Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Der Duft des Sommers (Nach-Lese vom 20. Juli 2013)

Endlich Hochsommer. Die letzten Kaulquappen krabbeln als Mini-Kröten oder – Molche aus dem Teich, Nachzügler des großen Exodus nach der letzten Regennacht vor zwei Wochen. In der Luft liegt der Duft frisch gemähter Wiesen, es ist der Duft des Sommers. Ich ziehe den Liegestuhl in den Halbschatten und mich auf ihn zurück. Baumelt die Seele? Nein, die Gedanken kreisen um letzte Dinge. Drunter tue ich’s nicht als Liegestuhl-Philosoph.
*

Den Anstoß gibt ein »Spiegel«-Interview mit dem jungen Philosophen Markus Gabriel (33), Liegestuhl-Inh… nein, quatsch, Lehrstuhl-Inhaber für Erkenntnistheorie in Bonn. Thema, mein altes Thema, ich habe es einst schon im Schulaufsatz angerissen und später in vielen Liegestuhl-Sitzungen monologisch ausdiskutiert: Was kann der Mensch wissen und wo sind die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis? Gabriel: »Wir sehen immer nur Ausschnitte von etwas, das unendlich ist. Ein Überblick über das Ganze ist unmöglich.«
*
Sag ich doch! Mein Reden seit Schulaufsatz-Zeiten, als ich in jugendlicher Überzeugung schrieb, das Hirn des Menschen sei wie eine Facette im Insektenauge, mit Betonung auf EINE Facette. Durch sie schaut die Naturwissenschaft bis auf scheinbar letzte Dinge, sieht aber nur einen winzigen Ausschnitt, da ihr – und dem Menschen überhaupt – die restlichen und wahrscheinlich unendlich viele Facetten fehlen, um das wahre Bild zu sehen (und daher kommen wir auf solch seltsame Erkenntnisse wie den Urknall oder multiple Universen, aber das nur am Rande).
*
Über Facetten und Insekten zu den Grillen: Der Ton des Sommers. Mir Liegestuhl-Inhaber für Erkenntnistheorie schweifen die Gedanken ab zu jener großen Schwester der Grille, der Zikade, damals im Griechenland-Urlaub, und zu dem alten Kafenion-Hocker, den ich in Gebärdensprache auf den unglaublich lauten Gesang einer Zikade aufmerksam machte. Ist ja ohrenbetäubend, toll! Noch nie so was gehört. Ich war begeistert. Der alte Grieche missverstand mich aber und fischte den scheinbar ruhestörenden Lärmer mit einer routinierten Handbewegung von der Wand, schleuderte ihn auf den Boden, zertrat ihn unter seinem Absatz – mit einem ekelhaft knirschenden Geräusch – und blickte mich beifallheischend an für den Gefallen, den er dem Fremden getan hatte. Mein zartes Gemüt knirschte lauter als die Zikade, mein Gesicht aber versuchte sich an einem dankbaren Lächeln.
*
Warum hatte ich Mitleid mit einer Zikade, er aber nicht? Was ist das überhaupt, Mitleid, woher kommt es, worin wurzelt es? Wieder hilft mir der »Spiegel« auf die Sprünge, denn er widmet dem »Geheimnis des Mitgefühls« sogar die Titelgeschichte seiner aktuellen Ausgabe. Natürlich löst der »Spiegel« das Geheimnis des Mitgefühls: In »Spiegel«-Neurosen … nein, schon wieder ein Freudscher Verschreiber, also: In Spiegelneuronen entsteht das Mitgefühl, die Empathie. Spiegelneuronen sind frisch entdeckte Nervenzellen, die im Gehirn spiegeln, was anderen widerfährt und es deshalb nachempfinden lassen. Je menschlicher der oder das andere ist, desto mehr Mitgefühl feuern die Spiegelneuronen vom Hirn ins Herz.
*
Man kann seine Spiegelneuronen trainieren, auch negativ. Wir wissen es aus jüngster (NSU) und noch nicht alter (Holocaust) deutscher Geschichte, ein norwegischer Massenmörder hat sogar ein spezielles Antimitleids-Trainingsprogramm absolviert. Doch diese Beispiele sind mehrere Nummern zu groß für meinen Liegestuhl. Ich bleibe bei den kleinen Dingen. Der Zikade. Und noch kleineren. Den Kaulquappen.
*

Ihr großer Exodus vor zwei Wochen. Nachts sind sie aufgebrochen. Ziel: In die Wiesen, in die Büsche, an die Hänge. Morgens wimmelten sie noch über die Wege und vor allem über die Straße. Nicht schnell und zielstrebig, sondern hin und her hüpfend, als seien sie entschlusslos, wo genau es hinführen soll. Wenn man nicht genau hinschaute, fielen sie nicht auf: Etwa einen Zentimeter lang, dünn, mückenartig. Sie zu retten: unmöglich. Wer sie fangen will, vom Boden aufklauben will, würde sie zerquetschen. Die Katzen spielen mit ihnen und sie zu Tode. Jedes Auto mordet Massen. Nicht zu verhindern. Oder sollte man den Verkehr verbieten, Hunde und Katzen einsperren und auch selbst zu Hause bleiben? Die Natur hat es so gewollt. Tausende alleine aus unserem Teich, die Natur produziert sie verschwenderisch, auf dass von dieser Schar drei, vier Kröten übrig bleiben.
*
Zum Glück hören wir die Todesschreie der Winzkröten nicht. Bernie Krause aber hört sie. Krause, lese ich im »SZ«-Magazin, war Folkmusiker, ein Klangexperte, der auch am Soundtrack von »Apocalypse Now« mitgearbeitet hat. Später spezialisierte er sich auf Tierstimmen, stellte fest, dass sich selbst kleinste Lebewesen über Klänge verständigen. Im Internet gibt es Beispielaufnahmen. Eine wird niemanden kalt lassen, zu hören ist sie, wenn man »Chippewa Nights« googelt. Das »SZ«-Magazin fragt Krause: »Was ist Ihre größte Erkenntnis?« — Krause: »Dass selbst vermeintlich einfache Tiere zu tiefen Gefühlen fähig sind. Ein Kollege von mir hat einmal in den Wäldern des mittleren Westens Aufnahmen an einem Teich gemacht, der seit der letzten Eiszeit nahezu unberührt war. Er wollte die Töne einer dort wohnenden Biberfamilie aufnehmen. Eines Tages tauchten ein paar Jagdaufseher auf und sprengten ohne ersichtlichen Grund den Biberdamm samt Bibermutter und Jungen in die Luft. Mein Kollege war geschockt, beschloss aber trotzdem, den restlichen Tag Aufnahmen zu machen. Der Bibervater schwamm in langsamen Kreisen um die Stelle, wo zuvor der Damm gewesen war, und hörte nicht auf zu klagen. Ich sage Ihnen, es sind die markerschütterndsten Laute, die ich je von einem lebenden Wesen gehört habe.« – Ich habe es mir angehört. Schrecklich traurig. Zum Glück höre ich den Todeschor der Winzerdkröten aus unserem Teich nicht.
*
Man stelle sich bloß vor, ein Steak auf den Grill zu legen, und die Kühe auf der Wiese nebenan muhten kläglich wie der Biber. Nie mehr Fleisch essen? Aber auch Veganismus ist keine Lösung. Selbst den Duft des Sommers kann ich nicht reinen Herzens genießen, wenn die Spiegelneuronen vom Hirn ins Herz feuern. Denn der uns angenehme Geruch frisch gemähter Wiesen ist ein Hilferuf der Graspflanze, wenn an ihr Raupen knabbern (oder Mäher mähen), er soll Wanzen anlocken, die Raupen fressen. Hilft allerdings nicht gegen die große Raupe Mensch. Da muss die Evolution dem Gras noch auf die Sprünge helfen: Jämmerlich schreien statt gut duften! Dann beißt nicht die Wanze Mensch, sondern dessen Gewissen.
*
Also bitte nicht schimpfen, wenn der Nachbar das Gras wieder einmal zu hoch wachsen lässt – der Mann ist nicht faul, der hat bloß Mitleid, und zumindest seine Spiegelneuronen arbeiten im Rekord-Akkord.
*
Wenn die rund um den Liegestuhl und um die letzten Dinge schweifenden Gedanken ihre letzte Runde gedreht haben, verlassen sie die Theorieschleife, stimmen Adorno zu, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, stimmen auch Gabriel zu, dass die Erkenntnisfähigkeit des Menschen – eine popelige Facette! – eng begrenzt ist, schalten ihre Spiegelneuronen ab, knipsen die Tagesordnung an, und der Liegelehrstuhl-Philosoph schreitet zur Tat: Erst muss er noch den Rasen mähen, dann darf er den Grill anwerfen.
Wie er dann duftet, der Sommer! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle