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Sport-Stammtisch (vom 13. Juli)

Dass es im Fußball kein Sommerloch mehr gibt, ist glatt gelogen. Denn wo außer im Sommerloch macht ein Leibchen Schlagzeilen wie einst die Emser Depesche? Die führte zum deutsch-französischen Krieg 1870/71. Diesmal ist’s Götze im Nike-Hemdchen, der Adidas-Boss Hainer zur Kriegserklärung treibt, in der unmissverständlichen Sprache der Fußballer: »Die Rückennummer von Nike haben wir uns gemerkt.« Sein Bayern-General Rummenigge übersetzt drohgebärdend: »Nike sollte in nächster Zeit nicht bei Adidas in Strafraumnähe auftauchen.«
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Womit Kalle aber schon in der ersten Schlacht eine schwere Niederlage riskiert: Blutgrätsche im Strafraum, das gibt Rot und Elfmeter. Hainer lässt daher andere kriegerische Taten folgen, doch auch sie sind fußballtypisch: So wie die Bayern Götze dem BVB weggekauft haben, kauft Adidas jetzt Özil bei Nike raus.
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Zweite, noch schrill grellbunter schillernde Blase, die aus dem Sommerloch aufsteigt: Sexistischer Werbespot des ZDF für die Frauenfußball-EM! Im Internet tobt ein Scheißesturm, und »Bild« stellt in seiner Titel-Schlagzeile die empört rhetorische Frage: »Ist das ZDF balla-balla?« Anlass ist das Filmchen, in dem eine Fußballerin den Ball in eine Waschmaschine kickt und den »Waschgang Leder« einstellt. So was aber auch!
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Selten passiert’s, aber soeben ist es geschehen: Ich saß eine Viertelstunde vor dem Bildschirm und hatte eine totale Schreibblockade. Bei allem, was mir zu dem Megaskandal und zum Frauenfußball einfiel, meldete sich leise piepsend mein Schutzengel zu Wort: Lass es lieber, das kann bei dir doch nur schiefgehen.
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Stimmt. Daher von mir: kein Wort. Nur das eines Berufeneren habe ich mir schon notiert und für »Ohne weitere Worte« zurückgelegt. Franz Josef »Gossen-Goethe« Wagner: »Gott, warum soll es keine Fußballerinnen geben? Frauen haben auch Füße.«
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Während solche Blasen aus dem Sommerloch blubbern, vergluckert in ihm eine epochale »deutsche« Tour de France. Greipel! Kittel! Martin! Grandios, was diese Jungs (und ihre Helfer) leisten. In unseren Medien aber bleiben sie Randfiguren. Und wenn einer medial groß rauskommt, ist es Froome, weil er dem scharfrichternden Mittelmaß einfach zu außergewöhnlich schnell fährt. Was übrigens den wahren, den echten Leistungssport vollends erledigt: Wenn jede Spitzenleistung um so verächtlicher niedergemacht wird, je großartiger sie ist. Aber schon meldet sich mein Schutzengelchen wieder: Lass es, ist zwecklos, geht doch nur schief.
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Schiefgehen könnte es nächstes Jahr bei der WM auch für einige große Fußballnationen. Wer den Confed-Cup gespielt hat, und nicht nur »gespielt«, sondern dabei, wie zum Beispiel Italiens Trainer Prandelli zugibt, bei den enormen Belastungen bis an die Grenzen gegangen ist, startet mit einem schweren und in anderen Sportarten nicht wettzumachenden Handicap in die WM-Saison. Meine Prognose: Wer den Confed-Cup mitgemacht hat, während die deutschen Nationalspieler sich erholten, wer sich erholt, wenn die deutschen Nationalspieler im Aufbautraining stecken, wer im Gegensatz zu diesen daher fast ohne grundlegende Vorbereitung in die Saison geht, wer dann auch noch im Winter keine Pause kennt wie die Bundesliga (worin Arsenal-Coach Wenger übrigens auch einen entscheidenden deutschen Vorteil in der Champions-League-Endphase sieht), der … oh, wie hab ich den Satz begonnen? Wie krieg ich ihn unfallfrei zu Ende? … kann trotzdem Weltmeister werden, denn im hochkomplexen Fußball ist dieser deutsche WM-Wettbewerbsvorteil nur eine von mehreren Komponenten, und wenn die Chaos-Theorie zweifelsfrei bewiesen werden kann, dann im Fußball. Vielleicht sogar demnächst bei den Bayern: Kleine Umstellungen Guardiolas im bewährten System, Verkauf des torgefährlichsten Spielers, Zukäufe dort, wo sich sowieso schon Masse an Klasse tummelt (jetzt will Pep auch noch  Alcantara) – da schlagen schon ein paar Schmetterlinge heftig mit den Flügelchen.
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Zugegeben, das klingt jetzt auch nach Sommerloch-Blubberei. Also Schluss damit (aber bei Gelegenheit komme ich darauf zurück; Knoten ins Taschentuch). Und da das Schutzengelchen gerade nicht zuhört, hier doch noch ein Wort zum ZDF-Werbespot: Er ist in der Tat diskriminierend, sogar doppelt: Als ob Fußballerinnen glaubten, dass der Ball noch aus Leder ist, und Hausfrauen nicht wüssten, welchen Waschgang sie einzustellen haben. Beides gehört schließlich zum kleinen Einmaleins, das jede Fußballerin und Hausfrau zu beherrschen hat. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle