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Montagsthemen (vom 1. Juli)

Die Jubiläums-Tour läuft und verdrängt – hoffentlich – die »Dopiläums«-Anklagen (»Bild«), mit denen mediale Selbstgerechtigkeit ihre moralische Warte wieder  er- und überhöht hat. Marcel Kittels großer Coup und die Agonie des großen Pechvogels Tony Martin – das ist Radsport, das ist die Tour de France, das ist: ein Grenzgang, ein Grenzerlebnis, grenzwertig, grandios.
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Es folgt der Transfer von Korsika aufs Festland. Transfer kommt von »transferre« = »hinübertragen«. Aber nicht nur die Radprofis werden hinübergetragen. So wurde Beutekunst von Deutschland nach Russland (und umgekehrt) hinübergetragen, was jüngst Schlagzeilen machte, als »Mutti« einen Macho mächtig auflaufen ließ. Auch Mario Gomez soll hinübergetragen werden, von München nach Florenz – aber was will dieser sportlich wie menschlich wirklich gute Junge dort? Michelangelos David, Brunelleschis Kuppel (Zentralperspektive!), Palazzo Pitti und vieles mehr, klar, das ist toll. Dort urlauben: prima. Als Begleitlektüre die Florenz-Krimis der leider viel zu früh verschiedenen Magdalen Nabb lesen: wunderbar. Aber dort Fußball spielen?  Ach, Mario.
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Beutekunst und Transfer sind auch Stichworte für Mario Götzes Hinübergetragenwerden von Dortmund nach München. Aber es fragt sich durchaus, ob auch dieser Mario wirklich gut beraten ist: Die Beispiele Kagawa und Sahin lassen ahnen, dass der BVB auf Götze weniger angewiesen sein könnte als Götze auf den BVB.
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Auch Pep Guardiola gehört zur Münchner Beutekunst, und wenn sie nun auch noch Robert Lewandowski erbeuten, entwickelt sich das Bayern-Vereinsgelände an der Säbener Straße zum sportlichen Pendant der Florentiner Uffizien. Unterschied: Die großen Werke dort sind nicht außerhalb erbeutet, sondern meist von Genies aus inländischen Kaderschmieden erschaffen
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Ganz andere Transfers hat Uli Hoeneß getätigt. Um ihn und um diese ist es merkwürdig still geworden. Sind ja auch im Vergleich zur Lagarde/Sarkozy-Affäre um Bernard Tapie nur Peanuts. Erdnüsschen. Dass in beiden Fällen die Firma Adidas eine Rolle spielt, soll hier keine Rolle spielen. Dafür aber eine andere Funktion von Transfer: Eine neue sportwissenschaftliche Studie hat herausgefunden: Rechtshänder sollten viel mit der linken, Linkshänder mit der rechten Hand trainieren, denn das macht nicht nur die schwache, sondern – wegen des Transfer-Effektes – auch die starke Hand besser. Diese Erkenntnis ist allerdings ein echter Transfer-Effekt, denn sie wurde aus der Pädagogik, aus dem uralten Jenaplan von Peter Petersen und von seinem Gießener Schüler Hans Mieskes, nach Jahrzehnten in den Sport hinübergetragen und als neue Erkenntnis verkauft. Ich weiß es genau, denn einst scheiterte ich in einer Uni-Prüfung an diesem Ur-Transfer (ein nicht gerade ruhmreiches Kapitel, aber das ist ein ganz anderes Thema).
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Schließlich noch die außergewöhnlichste sportliche Leistung der letzten Tage: Wendy Davis sprach im Senat von Texas 13 Stunden ununterbrochen, man nennt das »Filibustern«, und das ist, weiß mein uralter Freund Brockhaus (nur seine Urenkel sterben den Internet-Tod), eine »Verschleppungstaktik zur Verhinderung einer Abstimmung über einen missliebigen Antrag«.
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Bei Wendy Davis ging es gegen schärfere Abtreibungsgesetze, in einer Sportkolumne wie der unsrigen interessiert aber vornehmlich der athletische Aspekt: Davis sprach in stabilen Sportschuhen, sie durfte sich nicht aufstützen, die Rede nicht unterbrechen, sich nicht setzen, und zur besseren Standfestigkeit banden ihr demokratische Kollegen sogar einen Gewichthebergürtel um. Sie hielt durch. Sehr reife sportliche Leistung. Nur die Dopingprobe steht noch aus.
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Denn nicht mal Pipi machen durfte sie, jedenfalls nicht auf der Toilette, allenfalls redend in der feministischen Wunschtraumstellung. Eine unappetitliche Assoziation, ja, aber sie führt mich zum Urteil der Woche: Mieter, die sich in ihrer hellhörigen Wohnung von Pinkelgeräuschen des Nachbarn belästigt fühlen, müssen das ertragen, denn hörbares Plätschern beim Pullern, so die Richter, sei »sozial adäquat« und zu ertragen. Dass auch diese Kolumne, trotz der etwas fragwürdigen Abschweifung, sozial adäquat und daher ertragbar sein möge, hofft:  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle