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Montagsthemen (vom 15. Juli)

Hätte Heribert Bruchhagen die Klappe halten sollen? Er weiß doch, dass Armin Veh, an sonnigen Tagen ein liebenswert angenehmer und humoriger Typ, bissig aggressiv reagiert, wenn ihm irgendwas und besonders irgendwer die Schönwetter-Stimmung verhagelt. Dass Bruchhagen verfrüht und öffentlich den geplatzten Bendtner-Wechsel verkündet, nennt Veh »unverschämt« und »unprofessionell«, was wiederum eine ziemlich unverschämte und unprofessionelle Attacke eines Trainers gegen seinen obersten Vorgesetzten ist.
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Da Bruchhagen und Veh aber wissen, was sie aneinander haben, halten jetzt beide die Klappe in Sachen Bendtner und versichern sich und uns ihrer gegenseitigen Wertschätzung. Das ist auch gut so, denn sie haben beide ja auch die wichtige Wertschätzung des schwierigen Eintracht-Umfelds. Und auch meine allerdings völlig unwichtige.
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Dass Nicklas Bendtner nicht kommt, spaltet die Szene. Frankfurter Fußballträumer hatten gehofft, mit dem exzentrischen Dänen käme auch wieder ein bisschen Show-Leben in die allzu einträchtige Eintracht-Bude, während nüchterne Skeptiker zufrieden grunzen (»zufrieden grunzen«? Ja, das können wir Hessen!), dass der komische Vogel zum Glück vorbeigeflattert ist.
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Einen Typen wie Bendtner akzeptiert und verkraftet eine Mannschaft nur, wenn er außergewöhnlich gute Leistungen zeigt. Die Mannschaft selbst hat aber in der vergangenen Saison eine außergewöhnlichere Leistung vollbracht als Bendtner jemals irgendwo. In Frankfurt würde Bendtner dennoch und höchst konfliktträchtig viel, viel mehr verdienen als die Besten des Erfolgsteams, obwohl er mit 25 kein reines Talent mehr ist, sich weder bei Arsenal noch bei Juventus (dorthin ausgeliehen) durchsetzen konnte, sein letztes Ligator vor über einem Jahr geschossen (für Sunderland, dorthin ausgeliehen) und überhaupt erst einmal eine zweistellige Quote aufzuweisen hat (elf Tore für Birmingham, dorthin ausgeliehen / Quelle: »Kicker«).
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Ein bisschen viel ausgeliehen auf einmal. Dass Bendtner oft verletzt war, könnte eine Erklärung, aber auch ein weiterer Negativpunkt sein. Klar ist aber auch: Wenn’s in dieser Saison schiefgehen sollte, haben Fans und Veh ihren Sündenbock schon ausgeguckt.
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Hätte Bruchhagen also die Klappe halten sollen? So wie es Lothar Matthäus gerne getan hätte, aber nicht konnte, weil er eben Lothar Matthäus ist? Der als Fußball-Fachmann Unumstrittene glaubt, dass er wegen seiner unkontrollierten Rederei, zum Beispiel in seiner berüchtigten Doku-Soap, nie einen Bundesliga-Job gefunden hat (einmal beinahe in Frankfurt, o Weh und Graus!). Er könnte recht haben.
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Unkontrollierte Redesucht, Fachbegriff Logorrhoe, hessisch übersetzt: Schpreschdurschfall. Der bringt uns zur Kirsche, die phonetisch in Hessen zwei Bedeutungen hat: In die eine geht man, die andere isst man. Nimmt man eine angrenzende Mundart hinzu, bekommt die Kirsche sogar eine dritte, eine sportliche Bedeutung (»gib misch die Kirsche!«). Ich war am Wochenende in einer mit »ch« zu schreibenden Kirsch… Kirche, im Bergischen Land, und erfuhr bei der Besichtigung der »bunte Kerk« von Lieberhausen nicht nur, dass das Bergische Land nicht Bergisches Land heißt, weil es viele Berge gibt, denn dann hieße es ja auch Bergiges Land, sondern weil es als Grafschaft im 11. Jahrhundert von einem Graf Adolf von Berg gegründet worden ist – aber das nur am Rande und Ende eines überlangen Satzes.
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Seit der »bunte Kerk« weiß ich aber auch, woher die Redewendung »Klappe halten« kommt: Hier und in anderen Kirchen wurden schon in Vorreformationszeiten Klappbänke im Seitenschiff eingebaut, mit eisernen Streben, die, wenn man zu spät kam und sie nicht achtsam haltend vorsichtig niederließ, sondern in der ehrfürchtigen Stille der Kirche achtlos runterklappte, auf dem steinernen Boden einen Höllenlärm verursachten – worauf die Gemeinde zischelte: »Klappe halten!«
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Auch Australiens deutscher Fußball-Nationaltrainer Holger Osieck konnte kürzlich die Klappe nicht halten, als er öffentlich frotzelte, »Frauen sollten in der Öffentlichkeit die Klappe halten.« Dafür bekam er großen Ärger, aber »down under« gab es längst nicht solch einen Aufschrei, wie er hierzulande bei geringeren Anlässen zu hören ist. Siehe ZDF-Spot zur Frauen-EM.
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Wer’s noch nicht weiß: Im ZDF-Spot schießt eine Fußballerin den Ball in eine Waschmaschine und stellt den Waschgang ein. So weit, so blöd, so unwichtig. Wenn man die Empörung wenigstens ansatzweise verstehen will (was ich als anerkannter Frauenversteher und ergebener Diener meiner liebsten Zielgruppe natürlich versuchen möchte), so entzieht sich doch meinem ansonsten fast grenzenlosen Verständnis, dass das ZDF den Spot in devot emanzipatorischem Übereifer modifiziert hat: In der bereinigten Version ist ein Mann zu sehen, der »ohne sichtbaren Kopf und mit nacktem Traum-Oberkörper am Bügelbrett steht und ein Nationaltrikot glättet« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung).
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Dazu muss ich zweierlei betonen: Erstens, es handelt sich nicht, obwohl man es durchaus vermuten könnte, um meinen nackten Traum-Oberkörper. Zweitens: Ich hab’s nur gelesen, nicht gesehen. Der Spot läuft vor den EM-Spielen, und ich gucke grundsätzlich keinen Frauen-Fu … »Halt die Klappe!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle