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Sportgeschichte(n): Wölfe, Möpse und Hühner (“Anstoß” vom 11. Juli)

Im Sport gibt es kein Sommerloch mehr, aber wieder eine Sommerserie: »Sportgeschichte(n)« aus fünf »Anstoß«-Jahrzehnten. Den Titel hatten wir schon, aber diesmal verzichten wir auf die »großen« Themen, an denen wir uns ganzjährig abarbeiten. Also nichts rund um den Fußball, auch Doping bleibt außen vor. Stattdessen drehen sich die »Sportgeschichte(n)« um eher randseitige Aspekte des Sports: Sex, Musik, Zocken, außerdem viele Splitter und Miniaturen – und heute zum Auftakt geht es ums Boxen, um dessen Sinn und Unsinn sowie um Wölfe, Möpse, Hühner – und tief in die Zeit hinein.

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Wie muss sich ein Boxer fühlen, dessen Kontrahent bei einem früheren Fight beinahe sein Leben gelassen hätte? Schwingt nicht in jeder Geraden die Gefahr mit, tödlich zu treffen? Ich habe versucht, dieses Dilemma nachzuempfinden, lasse mir zum ersten Mal in meinem Leben Boxhandschuhe schnüren und trete gegen Jörg Eipel an (Anm. 2013: Eipel lag nach einem Knockout im Koma und kämpfte damals um seine Lizenz) (Februar 1979)
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Zu den Regeln der Branche gehört auch, als sportlich-spektakuläres Nonplusultra eines Kampfes jene finale Aktion zu bejubeln, die ein junger Mike Tyson als sein höchstes Ziel formuliert hat: »Dem Gegner das Nasenbein ins Gehirn treiben.« Daran denke ich, als ich, um diesem erhabenen Gefühl nachzuspüren, erstmals Boxhandschuhe überziehe und mit dem Berliner Bantamgewichts-Europameister Jörg Eipel ein paar Runden sparre – fairerweise erst, nachdem Eipel aus dem Koma aufgewacht war. Aber in mir erwacht nicht das Tyson-Tier, die Schläge des mehr als einen Kopf kleineren und weit über einen Zentner leichteren Eipel spüre ich kaum, und selbst stupse ich den kleinen, zartgebauten Mann nur an – das Koma! Angst vor der Schlagzeile: »Monster-Journalist schlägt Eipel ins Koma zurück.« (April 2007)
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Auf einer Box-Sonderseite zum Fall Eipel hatte ich  die Befürchtung ausgedrückt, dass nach einem Gutachten des Gießener Professors Willi Schumacher, der einen ehemaligen Boxer vor der Verurteilung wegen Körperverletzung bewahrt hatte, in Zukunft auch andere Boxer auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren würden. Der erste Fall wurde jetzt bekannt: Bernd August, Ex-Schwergewichtsmeister, hat in einem Kaufhaus eine Samtjacke mitgehen lassen und dies angeblich überhaupt nicht gewusst. Ein medizinischer Sachverständiger hat bestätigt, dass August unter den Folgen schwerer Kopfverletzungen im Training gelitten habe. Mit diesem Gutachten hat der Anwalt des Boxers die Einstellung des Verfahrens beantragt. (Juni 1979)
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»Hammer-Schorsch« Steinherr, nicht nur innerhalb des Rings als schlagkräftiger Boxer bekannt, wollte aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigern. Im Milieu fiel man vor Lachen von den Barhockern, aber der Coup klappte nicht. Steinherr muss nun doch zum Bund. (April 1983)
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»Schon viele Weltmeister wurden Alkoholiker – ich bin der einzige Alkoholiker, der Weltmeister wurde.« – Der ehemalige Superweltergewichts-Boxweltmeister Eckhard Dagge, der sich dieser Tage volltrunken in der Tür irrte und im Bett einer 67-jährigen Rentnerin einschlief. (September 1984)

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Dagge stirbt am 4. April 2006 mit 58 Jahren einsam und mittellos in einem Hamburger Hospiz. Schlusswort Harald Juhnke: »Zu Tode saufen – was soll’s?! Da gibt es Schlimmeres. Das Schlimmste ist, dass diese Sucht zum Schwachsinn führen kann. So will ich nicht enden.« (April 2007)
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Wie halten Sie’s mit dem Boxen, finden Sie auch, dass dieser Sport verboten werden müsste? »Es ist ein herrliches Gefühl, wenn der Schlag voll trifft.« Diesen verbürgten Ausspruch eines prominenten Box-Enthusiasten (Anm. 2013: Eipels Anwalt/Manager, siehe oben) lehnt so mancher empört im Kopf ab, vollzieht es aber im Herzen wohlig erschauernd nach, wenn er morgens um drei einen Schwergewichts-WM-Fight im Fernsehen verfolgt. Hand aufs Herz: Waren Sie nicht auch schon mal enttäuscht, wenn ein Titelkampf ohne K.o. endete? Also noch einmal: Sollte man das Boxen verbieten? Seien Sie vorsichtig mit Ihrer Antwort, lesen Sie erst, was der verstorbene Karl Adam, Ruder-Trainer und Sport-Philosoph, dazu meinte: »Das Verbot einer brutalen Sportart ist nur ein Schritt von der Welt der Wölfe zu einer solchen der Möpse.« Möpse aller Länder, vereinigt euch und verbietet das Boxen? Wenn nicht alles täuscht, ist die Welt der Möpse schon angebrochen. Die Wohlstandsgesellschaft glaubt, man könne Brutalität aus der Welt schaffen, indem man sie verbietet. (April 1984)
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Aber wenn Sie, liebe Leser, mit Freunden und Bekannten über Sinn und Unsinn des Boxens diskutieren, können Sie mit einer statistischen Tatsache für mehr Aufsehen und Verblüffung sorgen als mit literarisch-historisch-philosophischen Weisheiten: Es sterben signifikant weniger Menschen im Ring (= Boxen) als auf dem Ring (= Klobrille). Grund: platzende Blutgefäße im Gehirn wg. Pressatmung. (Juni 1997)
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Annäherung an die Berliner Box-Szene: In der Stadt ohne Polizeistunde gibt es Dutzende von Kneipen und ein knappes Dutzend Nobeldiskotheken, in denen oftmals zwei unterschiedliche Stammgast-Typen gemeinsam verkehren: Sportler und Unterweltler. Während die einen, an Extreme gewöhnt, schnell Berührungspunkte mit den außerhalb des Gesetzes Lebenden finden, sind echte »Knackis«, vom simplen Gelegenheitsdieb bis zum »Boss«, fasziniert vom Sport, besonders vom Kraftsport und ganz speziell, natürlich, vom Boxen. Und »Rocky«? Er mischt munter mit, aber nur im Milieu-Leichtgewicht. Als die Polizei nach einigen Kleindelikten »Rocky« eine Gewichtsklasse höher einstufte und wegen Verdachts der Zuhälterei ermittelte, entkräftete Mama Rocchigiani diesen Verdacht unwiderlegbar: »Dafür ist der Junge doch viel zu dumm!« (September 1989)
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Wer die Senderechte hat, muss sie rechtfertigen. Fragen, die Steinbrecher nicht stellt: Was ist die Gemeinsamkeit von Hahnen- und »Hühner«kämpfen? Dass sie von großen Gockeln für kleine Gockel veranstaltet werden? Was fasziniert Männer am Frauenboxen? Das kleine Zuhältergefühl? Was fasziniert die Frauen? Das große Emanzipationsgefühl? Obwohl beim Frauenboxen selten eine knockout geschlagen wird, aber immer die Emanzipation? Statt vieler Worte reicht eine kurze Frage, die auch Steinbrecher reichen würde, wenn nicht so viele teure Sendeminuten gefüllt werden müssten: Was soll der Scheiß? (Januar 2003) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle