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Sportgeschichte(n): Sport, Musik und die Erfindung des Walkman (Anstoß vom 17. Juli)

Im Sport gibt es kein Sommerloch mehr, aber wieder unsere Sommerserie »Sportgeschichte(n)« aus fünf »Anstoß«-Jahrzehnten. In diesem Sommer drehen sich die »Sportgeschichte(n)« um eher randseitige Aspekte des Sports. So geht es heute um Sport und Musik – und als Zugabe eine exklusive Enthüllung der Entdeckung des Walkman.

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Wie es sich für eine Sport-Kolumne gehört, beginnen wir mit dem gemeinsamen Absingen sportlicher Lieder: »Was wollen wir trinken, sieben Tage lang, / was wollen wir trinken, so ein Durst.« Sie kennen noch alle Strophen auswendig? Okay, dann jetzt nur noch die letzte: »Jetzt müssen wir streiten, keiner weiß wie lang, / ja für ein Leben ohne Zwang / Dann kriegt der Frust uns nicht mehr klein, wir halten zusammen, keiner kämpft allein, / wir gehen zusammen ja nicht allein.« – Die alte Hymne bewegter linker Herzen. Gesungen von der holländischen Gruppe Bots. Deutscher Text von Lerryn (und Günther Wallraff). »Lerryn«, das ist Dr. Diether »Larry« Dehm, der seinen Spitznamen mit seinem Helden Lenin zum Künstlernamen verband und der (neben eher unpolitischem Liedgut wie »Tausend Mal berührt«) auch die noch bewegtere Friedenshymne »Das weiche Wasser« schrieb: »Die Bombe, die kein Leben schont / Maschinen nur und Stahlbeton, / hat uns zu einem Lied vereint / das weiche Wasser bricht den Stein.« (…) / Es reisst die schwersten Mauern ein / und sind wir schwach und sind wir klein / wir wollen wie das Wasser sein / das weiche Wasser bricht den Stein.« – Was das alles mit Sport zu tun hat? Dehm ist heute niedersächsischer Landeschef der Linken, war früher Stasi-Informant, Henryk M. Broder hat ihn mal ein »linkes Würstchen« geschimpft, das »jenseits der Mauer die dicke Salami« spielen wollte, die Bild-Zeitung darf ihn nicht mehr »roter Millionär« nennen, aber reich ist er trotzdem – und immer, wenn Hoffenheim im eigenen Stadion ein Tor schießt, was ja nicht allzu selten vorkommt, ertönt für die Spieler des Milliardärs Dietmar Hopp die Hymne des Antikapitalisten Lerryn. Ob da Lenin im Grab den Larry macht?  (November 2008)

Wussten Sie, dass Roland Matthes nicht nur eine Figur der Schwimm-, sondern auch der Popmusik-Geschichte ist? Der Anfang der 70er Jahre kurzfristig zum Superstar aufgestiegene Ire Gilbert O’Sullivan hatte unter seinen Hits einen mit dem Titel »In Matrimony«, in dem es u.a. heißt: »Me and You and Roland Matthes« (gesungen wie »Roländ Metthes«). (Januar 1998)

Der äußerlich leicht verschlampt wirkende Zucchero macht aber akustisch »bella figura« und singt richtig schöne Lieder. Das allerschönste ist sein von mir zunächst missverstandenes »Senza Madonna«. Ich hörte zunächst »Senza Maradona« heraus, als bittere Ballade auf Fußball ohne Maradona. Aber das war ja eine Silbe zu viel. Dann hörte ich die silbenstimmigere Aufforderung an Diegos Gegner: »Sens’ Maradona!« Das Lied jetzt aber als Jan-Hymne (»Sens’ Armstrong!«) einzudeutschen – das wäre selbst für mich etwas zu albern. (Mai 2005)

Steven Gerrard hat den Ruf wie Donnerhall und Gläserknall der englischen Fußballprofis mit energischem Ellbogeneinsatz gegen einen Disc-Jockey gefestigt. Zunächst war ich gerne bereit, dem laut medialem Führungszeugnis ansonsten untadeligen Sportsmann Gerrard die Tat zu verzeihen, denn in dem Streit mit dem DJ ging es um die Musik von Phil Collins. Den nannte der »Stern« einen »Pop-Spießer mit bordürenbehangenem Konzeptrock für Klugscheißer mit langen Haaren«, und als er einst das englische Lied für die Fußball-Weltmeisterschaft singen wollte, unterschrieben 10 000 Leser des »New Musical Express« das Motto einer Anti-Collins-Kampagne: »Verpiss dich, Phil, wir wollen einen anständigen WM-Song!« Ich hätte Gerrard mildernde Umstände eingeräumt, wenn er wegen zu viel Collins ausgerastet wäre – aber er schlug zu, weil der DJ sich weigerte, Platten des Pop-Spießers aufzulegen! (Januar 2009)

Die beste aller WM-Hymnen aber bleibt Gianni Nanninis »Un estate italiana« von 1990. Nicht etwa, weil Deutschland Weltmeister wurde, sondern wegen Giannas Reibeisenstimme und dem wunderschönen Refrain »Notti magiche / inseguendo un goal / sotto il cielo / di un’estate italiana« (Verzauberte Nächte / Einem Goal hinterher / Unter dem Himmel / eines italienischen Sommers« – auf Deutsch klingt’s nicht ganz so mitreißend).

(Juni 2010) * Haben Sie die drei Tenöre gesehen und gehört? Irgendwie erinnern sie an die deutsche Nationalmannschaft: Beide Teams wurden 1990 Weltmeister, die einen im Olympiastadion, die anderen in den Caracalla-Thermen. Acht Jahre später sind beide ziemlich am Ende. Die drei Tenöre vermantschen »You’ll never walk alone« von Gerry & the Pacemakers. Das Original klingt auch nach über 30 Jahren frischer, intensiver als die müde Vertenorisierung. Pavarotti ist halt doch nicht der Papa von Roddy (Stewart)  (Juli 1998)

Wissen Sie, wer wann den Walkman erfunden hat? Vor 40 Jahren war’s, und der geniale Epigone von Daniel Düsentrieb verriet es 1999 in der Serie »Sport-Leben« (komplett noch nachzulesen im Online-»Anstoß« »Sport, Gott & die Welt«):

Ich nerve den Besitzer eines Gießener Rundfunk- und Phonogeschäfts mit Spezialwünschen: Ich brauche den kleinsten auf dem Markt befindlichen Kassettenrekorder, dazu Stereo-Kopfhörer. Da die kleinen Rekorder nur Anschlüsse für sirrende, rauschende Ohrknöpfchen haben, deren blecherne Musikwiedergabe mich nicht in Stimmung bringen kann, legt der Phonofachmann einen neuen Anschluss für Stereo-Buchsen, und ich habe meinen Walkman. Leider hat die Technik noch nicht die heutigen Miniformate entwickelt. So eignet sich mein Walkman nicht zum Walken, da der Kassettenrekorder immer noch größer und schwerer als ein Brockhaus-Band ist. Im Wettkampf kann ich damit nicht herumwalken. Daher stecke ich das Gerät in meine Sporttasche, lege mich während des Aufwärmens auf den Boden, mit dem Kopf auf der Tasche, fummele umständlich die Kopfhörer hervor, lege ein großes Handtuch um meinen Kopf, den ich nun in die Tasche stecke, und versuche, mich von »Here’s to you« antörnen zu lassen. Es gelingt nicht. Zu groß ist die Angst, entdeckt zu werden. Hätte jemand das Handtuch weggezogen und gesehen, dass ich mit großen Kopfhörern um die Ohren mit dem Gesicht in der Sporttasche liege, wäre ich zum Gespött geworden. Noch ist die Zeit für den Walkman nicht gekommen, Sony wird ihn sich erst knapp zehn Jahre später patentieren lassen. Der kugelstoßende Daniel Düsentrieb muss auf dieses legale Doping verzichten. (Juli 1999) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle