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Sonntag, 7. Juli, 6.25 Uhr

Ein deutscher Sprinter gewinnt den DM-Titel in regulären 10,14 Sekunden, so schnell war selbst Armin Hary nicht (zeitnahmebereinigt). Das gehört zu den kleinen, aber sehr feinen kleinen Meldungen eines großen Sportwochenendes mit Wimbledon, Tour und Nürburgring. Wobei für manche Sportpuristen die Formel 1 nicht zählt, aber diese Diskussion hatten wir ja schon oft genug. So, das war’s schon mit dem Sonntagmorgen-Blog, denn andere Aufgaben warten. Es gibt in vierbeinigen Bereichen nicht nur Seepferdchen, sondern auch andere Prüfungen, auf die man sich vorbereiten muss, sogar in Seminaren.  Nicht ich. Bin nur Chauffeur (“Montagsthemen” folgen daher erst gegen Abend).

Weil ich weiß, dass manche (nicht viele, glaube ich, aber doch einige – Klick-Genaues weiß man nicht) das sonntagmorgendliche Lesefutter vermissen würden, hier ein kleiner Bericht aus der Kolumnen-Werkstatt: Die nächste Nach-Lese fürs Feuilleton (20. Juli) muss geschrieben werden. Der erste Versuch ist an familieninterner Kritik (also der härtesten, die es geben kann) kläglich gescheitert. Auferstanden aus den Ruinen des ersten Versuchs: der letzte Blog-Eintrag (Kaulquappen, Kröten und der trauernde Biber), der jetzt die Grundlage für die Kolumne werden soll.

Und hier nun, bevor es ab geht auf die Sauerlandlinie, der gescheiterte erste Versuch (“nicht dein gw-Stil”/”Krone? Ist doch läppisch, kein Grund zu diesem Bohai”):

 

Schon kommen die ersten wieder aus dem Urlaub zurück. Und können etwas erzählen. Wie der goldkettchenbehängte Braungebrannte am Nebentisch. Er schwadroniert in einer kleinen Gruppe offenbar Gleichgesinnter von seinem Lesbos-Urlaub. »Da gibt es nicht nur Lesben, das kann ich euch versichern, ha!« Dröhnendes Gelächter belohnt den grandios dummen Witz.
Wir sind gerade zum Griechen gekommen, zu »meinem« Griechen, haben Dimitrios begrüßt und uns einen Tisch gesucht. Leider den falschen. Denn den redenschwingenden Mann nebenan, den kenne ich. Von meinem letzten Lesbos-Urlaub vor ein paar Jahren. Diese Fre … dieses Gesicht vergesse ich nie.
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Goldkettchen zündet einen weiteren matten Griechen-Witz, schaut sich beifallheischend um – und sieht mich. Stutzt. Schaut ungläubig. Wendet den Blick ab. Verstummt. Für Stimmung sorgen jetzt die anderen. Er bleibt noch ein Weilchen, dann zahlt er, geht. Krampfhaft den Blick von unserem Tisch abwendend. Seine Kumpel tuscheln. Was hat er bloß?
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Ich weiß es. Ich hatte es sogar beschrieben, nur für mich, sofort nach meiner Lesbos-Reise. Die eine ziemlich besondere war, wie Sie in dieser speziellen »Nach-Lese« merken werden. Als Griechenland-Freund, Flugpaniker und Fähren-Fan hatte ich eine Mehr-Tage-Reise akribisch geplant und angetreten, die mich in die hintere nordöstliche Ecke der Ägäis bringen sollte, nach Lesbos, wo ich Ehefrau, Schwägerin und Schwiegermutter treffen wollte. Das Trio bevorzugte natürlich den Direktflug von Frankfurt per Pauschalarrangement und brach erst drei Tage nach mir auf.
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Was ich über meine Reise geschrieben habe, spielt hier keine Rolle. Jedenfalls nicht, was die strapaziösen ersten Tage betrifft, die schlaflose Nacht im Zug von Frankfurt nach Bologna, die quälend lange Weiterfahrt an der Küste entlang bis Brindisi, die Warterei auf das Fährschiff, die brütende Hitze, die Überfahrt nach Patras, das endlose Suchen auf glühendem Asphalt in der staubigen Stadt nach einem billigen Taxi, das mich nach Piräus bringen sollte (weil der reiseeingeplante Zug ausfiel), das im Hafen von Piräus wieder stundenlange Warten auf die Fähre namens »Mytilini« (griechisch für Lesbos), auf der ich – Ehrensache! – keine Kabine, sondern Deckpassage gebucht hatte. Auch nicht, dass die Fähre alt war, schmutzig, hinfällig, verwahrlost, also so, wie ich mich nach diesem Reise-Schlauch fühlte. Hier setzt nun unsere »Nach-Lese« ein von Sätzen, die ich taufrisch notiert hatte, um das Erlebte nie zu vergessen. Wegen Goldkettchen lesen erstmals nicht nur meine Augen das ergötzliche Ende einer erschröcklichen Reise, sondern auch Ihre, liebe Nach-Leser. Vorweg: Alles ist wahr, nichts übertrieben.
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»Kurz vor drei Uhr leuchten in der Schwärze der Nacht Lichterketten auf. Zwischenanlandung auf Chios. Urplötzlich taucht der Anleger aus dem Dunkel auf, Menschenmassen erwarten das Schiff, mitten in der Nacht scheint die ganze Insel auf den Beinen zu sein. Das Gewimmel interessiert beobachtend, malme ich auf mein Kaugummi ein. Plötzlich ein merkwürdiges Gefühl im Mund. Mit banger Vorahnung haste ich zur Schiffstoilette. Diese steht unter Wasser bzw. Urin, die in Griechenland obligatorischen Eimer für das benutzte Toilettenpapier quellen über, und inmitten dieses unhygienischen Chaos starrt mir im zersprungenen, fleckigen Spiegel ein Monster entgegen, in dessen Mund statt eines Schneidezahns rund um ein eklig schwarzrotes Zahnrudiment ein riesiges Loch klafft. Und der Fremdkörper im Kaugummi erweist sich als herausgebrochene Krone, der ein übler Duft entströmt. Namenloses Entsetzen schüttelt den abenteuerlustigen Globetrotter, dem Abenteuer, Lust und Globetrotten gründlich vergangen sind.
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Acht Uhr morgens, Lesbos: Auch ein Monster kommt ans Ziel. Ich gehe von Bord, den Koffer in der einen Hand, die andere Hand vor dem Mund, und im Portemonnaie die Krone. In Molivos am nördlichen Ende von Lesbos werde ich bereits vom Pensionswirt erwartet, der sich über diesen merkwürdigen Menschen wundert, der seine Familie fliegen lässt und selbst eine teure, langwierige und strapaziöse Reise auf sich nimmt. Meine genuschelten Erklärungsversuche (»dream come true«, »adventure«) werden weder akustisch noch ihrem Sinn nach verstanden.
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Abends in Molivos. In einer Taverne sitzt ein einsamer Mann und entblößt beim Zaziki-Mümmeln eine höchst unvorteilhaft wirkende Zahnfront. Am Nebentisch schaut ein braungebrannter Urlauber, dem drei Goldkettchen zwischen Brustwarzen und Bauch hängen, angewidert-fasziniert auf die sich bsiweilen zeigende Zahnlücke mit dem schwarzroten Etwas dazwischen. Er flüstert seiner Gefolgschaft etwas offensichtlich Gemeines zu. An seinem Tisch grinsen alle, schauen mehr oder weniger verstohlen zu dem einsamen, zahnlosen Penner rüber, sie können sich das Lachen nicht verkneifen, einer prustet los, ein anderer stimmt ein. Goldkettchen lacht am lautesten, und ich fühle mich klein, hässlich, vollkommen zahnlos, lasse Zaziki Zaziki sein und verziehe mich auf mein Pensionszimmer.
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Tags darauf. Hurra, die Liebste, die beiden Lieben und das momentan Allerliebste sind da! Meine Frau schüttelt sich bei der Begrüßung nur kurz, verbeißt sich das Lachen und geht resolut ans dringliche Geschäft. Sie war vor dem Abflug noch bei meinem Zahnarzt und packt dessen wunderbares Mitbringsel aus: Glasplatte, Zahnkratzer, zwei kleine Tübchen. Auf der Platte mixt sie den Tubeninhalt, den sie mit dem Kratzer in die Krone bugsiert. Sie setzt die Krone auf das schwarzrote Etwas, drückt sie an, fertig. Befreites Lachen mit stolz geöffnetem Mund.
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Am Abend fröhliches Schmausen in der Taverne. Dank-Küsschen für die schöne Ehefrau, dabei die attraktive Schwägerin und ebensolche, jugendlich wirkender Schwiegermutter im Arm. In den Augenwinkeln sichte ich zwei Tische weiter ein braungebranntes Dreifach-Goldkettchen, das mit offenem Mund herüber starrt. Da versteht einer die Welt nicht mehr. Ein einziger Zahn, und aus dem armen, einsamen Schwein wird der Hahn im Korb von Molivos.«
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So weit die Nach-Lese. Aber warum verlässt Goldkettchen heute fluchtartig die Taverne? Ich bin hier verabredet, mit Sohn und dessen Freundin. Wir sitzen vertraut am Tisch, prosten uns mit Retsina zu. Noch ohne Sohn, der sich verspätet hat. Ich lege ihr den Arm um die Schulter und mache sie flüsternd auf Goldkettchen aufmerksam, um ihr später die Geschichte der Krone von Lesbos zu erzählen.
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Und was sieht Goldkettchen? Den einst zahnlosen Penner, den dann dreifach beglückten Hahn im Korb von Molivos – und nun offenbar den Liebhaber eines knapp ein halbes Jahrhundert jüngeren hübschen Mädchens, es besitzergreifend umarmend, beide sich gemeinsam über ihn lustig machend.
Beinahe hätte ich Mitleid bekommen. Aber dann denke ich an Lesbos, das Zaziki-Mümmeln, das gemeine Lachen am Nebentisch – recht geschieht ihm!

Baumhausbeichte - Novelle