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Sport-Stammtisch (vom 6. Juli)

Dass die großen Sportereignisse des Sommers öffentlich-rechtlich nicht stattfinden, gehört zu den Skandalen, an die wir uns gewöhnt haben, daher als solche nicht mehr empfinden. Es sei denn, eine Deutsche kommt ins Wimbledon-Finale.
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Wimbledon, Tour de France, Formel 1, Diamond League der Leichtathleten – dies alles und noch einiges mehr gehört offenbar nicht zum Auftrag der sportlichen Grundversorgung. Am Geld kann es jedenfalls nicht liegen, fragen Sie nur die Profifußballer und die Prollboxer.
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Nun wollte sich die ARD den deutschen Wimbledon-Höhepunkt herauspicken, legt ein paar Scheine auf den Tisch und wäscht die Hände in Unschuld: Wir würden ja gerne, aber das böse, böse Sky ist der Spielverderber. Jener Bezahlsender, der Tag für Tag auch Unspektakuläres live überträgt, sollte also der ARD das Spektakuläre abgeben. Doch er weiß, wovon er lebt. ARD und ZDF wissen nicht oder wollen nicht wissen, von wem sie leben: von uns.
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Dazu passt eines der Lieblingswörter des Fußballtrainers Neururer: Vollpfosten. Vielleicht auch Klopfstock (nee, zu dem später). Ganz sicher aber: Stellholz. Denn das Wort »Skandal« stammt vom griechischen »skàndalon« ab – so hieß das Stellholz einer Falle. Luther übersetzte skàndalon als »Ärgernis«. Mithin ist der Skandal ein Ärgernis, das eintritt, wenn die Falle zuschnappt. Vor allem, wenn man selbst in der Falle steckt. Wie die ARD. Und wir mit ihr. Mitgefangen, mitgehangen, in die Röhre schauend.
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Dem Aufbau der Falle haben wir billigend zugeschaut. Sie begann mit der dummen Einführung der Quote (Millionen Fliegen können nicht irren) und ihrer brunzdummen Einteilung in werberelevante Altersklassen. Zu hohe Kosten für Senderechte sind natürlich nur ein vorgeschobenes Argument, denn wenn’s Quote bringt, ist den Öffentlich-Rechtlichen kein Preis zu hoch. Beispiel Leichtathletik: Die angeblich werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen könne nicht zu ARD und ZDF zurückgelockt werden. Hieß es. Doch diese Zielgruppe ist weder werberelevant noch überhaupt eine wichtige Zielgruppe, denn ihr Erfinder, der damalige RTL-Boss Helmut Thoma, hat längst zugegeben, dass »die Grenzziehung reine Willkür« war, die Werberelevanz nur für das RTL-Programm der frühen 90er Jahre galt und längst überholt ist. Thoma: »Wer hat denn heute das Geld? Die 50- bis 65-Jährigen.«
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Immerhin, Thoma ist lernfähig. So weit sind ARD/ZDF noch lange nicht. Anderer hübscher Satz von Thoma, auf der Suche nach seiner Zielgruppen-Willkür gefunden: »Niveau ist kein absoluter Maßstab. Das erkennt man auch sehr leicht daran, dass man nur selten Menschen trifft, die sich für Tiefniveauler halten.« Aber das ist ein ganz anderes Thema.
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Das hier auch: Endlich wirklich Sommer? Müssen wir Löschblätter zwischen die Achseln legen? Hauptsache, kein Deo. Denn »Schweiß macht attraktiv« – behaupten Wissenschaftler, die Frauen an männlichem Schweiß schnuppern ließen, worauf diese den jeweiligen Mann sofort attraktiver fanden.
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Schon Friedrich Gottlieb Klopstock, den hochdeutschbemühte Hessen gerne vornehm »Klopfstock« (siehe oben) schreiben, pries ja die rühmlichen Qualitäten »des Schweißes der Edlen«. Allerdings, meiner liebsten Zielgruppe stinkt die wissenschaftliche Erkenntnis vom Männerschweiß als Aphrodisiakum ganz gewaltig. Sie akzeptiert nicht einmal Löschblätter zwischen den Achseln (in welchem Film habe ich das bloß gesehen?), sondern nur: Duschen und Deo.
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Und dann, bei diesem Wetter, kommt Klopstock doch noch zu Ehren, jener sturm- und drangbeseelte Überschwängler des 18. Jahrhunderts mit seinem Wort zum Sommer-Wochenende: »Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht auf die Fluren verstreut. Schöner ein froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch einmal denkt.«
Dagegen ist’s nur ein kleiner Gedanke, aber vielleicht ein großer Schritt für das deutsche Tennis: Macht uns Sabine heute die Steffi? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle