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Mittwoch, 3. Juli, 10.50 Uhr

Der große Aufbruch. Ins Unbekannte. Und in den Tod. In den letzten Tagen wurden die Kaulquappen im Teich immer dicker, heute nacht haben die kleinen Kröten Beinchen bekommen und sind aufgebrochen. In die Wiesen, in die Büsche, an die Hänge. Über Wege und vor allem über die Straße. Nicht schnell und zielstrebig, sondern hin und her hüpfend, als seien sie entschlusslos, wo es hinführen soll. Wenn man nicht genau hinschaut, fallen sie nicht auf: Etwa einen Zentimeter lang, dünn, mückenartig, ungefähr zwei, drei pro Quadratmeter. Sie zu retten unmöglich. Wer sie fangen will, vom Boden aufklauben will, würde sie zerquetschen. Die Katzen spielen mit ihnen und sie zu Tode. Hier oben ist zwar nicht viel Verkehr, aber wenn alle Viertelstunde ein Auto vorbeikommt, mordet es Massen.

Nicht zu verhindern. Oder sollte man den Verkehr verbieten, Hunde und Katzen einsperren und auch selbst zu Hause bleiben? Die Natur hat es so gewollt. Tausende alleine aus meinem Teich, die Natur produziert sie verschwenderisch, auf dass von dieser Schar drei, vier Kröten übrig bleiben.

Zum Glück hören wir die Todesschreie der Winzkröten nicht. Bernie Krause aber hört sie. Tolles Interview im letzten SZ-Magazin. Krause war Folkmusiker, ein Klangexperte, der auch am Soundtrack von “Apocalypse Now” mitgearbeitet hatte. Später spezialisierte er sich auf Tierstimmen, stellte fest, dass sich selbst kleinste Lebewesen über Klänge verständigen. Im Internet gibt es Beispielaufnahmen. Eine wird niemanden kalt lassen, zu hören, wenn man über den Begriff “Chippewa Nights” sucht (SZ-Tipp: über Krauses Website www.wildsanctuary-com zu “Chippewa Nights” gehen; dort kam ich aber nicht zurecht; über die Suchmaschine und “Chippewa Nights” alleine aber ging’s).

Was dort zu hören ist im Interview-Wortlaut: “Was ist Ihre größte Erkenntnis?” — “Dass selbst vermeintlich einfache Tiere zu tiefen Gefühlen fähig sind. Ein Kollege von mir hat einmal in den Wäldern des mittleren Westens  Aufnahmen an einem Teich gemacht, der seit der letzten Eiszeit nahezu unberührt war. Er wollte die Töne einer dort wohnenden Biberfamilie aufnehmen. Eines Tages tauchten ein paar Jagdaufseher auf und sprengten ohne ersichtlichen Grund den Biberdamm samt Bibermutter und Jungen in die Luft. Mein Kollege war geschockt, beschloss aber trotzdem, den restlichen Tag Aufnahmen zu machen. Der Bibervater schwamm in langsamen Kreisen um die Stelle, wo zuvor der Damm gewesen war, und hörte nicht auf zu klagen. Ich sage Ihnen, es sind die markerschütterndsten Laute, die ich je von einem lebenden Wesen gehört habe.”

Ich habe es mir angehört. Zum Glück höre ich den Todeschor der Winzerdkröten nicht.

Baumhausbeichte - Novelle