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Sport-Stammtisch (vom 29. Juni).)

Nicht gerade markt- und mainstreamkonform, der Vergleich Guardiola/Ullrich im »DIES & DAS«-Anstoß vom Donnerstag. Die Lichtgestalt und der Verdammte dieser Tage in einem Doping-Topf – da würden sich, läsen sie es denn, die Pharisäer und Schriftgelehrten Schaum an ihren Medienmund empören.
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Nicht so unsere Leser: »Danke für den Vergleich zwischen Pep und Jan, allgemein Danke für die (im Vergleich zu anderen Medien) besonnene Berichterstattung und Behandlung der Profi-Radsportler. Die Meinungen insbesondere zu Jan Ullrich im ›Spiegel‹ und auf diversen Internetseiten erinnern mich an Kreuzrittermentalität, das scheinheilige Getue dieser Bessermenschen ist oft unerträglich«, mailt Reinhold Schmidt. – Auch andere stimmten zu. Gegenstimmen: bisher keine. Danke.
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Aus der gnadenlosen Hetzjagd der Heuchler und Meuchler (wie stinkig sie waren, dass nicht sie, sondern der »Fokus« das Interview bekam!) scherte jetzt die »Zeit« aus. Eine ebenso unerwartete und erfreuliche Ausnahme, wie der Autor Christof Siemes dem grundanständigen Sportler Jan Ullrich – weil im Grunde sportanständig wie kaum ein anderer – gerecht wird, ohne zu beschönigen oder zu verschweigen.
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Ullrich hatte der »Zeit« bereits 2007 ein Interview gegeben, in dem er vieles preisgab und auch die Mitwisser und Ankurbler aus Teams, Sponsoren, Politik und Medien benannte. Er zog das Interview aber letztlich zurück, schlecht beraten, denn es wäre ein Paukenschlag geworden. Die einzige vernünftige Alternative wählte er ebenfalls nicht: komplett zu schweigen, nach dem Motto: Ihr könnt mich mal. So aber zögerte und zauderte er, gab hier ein bisschen zu, ruderte dort ein wenig zurück und verhedderte sich in Fallstricken, aus denen er auch mit dem »Fokus«-Interview nicht mehr herauskommt – denn neben dem Blutaustausch auch Epo- und anderen Doping-Gebrauch zuzugeben, das könnte ihn wegen früherer gegenteiliger eidlicher Aussagen (Stichwort: falsch beraten) juristisch und materiell ruinieren.
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»Nun fühlt er sich als Sündenbock, der den Kopf für alle hinhalten soll. Dazu ist er nicht bereit. Es gebe viele schwarze Schafe im Radrennsport, die es viel, viel heftiger getrieben hätten als er. Er sei allerhöchstens ein graues Schaf«, schreibt Siemes. »Jan Ullrich glaubt, genug gebüßt zu haben in den vergangenen Jahren; jetzt will er von der Vergangenheit, die doch fast alles ist, was ihn ausmacht, so erzählen, dass er mit ihr eine Zukunft haben kann. Und wie er da so sitzt, ein liebenswerter Sportkamerad, hilfsbereit, unterhaltsam, wünscht man ihm, es möge gelingen.« – Leider ein frommer Wunsch, den die Frömmler nicht erfüllen werden.
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Ohne groß zu frömmeln stellten aber fast alle Medien die neuen Trainer-«Abschussquoten« in ihre Blätter, denn »Tipico bietet auch in diesem Jahr wieder die beliebte Wette an«, mailte der Wettanbieter in die Redaktionen – übrigens aus dem »Portomaso Business Tower« vom »Tipico«-Firmensitz Malta, aber das nur am bezeichnenden Rande.
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Auch dass in der letzten Saison 15 der 18 Bundesligisten von Wettanbietern gesponsort wurden, fand wenig moralische Gegenwehr. Ist ja auch seit dem Glücksspielstaatsvertrag sozusagen legales Hoyzern. Statt der – man möchte fast die Floskel benutzen: menschenverachtenden – Abschussquoten hier die Abschlussquoten: Lotto/Oddset (5): Dortmund, Nürnberg, Mainz, Augsburg, Frankfurt / Tipico (3): Bremen, Freiburg, Hamburg / bet-at-home (2): Schalke, Gladbach / mybet (2): Gr.-Fürth, Düsseldorf / bwin (1): München / betfair (1): Leverkusen / interwetten (1): Stuttgart.
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Bei Sponsor »Tipico« könnte also jemand einen schönen Reibach machen, wenn man in Freiburg zuerst den fast abschussimmunen Christian Streich … na ja, zugegeben: sehr abseitig. Aber dass Wettanbieter überhaupt als Sponsoren auftreten und die Bundesliga erheblich mitfinanzieren, das ist – eben kein Skandal, sondern mittlerweile allgemein akzeptiert.
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Hübsche Doppeldeutigkeit zum Glücksspielstaatsvertrag, gefunden in den Tiefen des Internets: »Als Ausgleich für diese Konzessionsentscheidung (in jeglicher Hinsicht) erhält der Staat fünf Prozent der Spieleinsätze.« Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, und das alles ist weder gehoyzert noch gehehlert, sondern sportstaatstragendes Gesetz.
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Zum Weinen? Nein. Ich jammere und weine nicht. Bin schließlich ein Mann. Obwohl … »Darf ein Mann öffentlich weinen?«, auch solche Themen beackert der »Spiegel« nach den Wein-Attacken von Peer Steinbrück, Uli Hoeneß und Jupp Heynckes. Auch die »Zeit« baut »Nah am Wasser« und zitiert Rod Stewart: »Ich weine ständig; je älter ich werde, desto schlimmer wird es mit mir.«
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Stewart ist 68, die anderen drei sind auch schon über 60, und da wird man eben rührselig. Ich weiß, worüber ich wei… schreibe. Happy-End in einem kitschigen Film, und schon läuft’s in unserem Alter.
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Nein, nicht dort! Nur die Augen werden nass. Manchmal sind es aber auch Lachtränen, die geweint werden. Auch wenn’s weiter unten läuft. Wie bei Sam Peckinpah. Wie Bob Dylan darauf reagierte, das steht heute in der »Nach-Lese« im Feuilleton. Auf Wiederlesen dort! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle