Sätze dazu geschrieben, das sollte es gewesen sein. Leider fordern Blog-Leser nun, das müsse auch ins Blatt.
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Also gut: Ich bin sicher, dass alle im körperintensiven Spitzensport (wenn Schnelligkeit, Explosivität und/oder Ausdauer entscheiden) ihre Leistung durch unphysiologische Mittel und Mittelchen zu steigern versuchen. Das ist meistens kein Doping, sondern erlaubte Leistungsbeeinflussung, vom simplen Nahrungsergänzungsmittel bis zum ausgeklügelten Oregon-Projekt von Nike. Ein Teil dieser Sportler (wie groß der ist, weiß der Geier, und nicht mal der) arbeitet mit Mitteln, die auf der Dopingliste stehen, aber nicht nachweisbar sind (wie immer noch gewisse Wachstumshormone oder Gendoping). Überrascht bin ich nur, dass es einen dritten Teil gibt: Das ist der, der noch Dopingmittel anwendet, die problemlos nachweisbar sind. Das ist mir völlig unverständlich und auch suspekt. Wie mir auch der Urschrei des Dopings, der Ben-Johnson-Supergau 1988, damals suspekt war und auch heute noch ist: Niemand kann mich von der Überzeugung abbringen, dass im Seoul-Endlauf alle zuvor das Gleiche getan haben: Anabolika genommen und rechtzeitig abgesetzt. Ben Johnson, als Muskel-Monster und tumber Tor, war das ideale Bauernopfer, das Smarties wie Carl Lewis nur um so heller erstrahlen ließ. Lewis, dessen positive Dopingtests schon damals bekannt waren, aber unter den Teppich gekehrt wurden.
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Der Ober-Smartie unserer Zeit heißt Usain Bolt, ist als einziger Topsprinter noch nie positiv getestet worden, was aus Sicht der globalen Bolt-Vermarktung auch unbedingt beibehalten werden muss. Die anderen, die erwischt werden, sind entweder dumm, dreist, eher sogar dummdreist oder aber Opfer von »Whistleblowern« der Konkurrenz (siehe Balco).
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Leider ändert sich nichts, es bleibt alles, wie es ist, dabei müsste man alles ändern, damit es wird, wie es wahr, als man sportliche Höchstleistung noch einschätzen, einordnen und respektieren konnte. Letzter Satz dazu, alter Satz, geschrieben am Ben-Johnson-Tag 1988: Nicht der Doper ist pervers, sondern die Welt, in der er lebt.
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Soeben, beim Nachlesen des bisher Geschriebenen, fällt mir ein gewaltiger stilistischer Wetterumschwung vom Urlaub zum Doping auf. Sorry, altes Leiden. Themaumschwung: Beim Nachlesen des bisher in Deutschland über Guardiola Geschriebenen fällt mir ein zwar noch nicht gewaltiger, aber schon merklicher Stimmungsumschwung von Heilserwartung zur Skepsis auf. Selbst der nüchterne »Kicker« munkelt schon: »Seine ersten Entscheidungen sind schwer nachvollziehbar. Zumindest darf es den neutralen Beobachter verwundern, wie stark der Spanier an einer Mannschaft herumexperimentiert, die vor wenigen Wochen noch wie ein Uhrwerk funktionierte, das Triple gewann und als vorbildlich und stilprägend im Welt-Fußball galt.«
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Sollte also lieber alles bleiben, wie es war? Dann ginge es dem FC Bayern vielleicht wie dem untergehenden sizilianischen Adel in Tomasi di Lampedusas Roman »Der Leopard«, der die Mahnung des alten Fürsten Don Fabrizio nicht beherzigte: »Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass sich alles verändert.«
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Lampedusa. Die pelagische Insel zwischen Sizilien und Afrika. Nie da gewesen, aber schon lange mein geheimes Urlaubs-Traumziel. Allerdings … »je weiter südlich, desto nichtiger und kleiner erscheinen die Probleme der Welt«, das sieht man auf Lampedusa ganz anders. Die Insel droht im Flüchtlingsstrom unterzugehen, und wir im Norden … aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle