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Freitag, 12. Juli, 8.00 Uhr

Bevor ich Rad fahre und dann an den „Sport-Stammtisch“ gehe, muss ich schnell noch was loswerden: Habe gestern gelesen, dass es eine neue Serie im US-Fernsehen gibt, eine Spitzenserie, die demnächst auch zu uns kommen dürfte und „Under The Dome“ heißt, also „Unter der Kuppel“, nach einem Roman von Stephen King. Der Plot: Eine US-Kleinstadt wird urplötzlich und aus unbekannten Gründen durch eine durchsichtige Kuppel vom Rest der Welt abgetrennt.

So, und nun komme ich: Nach dem „Seemannsköpper“ hatte ich lange überlegt, ob ich noch mal einen Roman schreiben sollte. Ich probierte ein bisschen herum, dann hatte ich einen, wie ich fand, schönen Dreh gefunden und schrieb mal drauflos. Eine Art Heimat-fiction-Roman. Aber schon bald stockte es, ich ließ das Manuskript liegen. Anderes kam dazwischen (z.B. „So wahr das“), was ich aber auch nicht fortführte. Ich kehrte zum Heimat-fiction-Roman zurück und nahm mir vor, ihn zu beenden, zunächst mal nur für mich, da ich (das war auch der Grund, warum ich die Projekte immer abbrach) keine Lust auf das ganze lästige Procedere hatte, das folgt, wenn man ein Manuskript veröffentlichen will (Verlag suchen, sich anbiedern, schriftlich Klinken putzen, sich selbst produzieren; schließlich, wenn’s geklappt hat, Eigen-PR machen, Interviews geben, den Roman erklären, Lesungen usw. usw.).

Aber nun lese ich von „Under The Dome“, und da mein Roman-Projekt „Glocke über Keltenbach“ heißt und haargenau den gleichen Plot hat, stelle ich wenigstens den Anfang und ein paar spätere Ausschnitte in den Blog, mit der Beweisführung im Titel (Freitag, 12. Juli, 8.00 Uhr), dass ich die Idee nicht abgekupfert habe. Vielleicht hat’s ja auch einen guten Zweck: Ich würde mich freuen, wenn der eine oder die andere sich meldet und Rat gibt: Soll ich die „Glocke über Keltenbach“ zu Ende schreiben (falls ja, dann aber schnell), oder lieber lassen (weil zu uninteressant, unausgegoren, was auch immer)? Auf geht’s:

 

 

1. Die Heimkehr des Jugendrichters

 

 

Zu Hause. Seltsam, diese Vorstellung: Zu Hause sein. Aber hier war er aufgewachsen, in diesem alten Hofgut oberhalb des Dorfes Keltenbach am Fuße des Keltenbergs. Keltenbach und der Keltenberg, seine Heimat, von der aus er vor fast zehn Jahren aufgebrochen war, nach Berlin, um Jura zu studieren und Richter zu werden.

Der große Traum seines Vaters. »Ich heiße Richter, mein Sohn wird Richter.« Nun waren Vater und Mutter tot, gestorben bei einem Unfall. Sie waren auf dem Weg nach Berlin, wollten ihn zum Antritt seiner ersten Stelle als Jugendrichter mit ihrem Besuch und ihren Glückwünschen überraschen.

Paul hatte seine Eltern geliebt, dennoch überfielen ihn bei der Nachricht ihres Todes zwiespältige Gefühle. Echte Trauer und verschämte Erleichterung, denn der Tod ersparte Vater und Mutter die schlimmste Enttäuschung ihres Lebens.

Paul studierte schon lange nicht mehr. Eigentlich hatte er nie studiert. Die ersten Semester hatte er verbummelt, wie das viele Kommilitonen taten, die wie er aus der Provinz in die Hauptstadt gekommen und dort überwältigt waren von den Möglichkeiten, die sich ihnen außerhalb von Vorlesungen und Seminaren boten. Doch während die anderen irgendwann die Kurve kriegten, fleißig lernten, ihre Examen machten und in die Arbeitswelt entschwanden, lernte Paul nur die Kunst des Chillens, ein Wort, das in diesen Jahren aufkam und wie von ihm und für ihn erfunden schien.

Seinen Eltern berichtete er regelmäßig über Fortschritte im Studium, und als sich die Semester häuften, erfand er ein bestandenes Examen und verkündete stolz und leider allzu tollkühn, dass Vater und Mutter ihn mit Beginn seines Dienstantritts als Richter nicht mehr unterstützen sollten.

Bis dahin war er mit einem Kellner-Job, dem Verkauf kleiner Hasch-Mengen zum Freundschaftspreis sowie den großzügigen, aber eben nie alle Auslagen deckenden Überweisungen der Eltern recht gut über die Runden gekommen.

In letzter Zeit aber verfolgte ihn das Pech. Für Jobs in der Gastronomie wurde er mit seinen bald 30 Jahren zu alt, um das tägliche Gehetze durchhalten zu wollen, und als er zum Ausgleich seine kleinen Deals intensivierte, geriet er in eine Razzia und musste einen ganzen Tag lang in der Zelle hocken, bevor er ohne ein Wort der Entschuldigung und ohne Begründung von verachtenden Gesichtern nach Hause geschickt wurde.

Als er später erfuhr, dass seine Eltern ausgerechnet an diesem Tag zu ihrem Überraschungsbesuch eintreffen wollten, huschte ihm der unangenehme Gedanke durch den Kopf, der liebe Gott habe ihnen diese Schmach ersparen wollen.

Bei der Beerdigung musste er hemmungslos weinen, was die Keltenbacher zutiefst rührte. »Wenigstens hast du deinen Eltern noch ihren größten Wunsch erfüllen können«, tröstete ihn einer, an den er sich nur vage erinnerte, und die anderen, von denen er die meisten gar nicht mehr erkannte, nickten und murmelten ernsthaft und bewegt Zustimmung.

Nur Paula Hausmann, seine Sandkastenfreundin und, na ja, fast seine Jugendfreundin, blickte ihn während der Beerdigung böse an. Er schaute immer wieder zu ihr hin, irritiert von der ungezügelten Wut, die ihr aus den Augen sprang.

Was hatte er ihr bloß getan? Nichts, gar nichts, und pubertäre Frotzeleien würde sie ihm doch wohl nicht immer noch übel nehmen?

Seine Eltern und ihre Eltern waren beste Freunde, und als die Hausmanns zwei Jahre nach Pauls Geburt eine Tochter bekamen, hielten es beide Paare für eine wunderbar romantische Idee, das Mädchen auf den Namen Paula zu taufen, inspiriert von einem alten amerikanischen Kitsch-Hit aus ihrer Teenagerzeit. 

Es wäre doch zu schön, wenn die beiden später ein Paar würden!

Paul kannte den Text noch auswendig, er hatte ihn oft genug hören müssen und später selbst gesungen, um Paula zu ärgern. »Hey, hey Paula, I wanna marry you, hey, hey Paula, no one else will ever do.« Auch Paulas Part sang er mit: »Hey Paul, I’ve been waiting für you, hey, hey, Paul, I want to marry you too.«

Seit er mit 17 auf der Keltenbacher Kirmes mit diesem Lied aufgetreten war und, obwohl das ganze Dorf wusste, dass Paula ihn nicht leiden konnte, zum Schluss angetrunken in die Runde gekräht hatte, »Paula Hausmann wird Pauls Hausfrau«, hatte Paula nie mehr mit ihm gesprochen.

 

Als Paul zur Beerdigung der Eltern nach Hause kam, lag auf dem Bett seines alten Kinderzimmers, in dem er bei seinen seltenen Besuchen schlief, ein Aktenordner. Aufschrift: „Für Paul von Papa“. Er öffnete den Ordner und klappte ihn schnell wieder zu. Dazu war er nicht bereit. Viele maschinengeschriebene Seiten, offenbar auf Vaters alter „Gabriele“ getippt und anscheinend eine Art Vermächtnis. Weg damit!

Als er den Ordner eilig zuschlug, rutschte ein Schulheft heraus. „Für Paul von Papa. Schluss“. Vorsichtig klappte er es auf. Handgeschrieben. Ein ganzes Heft voll. In Vaters akkurater Handschrift. Nein, das würde er bestimmt nicht lesen. Wer weiß, welche Peinlichkeiten  darin stehen.

Oder sollte er doch?

Wenigstens mal beginnen, mit dem Ordner?

Nein. Vielleicht später.

 

 

 

2. Paula bricht auf

 

Paula packte. Ihr Magen juckte. Wie früher, wenn Vorfreude und Bangigkeit sich dort unten aneinander rieben und reizten. Andere nannten es »Schmetterlinge im Bauch«, aber Paula hatte schon als junges Mädchen eine durch Enttäuschungen geförderte Abneigung gegen

blumige Übertreibungen des Gefühlshaushalts entwickelt.

Schmetterlinge. Pah. Es gab Zeiten, da schienen es eher Riesenwespen zu sein. Es summte und sirrte unerträglich, dann stachen sie plötzlich gnadenlos zu, und es tat weh, wochen-, manchmal monatelang.

Niemals mehr wollte sie diesen Schmerz spüren. Sie musste es nur wollen.

Und wie sie es wollte! Schon bald hielt sie ihren Bauch wespenfrei, selbst harmlosen Schmetterlingen wurde der Zutritt verwehrt.

Nun packte sie, und es juckte, wie früher.

Sehr viel früher. Als sie mit Oliver junior schwanger ging, stellte sich der Juckreiz schon lange nicht mehr ein. Keine Schmetterlinge, keine Wespen im Bauch, dafür ein beginnender Mensch, auf den sie wenig Vorfreude entwickelte. Aus einem Grund, von dem sie nichts wissen wollte, und aus einem zweiten, der ihr signalisierte: Das war’s.

Keltenbach für immer.

Bin ich ein Gefühlsmonster?, fragte sie sich, als ihr nach der Plackerei der schweren Geburt ein Baby in den Arm gelegt wurde, das auf schon fast unheimliche Art eine Miniaturkopie seines Vaters war.

Oliver, außer sich vor Glück, tröstete sie halbherzig, weil der Kleine ihr so gar nicht ähnelte, und bestand stolz auf dem albernen Namen.

Oliver Wagenknecht jr., »oder willst du ihn etwa Paul nennen?«, scherzte er blöde, nicht oder nicht mehr wissend oder stumpf ignorierend, wie sehr sie die ewigen Paul-und-Paula-Geschichten satt hatte.

Als sie nach Gießen aufs Gymnasium wechselte, bestand sie darauf, Paola genannt zu werden, mit einem italienisch akzentuierten Umlaut: Paa-ooo-la. Sie unterschrieb sogar mit diesem Namen alles, was zu unterschreiben war, und ihr größter Triumph war es, als ihre Eltern bei der feierlichen Überreichung der Abiturzeugnisse hören mussten, dass ihre Tochter »Paola Hausmann« einen Preis für den zweitbesten Notenschnitt gewonnen hatte.

Sie wollte Jura studieren, in Berlin, wie Paul, was ihr nichts ausmachte, da Berlin groß war und sie ihm nicht über den Weg laufen würde.

Doch ihren Eltern zuliebe studierte sie Landwirtschaft in Gießen. Sie sollte einmal den Hof ihres Vaters übernehmen, was für ihn ein großes Zugeständnis an die Emanzipation war, aber auch sehr bequem, denn sie war sein einziges Kind.

Sie konzentrierte sich auf das Studium und absolvierte es in Rekordzeit. Als sie das Examen bestand, war sie schwanger, Vater schon tot und ihre geliebte Mutter auf dem Weg, ihm zu folgen. Ein Jahr lang siechte sie dahin, bevor sie starb. Ohne exakt zu definierende Krankheit. Wenn Paula daran dachte, stieg noch immer der aggressive Ärger in ihr hoch, für den sie sich in der Leidenszeit der Mutter geschämt hatte: Als ob sie ohne ihren Mann nicht lebensfähig

gewesen wäre!

Oliver war nett, harmlos, zutraulich, strebsam, Paula nahm die Annehmlichkeiten seiner verliebten Bemühungen nicht einmal widerstrebend zur Kenntnis, denn sie mochte den Jungen aus der benachbarten Hauptgemeinde Kelten ganz gerne, zumal er ihr bei seinen sexuellen Annäherungsversuchen keinen Ekel verursachte wie die vielen anderen, die sie abgewehrt hatte.

Auch bestand bei Oliver keine Gefahr, dass Wespen ihren Bauch erobern würden. Und schon die bescheidene Hoffnung, aus dem engen Paula-Keltenbach herauszukommen, schien ihr eine akzeptable Alternative, zumal ihr nüchterner Verstand erstrebenswertere Perspektiven als unrealistisch erkannte.

 

Wenn Paula klagen wollte, hielt sie sich vor, keinen Grund für Klagen zu haben. Die Wiesen und Felder waren verpachtet, leider an Banane und seinen Vater, die zusammen den Wahrheitsgehalt des Spruchs bestätigen konnten, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten.

Banane hieß eigentlich Heiner, sah aber aus wie eine Banane, lang, dick, leicht gekrümmt, nach oben und unten schmaler werdend, und mit gelbem Haar auf dem zu kleinen Kopf.

Da Paula »nichts mehr zu bestellen« hatte, ein Wortwitz ihres Mannes, der sie damit immerhin überraschte, brauchte sie auch nicht als »Professor Doktor Bäuerin « zu arbeiten, ein Witz, den dann nur noch Oliver zum Brüllen fand.

Zwar hatte sein Interesse an ihr nach der Geburt des Stammhalters in jeder Beziehung nachgelassen, was für Paula aber eine erfreulichere der schleichenden Entwicklungen ihrer Ehe darstellte. Dass sie zwar nicht Hausmann hieß, aber zur Hausfrau wurde, hätte den unsäglichen Paul, diesen Versager, zu dämlichen Witzen animiert, wenn er davon erfahren hätte. Zum Glück ließ er sich in Keltenbach fast nie blicken, und wenn, interessierte er sich nicht im geringsten für das, was im Dorf geschah, sondern pumpte nur seine Eltern an und schlief zwei, drei Tage lang durch, anscheinend völlig geschafft vom strapaziösen Studium.

Wenn er wüsste, was Paula jetzt wusste!

Ihr Ärger auf Paul wuchs von Jahr zu Jahr, obwohl sie ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Er hatte alles das, was sie gerne gehabt hätte, aber er verschleuderte achtlos, was für sie ein Geschenk des Himmels gewesen wäre: Die Chance, in der brodelnden, aufregenden Hauptstadt zu studieren, einen tollen Beruf auszuüben, frei zu sein. Frei von dem Kaff Keltenbach, in dem sie gefangen gehalten wurde. Bis heute.

Paula kniete auf dem dritten und letzten Koffer. Es klickte.

Geschafft. Mehr würde sie nicht mitnehmen. Hoffentlich kam Tanja, ihre allzu jugendliche Schwiegermutter, nicht zu früh vom täglichen Nordic Walking aus dem Keltener Wald zurück. Seit dem Tod ihres Mannes wohnte sie mit Paula und »meinen beiden Männern« im Hausmannschen Haus, eine zusätzliche Strafe zu Paulas lebenslanger Haft in Keltenbach.

Oliver war schon am frühen Morgen mit Oliver junior weggefahren, nach Gießen, zum Landratsamt, in dem er dank jahrelanger Strebsamkeit zum Amtsleiter aufgestiegen war.

Betriebsausflug. Zu einer dämlichen Flugschau nach werweißwohin, irgendwo im Pfälzischen. Seit Tagen sprach Oliver von nichts anderem. Paula staunte, welche Begeisterung ihr Mann entwickeln konnte, mit der er auch seinen fünf jährigen Sohn  ansteckte, der seit Tagen nur noch »Flugschau, Flugschau, eieieiei« brüllte und seiner Mutter damit Schauer über den Rücken jagte.

Paula trug das Gepäck in die Garage zum Auto und verstaute die drei Stücke im Kofferraum. Pino saß schon auf seinem Stammplatz. Wenn Paula fuhr, durfte er immer auf den Beifahrersitz. Heute hatte er ihn sich schon früh gesichert, denn er spürte, dass Ungewöhnliches im Gange war, und da musste er dabei sein.

Draußen war niemand zu sehen. Werktags vormittags arbeiteten die Männer in Kelten, Gießen oder sogar in Frankfurt, die Frauen kauften ein oder stapften wie Tanja im Wald herum, die Kinder waren in Kindergarten oder Schule.

Aufatmend ließ sich Paula auf den Fahrersitz fallen. Gestern Abend, beim Fußball im Fernsehen, hatten die Zuschauer »Jetzt geht’s los« gerufen, Oliver hatte fröhlich eingestimmt, was den Junior weckte, der sofort begriff – morgen die Flugschau! – und einstimmte: »Jetzt geht’s los.«

Als auch Paula laut in die blöde Parole einfiel, verstummten Oliver und Oliver überrascht.

Guck an, die Mutti!

Ihr Sohn fasste Paula sogar bei den Händen und tanzte mit ihr im Kreis, immer begeisterter brüllend: »Jetzt geht’s lo-os!«

Paula unterdrückte die aufkommende Rührung, wie auch jetzt, als sie an diese Szene vom gestrigen Abend dachte.

Sie startete den Motor und sagte laut und entschlossen: »Jetzt geht’s los!«

In Keltenbach hatten alle die »Paola« ignoriert, diese fixe Idee eines etwas überspannt nach Höherem strebenden Mädchens, das im Dorf »die Paula« blieb.

Paula gab Gas, die Reifen quietschten.

»Achtung, Berlin! Paola kommt!«

 

 

 3. (…)

4. Paula auf dem Weg in die Eckkneipe

 

Paula fuhr die Bergstraße hinunter, an der entlang sich die meisten Häuser des Dorfes reihten. Der von Oliver eigenhändig zu einem schicken Landhaus renovierte Hof ihrer Eltern war das höchstgelegene Gebäude im Ortskern, weiter oben stand nur noch die Burgruine. Und direkt darunter der Hof von Pauls Eltern, seit je her Hofgut genannt, das seit einigen Jahren sogar als Gasthaus und Pension betrieben wurde, denn Pauls Eltern hatten verwegen versucht, Zimmer an selten auftauchende Wanderer zu vermieten, seit sie Pauls Studium finanzieren mussten.

Ob er noch da war? Oder schon wieder in Berlin, der Herr »Jugendrichter«?

Ihre Klasse hatte vor knapp zwei Wochen das zehnjährige Abi-Jubiläum mit einer Berlin-Fahrt gefeiert. Natürlich fuhr sie mit. Zum ersten Mal seit Jahren ohne einen ihrer Olivers unterwegs!

Erst als sie Pauls Mutter von der bevorstehenden Reise erzählte, erfuhr sie, dass auch Pauls Eltern nach Berlin fahren wollten, exakt am Tag von Paulas Rückreise, um den geliebten und ach so erfolgreichen Sohn zu überraschen.

Die Mutter, eine feine, liebe Frau, zurückhaltend und lebensklug, schien weniger vorfreudig als ihr stolzer Mann. Ob sie insgeheim wusste, was ihr feiner Herr Sohn, der leider wenig bis nichts von seiner Mutter geerbt hatte, in Berlin trieb? Aber woher sollte sie das wissen? Außerdem war ihr liebendes Mutterherz schon in Pauls jüngeren Jahren immun gegen jeden bösen Verdacht gewesen, im Gegensatz zu Paulas Verstand, der seit gemeinsamer Sandkastenzeit wusste, dass man Paul nicht Unrecht tat, wenn man sich bei ihm auf jede mögliche Enttäuschung einstellte.

Alle wickelte Paulchen mit seinem sonnigen Gemüt um den Finger, nur Paula nicht.

Er wusste es.

»Du bist die einzige, die mich wirklich kennt«, gestand er ihr einmal.

»Dein Pech.«

»Stimmt.«

Es klang fast nachdenklich, doch er lachte den falschen Eindruck schnell weg. Er, Paul, ein vierzehnjähriger, großer schlanker Junge, ein hübscher Kerl, den alle mochten und der aussah wie eine kommende Sportgröße, obwohl er unsportlicher war als der dickste Junge des Dorfes und jegliche Form körperlicher Betätigung hasste wie die Pest. »Außer einer«, lachte er und stieß ihr kumpelhaft die Faust in die Seite.

Paula war erst zwölf, als echtes Landkind nicht prüde und schamhaft, aber schon damals allergisch gegen dumme Sprüche, vor allem gegen die von Paul. Obwohl sie nur ahnte und nicht genau wusste, was er meinte, tat sie beeindruckt, lobte ihn – »du toller Kerl« – und rammte ihm scheinbar bewundernd den Ellbogen in die Seite, dass er sich vor Schmerzen krümmte.

»Blöde Kuh«, keuchte er jappsend, »warte nur, bis du meine Paula-Frau bist, dann werd ich dir’s zeigen«.

»Was denn? Das da?«

Paula deutete einen Tritt mit dem Knie zwischen Pauls Beine an. Sie war so wütend, dass sie am liebsten zugetreten hätte, doch schon die Andeutung genügte, dass Paul sich vor Angst aufkreischend wegdrehte.

Sich erinnernd, lachte Paula im Auto laut auf.

Sie hatte nicht die Absicht gehabt, sich das Berlin-Erlebnis mit einem Besuch bei Paul zu verleiden, aber als ihre ehemaligen Mitschülerinnen schon auf der Hinfahrt im Bus mit ihren tollen Berufen, noch tolleren Kindern und allertollsten Männern auftrumpften – was mindestens die Hälfte von ihnen abends spätestens nach dem dritten Prosecco unter Tränen mehr als relativierte, was Paula mit ihnen versöhnte –, da nahm sie sich vor, ihn zwar nicht zu besuchen, aber seine Wohnung zu suchen.

Nur so.

Seine Adresse hatte sie. Im Stadtplan fand sie die Straße.

In der Nähe gab es eine U-Bahn-Station.

Das Haus sah heruntergekommen aus.

Als ein vor sich hin grummelnder Mann das Haus verlassen wollte und mit der Tür kämpfte, um sein Fahrrad herausbugsieren zu können, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen und schlüpfte hinein.

Es roch.

 

Auf den überwiegend demolierten Briefkästen suchte sie nach dem Namen Paul Richter.

Vergeblich. Es gab keine Schilder, nur einige auf Papier gekritzelte Namen, mit Tesafilm angeklebt.

»Wen suchst du?«

Ein zerrupft wirkendes knallrothaariges Mädchen baute sich vor Paula auf.

»Oder willst du etwa klauen?«

Darauf ging Paula erst gar nicht ein.

Aber sie musste etwas sagen.

Leider das falsche.

»Ich suche Paul. Paul. Also Paul Richter. Jugendrichter.«

Stammel, stammel. Wie blöd, sich vor dem frechen Ding zur Idiotin zu machen.

»Also noch einmal: Ich suche Paul Richter, den Jugendrichter.«

»Was? Wen?«

Die freche Rothaarige schaute Paula verdutzt an.

Dann kapierte sie.

Und brach lachend zusammen.

»Geiler Name für Pauli: Jugendrichter. Super.«

Immer noch schüttelte es die Zerrupfte.

Zwischen Lachsalven stieß sie heraus: »Wohnt nicht mehr hier. Haben ihn aus der WG rausgeschmissen, den … den … Jugendrichter …«

Jetzt verlor sie völlig die Kontrolle, kreischte und quiekte immer wieder: »Jugendrichter, Jugendrichter, wie geil!«

Paula ließ die Verrückte liegen und ging hinaus auf die Straße. Welch ein Glück, dass Paul sie nicht gesehen hatte. Schnell weg hier und zurück zu ihren Abi-Frauen.

Doch die Rothaarige lief ihr hinterher.

»Tut mir leid, dass ich ausgeflippt bin. Aber Pauli Jugendrichter, das ist doch zu komisch. Hat er dich auch mit seinem blöden Gequatsche rumgekriegt? Pauli ist ne Marke, sag ich dir. Glaub ihm kein Wort!«

Wem sagst du das, dachte Paula. Lass mich bloß in Ruhe.

»Frag mal da vorne, in der Kneipe am Eck, da hab ich ihn zuletzt gesehen. Als Bedienung. Soll da auch schlafen dürfen. Mit wem, weiß ich aber nicht. Mach’s gut, nimm’s leicht.« Weg war sie. Endlich.

 

(…)

5.  Paula bleibt stecken

 

Paula und Heinz verstanden sich prächtig. Sie schilderte ihm ihr lebenslanges Leiden an Paul, er ihr sein kurzes und soeben beendetes.

»Stell dir vor, er hat hier in der Kneipe gedealt. Natürlich ohne dass ich es wusste, aber mir glaubt ja keiner.«

»Doch, ich schon.«

»Als sie ihn gestern hopps nahmen, mitten in der Kneipe, zur besten Zeit, es war brechend voll, rief er mir zu: ›Tut mir echt leid, Heinzi, aber es ist doch nur Hasch, kein Heroin, was regen die sich denn so auf?‹ Wenn er wiederkommt, kann er endgültig seine Sachen packen. Ich bin’s leid. Ersatz für so einen krieg ich immer. Obwohl, er hatte Schlag bei den Tussen, sorry, bei den Damen, viele kamen nur wegen ihm. Aber das ist mir egal. Wie wär’s denn mit dir? Wegen dir kämen die Jungs. Hast du schon mal als Bedienung gearbeitet?«

»Klar.« Paula verriet nicht, dass sie ihre Berufserfahrung nur auf der Keltenbacher Kirmes gesammelt hatte, in Vor-Oliver-Zeiten.

»Und, willst du?«

»Wenn du gut zahlst.«

»Mach ich.« Heinz strahlte übers ganze Mondgesichtchen.

Paula hatte es natürlich nicht ernst gemeint. Sie flunkerte weiter, weil sie ihren Spaß daran hatte, Paul wenigstens verbal den miesen Job abgenommen zu haben.

Sie setzte noch einen drauf.

»Aber nur, wenn ich das Zimmer bekomme.«

 

Erst als Paula wieder in Keltenbach war, von der Tragödie und Pauls Rückkehr erfuhr, fing sie an, aus den schönen Gedanken die befriedigende, befreiende Tat zu planen.

Und jetzt war es soweit.

Noch einmal rief sie übermütig: »Berlin, ich komme!«

Da musste sie jäh bremsen.

 

Vor ihr baute sich wie eine Wand ungewöhnlich dichter Bodennebel auf.

Seltsam, dieser Nebel an einem sonnigen, trockenen Spätsommermorgen. Er waberte flach auf dem Boden in einem weit geschwungenen Halbkreis, wie ein horizontal gelegter Regenbogen ohne Farben. Über dem vielleicht zwanzig, dreißig Meter hohen Nebelband spannte sich azurblauer Himmel ohne jedes Wölkchen.

Paula drehte sich um. Der Nebel bildete keinen Halbkreis. Er schien sich, so weit sie es erkennen konnte, kreisrund um Keltenbach und den Keltenberg zu spannen.

Angst kroch in ihr hoch.

Es sah aus, als sei ihr Heimatdorf eingemauert.

Im ersten Gang schlich sie in den Nebel hinein. Wollte hineinschleichen. Mit der Kühlerhaube schon im Nebel steckend, ging es nicht weiter. Obwohl sie Gas gab, der Motor aufheulte und die Räder durchdrehten, kam sie keinen Zentimeter voran.

Das gibt es doch nicht!

Doch, hier gibt es das: Von einem seltsamen, undurchdringlichen Nebel eingemauert zu werden, genau in dem Moment, in dem sie Keltenbach für immer verlassen wollte. Lieber Gott, lass bitte den Quatsch.

Paula stieg aus und blickt sich um.

Vom Keltenwald her näherte sich ein Traktor, aus der Ferne wirkte er klein, aber Paula erkannte das Gefährt – es war der riesige, sündhaft teure neue Trecker von Bananes Vater. Er schlingerte seitlich an der Nebelwand entlang, versuchte immer wieder, in den Nebel einzudringen, der wie eine Gummiwand den Traktor abfedern ließ.

Das rote Traktor-Monstrum kam näher, walzte rücksichtslos über die kurz vor der Ernte stehenden Getreidefelder, was Bananes Vater gar nicht ähnlich sah. In dem Moment, in dem sie das dachte, erkannte Paula den Fahrer: Es war Banane selbst, der dumme Kerl, dem der Vater, der einzige Mensch, vor dem er Respekt hatte, gehörig Bescheid stoßen würde, wenn er seine verwüsteten Felder zu Gesicht bekam.

»Weg mit der Karre«, schrie Banane, als er die Straße erreicht hatte. Da Paula ihn aus Prinzip nicht beachtete, umkurvte er fluchend den Auto-Konvoi, schlingerte wieder in die Nebelwand, prallte ab, schlingerte weiter und verschwand auf der anderen Seite des Keltenbacher Waldes aus Paulas Gesichtsfeld.

 

 6. Paula klärt Paul auf

 

 Als Kind war Paul überzeugt, Nachfahre des Königs vom Keltenberg zu sein. Das weit verzweigte, zum Teil uralte Gemäuer des Hofgutes oberhalb des Dorfes war der Königssitz, die Burgruine auf dem Gipfel des Basaltkegels der Ausguck, von dem aus der Urahn nach anrückenden Feinden Ausschau halten ließ.

Auch heute noch machte das von einer zwei Meter hohen Felssteinmauer umgrenzte Hofgut einen imposanten Eindruck. Kleine und kleinste Gebäude, einige schon halb verfallen, früher wohl Scheunen und Gesindeunterkünfte, gaben prächtige Spielplätze für Paul ab, zum Leidwesen von Paula, die sich in den gruseligen Gewölben fürchtete und lieber anderswo, im Dorf oder zu Hause, weniger langweilige Spiele mit Paul gespielt hätte als immer nur Ritter und Edeldame.

Paul kämpfte mit nie erlahmender Begeisterung gegen imaginäre böse Raubritter, die die Schöne entführt und in einem Verlies eingesperrt hatten. Dort musste Paula oft nachmittagelang ausharren, bis Paul alle bösen Feinde erschlagen hatte und als Retter im Verlies auftauchte.

Manchmal tauchte er auch gar nicht auf, weil ihm ein spannenderes Spiel eingefallen war, das ihn Paula vergessen ließ.

Ein paar Jahre später spielte er dort noch ganz andere Spiele, allerdings nicht mit Paula, die sich zierte und ihn als altes Ferkel beschimpfte.

Es gab schließlich noch andere Mädchen im Dorf.

In spätem Schuldbewusstsein griente Paul in sich hinein, während er im Hofgut umher schlenderte und sein Erbe inspizierte.

Was es wohl wert sein mochte?

Im vor zehn Jahren sanierten Kerngebäude hatten die Eltern einen kleinen Gasthof mit Pension betrieben, zusätzlich zur Landwirtschaft und den Aufgaben des Vaters als Teilzeit-Gemeindearbeiter. Zu diesen gehörte die Wartung des Wasserreservoirs, in das die Großgemeinde Kelten Paulas altes Verlies umgebaut hatte.

Davon hatte Paul in Berlin und sogar bei seinen seltenen Besuchen zu Hause kaum etwas mitbekommen, und wenn doch, lieber nicht darüber nachgedacht. Über so manches andere auch nicht, zum Beispiel über die Schnapsidee, auf dem selten von Wanderern und fast nie von Touristen besuchten Keltenberg ein Hofgut-Lokal mit angeschlossener Pension zu betreiben.

Ob ihm die Großgemeinde den ganzen Krempel abkaufen würde, inklusive Burgruine, in die der Vater erst kürzlich eigenhändig eine Holztreppe hatte einbauen lassen, um seinen erhofften Gästen einen Panorama-Blick vom Keltenberg über den Keltenwald und Keltenbach bis nach Kelten bieten zu können?

In Gedanken versunken hätte Paul beinahe das Knirschen der Kiesel in der Auffahrt überhört. Ein Auto. Auf Besucher hatte er nun wirklich keinen Bock.

Paul sprang hinter eine efeuumrankte Mauer. Mit geschlossenen Augen hockte er im Efeu, die Hand am Boden abgestützt.

Die Hand wurde nass.

Eklig. Wo hatte er da bloß hingegriffen.

Paul öffnete die Augen.

Und sah in Pinos schwanzwedelndes Gesicht. Auch hinten wedelte er mit dem Schwanz, vorne leckte er Pauls Hand.

Paul lugte vorsichtig um die Efeu-Ecke.

Paula!

Sie stieg aus dem Wagen, stemmte die Arme in die Seiten und blickte ratlos umher.

Noch hübscher war sie geworden.

Das bei der Beerdigung blasse, verweinte Gesicht jetzt rosig angehaucht, ging Paula, immer noch mit den Händen auf den Rundungen ihrer Hüfte, ungeduldig auf und ab.

Sehr verärgert wirkte sie.

Was hatte er ihr bloß getan?

Paul duckte sich tiefer ins Efeu, Pino ebenfalls nach unten drückend.

Der Hund jaulte beleidigt laut auf, entwand sich Pauls Händen, lief auf Paula zu, sprang sie an, lief zurück, und Paul gab auf.

Er erhob sich.

»Hallo Paula. Schön, dich zu sehen. Hätte nicht gedacht, dass du mich freiwillig besuchst. Freut mich aber sehr. Leider haben sie unsere Kemenate verunstaltet, alles voller Wasser. Aber ich kenne hier noch viele lauschige Eckchen. Kommst du mit?«

»Idiot.«

»Was ist denn bloß los mit dir? Kaum bin ich zurück im Dorf, schon fängst du an, wieder auf mir rumzuhacken.«

»Was los ist? Selbst du wirst dich wundern, obwohl dein träges Hasch-Hirn sich kaum noch wundern kann.«

Woher wusste die blöde Kuh …?

Nachdem sie noch einige Freundlichkeiten ausgetauscht hatten, nahm Paula ihn lieblos hart bei der Hand.

»Aua!«

»Komm mit!«

Sie zog ihn zur Burgruine, was er sich gerne gefallen ließ, trotz des unbarmherzigen Griffs.

Eigentlich eine tolle Frau.

Wenn er sie nicht zu gut und zu lange kennen würde, er könnte sich glatt in sie verlieben.

Vielleicht auch so.

Aber leider sie sich nie mehr in ihn.

Das hatte er für immer und ewig vergeigt.

Auf der Holztreppe begann sie, ihn aufzuklären.

Von oben sah er die ganze Bescherung.

Eine Nebelwand zog sich rund um den Keltenberg. Kaum sichtbar, aber hier in der Höhe erkennbar, spannte sich eine Luftschicht wie eine gigantische Seifenblase über die Nebelwand.

Die schien wie aus Wolken gepresst.

Pauls Vater hatte früher, als er noch Pfeife rauchte, zum jauchzenden Vergnügen des kleinen Sohns perfekte Rauchkreise in die Luft gehaucht, manche sanken langsam auf den Tisch und blieben dort einen Moment lang liegen, Mutters silbernem Armband täuschend ähnlich, bevor sie sich auflösten.

Diese Rauchwolke löste sich nicht auf.

Der Traum, die Schlagzeilen, das Hasch, die Nebelwand.

Eine undurchdringliche Glocke über dem Keltenberg.

Als Jugendlicher hatte er einmal eine Science-fiction-Geschichte gelesen, in der etwas ähnliches geschah. Natürlich waren es Außerirdische.

Wie hieß der Autor? Simak? Ja, Clifford Simak.

Paul erinnerte sich auch an den Roman einer Schriftstellerin, die so ähnlich hieß wie Paula. Nicht Hausmann, nicht, haha, Hausfrau, … das Hofgut … jetzt hatte er es: Haushofer. Die Wand.

Aber das war Literatur.

Diese Wand hier war echt.

Entweder das, oder er, Paul, war verrückt geworden.

Keine angenehme Alternative.

Panik stieg in ihm hoch.

Zaghaft griff er nach Paulas Hand.

Brüsk entzog sie sie ihm.

Böse funkelte sie ihn an.

»Du kannst es wohl nicht lassen, selbst jetzt nicht.«

Dabei hatte er gar keine bösen Absichten.

Nur Angst.

 

 

So, das war’s für den Blog. Einiges habe ich ausgelassen (siehe Kapitelzählung), einige (wenige) weitere Kapitel sind geschrieben, das ganze Gerüst inklusive Nebensträngen steht. Dass ich an meinem „Under The Dome“ schon lange dran bin, dürfte ich damit bewiesen haben. Nur für den Fall, dass ich dran bleibe.

 

Baumhausbeichte - Novelle