Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Allerlei

Nach langer Zeit wieder einmal eine Kleinigkeit zu Ihrem Anstoß. Anlässe gibt es viele: Ihren Romanversuch sollte man nicht ohne die erbetene Antwort lassen; „de Monte“ benötigt einen Kommentar; und da ist dann für heute noch Ihr Einstieg zu Belfast und dem rechtspolitischen Vorgehen der USA. Das alles was ich jetzt schreibe könnte von Ihren wirklich sehr geschätzten Lesern aber als Sprechdurchfall – sehr hübsch das übrigens – notiert werden. Nun ja, dann ist es eben so.

Beginnen will ich aber mit einer Kritik an Ihrer Kritik an den Öffentlich Rechtlichen Radioanstalten. Oder natürlich hier Fernsehanstalten. Ich habe Ihre Einlassungen zu der Sendepolitik nicht als Plädoyer für die Privaten, sondern als Einstehen für die Öffentlichen verstanden bzw. als Ermahnung an deren Pflicht vor den Finanzierenden – also vor uns. Recht so.

Die Grafschaft Berg, auch Herzogtum, Großherzogtum und bedeutendes Reichsterritorium mit der späteren Hauptstadt Düsseldorf, hat ihren Namen – wie so viele andere Territorien – von einer geographischen Lage oder dem Namen eines Adelsstammsitzes. Württemberg z.B. von der gleichnamigen Burg östlich Stuttgart, übrigens für Sie als eingeschworenem Hessen (na ja, auch dazu ist viel zu sagen) vielleicht interessant: diese Burg ist der Nachfolgesitz der salischen Seitenlinie der Beutelsbacher, deren Stammmutter eine hessische Konradinerin war. Oder Hohenzollern (war ja einmal Teil eines Bundeslandes): hat den Namen von der Burg Hohenzollern. Es gibt noch mehr Beispiele. Die Benennung nach derartigen Gegebenheiten ersetzte den Familiennamen, der erst eine sehr bürgerliche Erscheinung ist. Vermutlich also ist die Grafschaft Berg (die ja wirklich sehr bedeutend war) doch nach etwas „Bergigem“ benannt worden; Adolf wohnte auf der Burg „Berge“ – latinisiert: de monte. Also im 20 Jahrhundert keine Chance zu einer solchen Namensbildung.

Sie lassen uns ja sehr häufig mit Ihren Bemerkungen und Beobachtungen allein. Soll das so sein? Ich finde einfach Vorgänge wie die Randale in Belfast (man führe sich vor Augen, welche historischen Wurzeln die ewigen Stänkereien der sog. Portestanten in Nordirland haben) oder die desaströse Rechtspolitik in den USA zu bedeutsam, um sie in der Umgebung von Kalauern unterzubringen. Genau das führt bei Ihnen häufig zu Missverständnissen und fordert Kritik heraus (oder falsche Zustimmung), so dass man zuweilen die Lust am Mitschreiben verliert.

Zu Ihrem Roman. Das was ich da gelesen habe möchte ich nun auch ganz und zu Ende lesen und vor mir liegen haben. Es klingt nach einem Roman von einer starken Frau und einem labilen Mann, dessen Gesamthabitus in der Tat verächtlich ist, so – genau so – wie Paula diesen Paul verachtet. Der Lokalbezug ist offenkundig notwendig, um die Sprüche der oberhessischen Machos anbringen zu können. Entlarvt Ihr Roman diese Männer – wie in Ihrem Seemannsköpper ja auch – als den sprücheklopfenden schwachen Teil der Gesellschaft? Schwach im moralischen Sinne? Und dies auf ländlichem Boden? Auch der Seemannsköpper könnte ohne seine ländliche Basis ja kaum seine Geschichte erzählen. Warum nun aber Paul und Paula? Wir alle wissen, welche Filmfiguren Plenzdorf mit seiner Legende von Paul und Paula geschaffen hat. Warum haben Sie diese wiederholt? Es kann bei Ihnen doch kein Zufall sein, dass genau dieses Namenspaar hier die Hauptrolle spielt. Ich gebe zu, dass ich mit der Glocke und dem Dome nichts anfangen kann, noch nicht. Aber Ihre Fähigkeiten zu Science Fiction haben Sie ja in Ihrem Fragment „Rohdommi“ schon unter Beweis gestellt.

Zur Chaostheorie auch noch etwas? Klar doch, wenn ich schon mal da bin.

Was bei der Chaostheorie auf dem Spiele steht

Nein, auch ich bin kein Naturwissenschaftler; dennoch spielt die Chaostheorie in meinem Denken zur Geschichtsmächtigkeit Gottes eine Rolle. Und genau das steht hier auf dem Spiel. Ein weiter Weg ist das aber von der Wettbewerbsverzerrung der Dortmunder im Fußballspiel gegen Hoffenheim zu der „epistemischen“ Lücke in den Naturgesetzen, die die Chaostheorie bedeuten könnte. Mindestens epistemisch (also orientiert an unserem Erkenntnisvermögen), wenn nicht ontisch, also orientiert am objektiv Vorhandenen. Die Chaostheorie bemüht sich um eine Erfassung der Bildung „von Strukturen aus Prozessen spontaner Fluktuation durch nichtlineare Differentialgleichungen“. Der Begriff hat also nichts mit Zufall zu tun, sondern im Gegenteil: es geht um die mathematische Erfassung von Strukturen und Systemen, die an sich deterministisch sich verhalten. Epistemisch heißt dann folgerichtig: die Differentialgleichungen, die oben erwähnt sind, können weder die Anfangsbedingungen eines chaotischen Ereignissen präzise beschreiben oder gar herstellen noch ihren Verlauf prognostizieren. Hier genau könnte die Möglichkeit für ein Handeln Gottes liegen, der ansonsten aber die Naturgesetze, die er selbst veranlasst hat, unangetastet lässt und die menschliche Willensfreiheit achtet. Nur vielleicht in der Chaostheorie lässt sich eine solche Möglichkeit finden, aber eben nur dann, wenn der Determinismus überwunden werden kann.

Ja und, Dortmund? Hoffenheim? Fußball? Wenn das, was ich da oben wiedergegeben habe, auch nur halbwegs plausibel ist, so könnte man annehmen, dass eine nichterkennbare Manipulation deterministisch den Rest besorgt hat. Dann wäre die Abfolge absolut notwendig gewesen und der Abstieg Düsseldorfs sowie die Teilrettung Hoffenheims wären „alternativlos“. Na, ist der Anstoß nicht genial? Ich war ja versucht, von einer Legatisierung der Wissenschaft zu sprechen – eine Analogbildung zur Legatisierung des Fußballs, ein sehr anregendes Wortspiel vom Anstoß – Kreator. Aber da alles so gut aufgeht, verzichte ich auf diese Parallele, weil sie wohl keine ist. (Dr. Hans-Ulrich Hauschíld/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle