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Peckinpah-Pipi und andere Hörschaden

Der wahnsinnigen Massenmörder und der taffen, bis ins letzte Fitzelchen obduzierenden Gerichtsmedizinerinnen überdrüssig, fragte ich zuletzt: »Was soll ich bloß noch krimilesen, ohne Schaden zu nehmen an meiner zarten Seele?« Danke, danke, liebe Leser, für Ihre hilfreichen Tipps. Einige der vorgeschlagenen Autoren kenne ich, andere, von Ken Bruen über Tony Hillerman bis Jan Costin Wagner, will ich in den nächsten Monaten – Jahren? – gerne kennenlernen.
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Nicht nur unserem Leser Jan Tilden habe ich »sozusagen aus der Seele geschrieben: Die meisten renommierten Krimi-Autoren suhlen sich in Grausamkeiten. Auch übertrieben lustig geschriebene Krimis sind mir ein Gräuel. Ich bin daher seit einigen Jahren dazu übergegangen, mir meine eigenen Krimis zu schreiben, mit Marburger Lokalkolorit.« Die kommen natürlich auch auf die Leseliste, zumal sich hinter »Jan Tilden« der Gießener Professor Hermann Lindemann verbirgt.
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Aber diese Nach-Lese ist heute nicht das Thema, sondern eine »Nach-Höre«. Dass man Wörter oder auch ganze Sätze in Liedern und Schlagern akustisch falsch versteht, ist ein bekanntes Phänomen, über das Axel Hacke (»Der weiße Neger Wumbaba«) schon die schönsten Glossen geschrieben hat. Aber was, wenn wir die Texte richtig verstehen, die fremdsprachigen unfallfrei übersetzen können – und dennoch nichts kapieren, weil wir auf der falschen Fährte sind?
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Kürzlich stieß ich bei Youtube, in alten französischen Liedern schwelgend, über die frühe Mireille Mathieu, Michel Polnareff und Jacques Brel auf Charles Trenets magisches »La Mer«. Die Magie dieses Liedes entsteht vor allem durch die Doppelung, den ersten Teil zu wiederholen, schneller, drängender, eindringlicher. Aber wie jede Magie, wie jeder Zaubertrick, steckt dahinter eine banale Erklärung. Bei »La Mer« las ich sie vor einigen Wochen im »Streiflicht« der »Süddeutschen Zeitung«: Charles Trenet hatte das Lied 1943 während einer Zugfahrt von Narbonne nach Perpignan in nur zwanzig Minuten geschrieben. Aber Melodie und Text waren zu kurz für ein Lied, daher sang er es beim Vortrag einfach noch einmal, »und so kam es, dass ›La Mer‹ zu den wenigen Liedern des Jahrhunderts zählt, die zweimal hintereinander gesungen gehören« (SZ).
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Die oft geheimnisvoll scheinenden und mystifizierten Hintergründe mancher großer Hits können ziemlich normalmenschlich sein. Was habe ich nicht alles in »Hey Jude« von den Beatles hineininterpretiert – bis ich erfuhr, dass Paul McCartney das Stück als Trost für John Lennons kleinen Sohn Julian geschrieben hatte, der unter der Trennung seiner Eltern litt. Oder Rod Stewarts »Love the Life«, in dem ein Vater seinem Sohn Rat fürs Leben gibt. Im »Zeit«-Interview enthüllte Stewart unlängst: »Der Vater bin natürlich ich, der Sohn mein Sohn Liam, ein erfolgreicher Eishockey-Profi in Nordamerika. Mein Sohn hatte sich mal so sehr verliebt, dass sein Beruf darunter litt. Seine Leistungen beim Hockey fielen stark ab, er wollte den Sport ganz hinschmeißen, um sich mit diesem Mädchen aus dem Staub zu machen. Es war wirklich so, dass ich meinem Sohn damals sehr deutlich machte, dass er nicht alles über Bord werfen darf, sobald mal die Hormone durchdrehen.« – Und darin hat Rod Stewart Erfahrung wie kaum ein zweiter!
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Von Folk-Legende Willie Nelson, in diesem Jahr 80 geworden, lasse ich mich manchmal auf langen Autofahrten begleiten. Er leidet und klagt gerne, doch dass er dabei schmerzliche eigene Ehe-Erfahrungen besingt, erfuhr ich erst aus der »taz«: »Seine Frau Martha entwickelte immer wieder neue Methoden, ihren Willie körperlich zu züchtigen.« Zum Beispiel, indem sie »den seinen Rausch ausschlafenden Gatten ins Bettlaken einnähte, um ihn anschließend mit einem Besenstiel zu verkloppen«.
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Natürlich haben die Texte von Bob Dylan einen tieferen Hintergrund als durchdrehende Hormone oder Besenstiel-Verkloppungen. Schließlich gilt der große Dylan auf seiner »Never Ending Tour« seit Jahren sogar als Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis. Nehmen wir nur die dunkel raunenden Zeilen aus »Knockin’ on Heaven’s Door«, dem berühmten Song aus »Pat Garrett jagt Billy The Kid«: »It’s getting dark, too dark to see.« Sehr bedeutungsvoll! Aber was bedeutet es? Fragen wir den Folk-Sänger Kris Kristofferson, der in dem Film ebenfalls mitspielte. Seine Antwort (in einem »FR«-Interview vom November 2012): »Als wir uns an einem Abend mit dem Regisseur Sam Peckinpah die Aufnahmen vom Vortag ansahen, bemerkten wir schnell, dass irgendetwas mit der Belichtung nicht geklappt hatte. Jedenfalls wurde die Szene immer dunkler. Der Regisseur war ziemlich betrunken, als er sich das ansah. Und irgendwann stand er auf, pisste aus Wut auf den Bildschirm. Bob sah mich entsetzt und sehr verstört an, denn es waren die ersten Aufnahmen, in denen er zu sehen war. Jedenfalls hat ihn genau diese Szene zu diesen Zeilen inspiriert: ›It’s getting dark, too dark to see.‹«
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Nicht von der Muse geküsst, sondern vom Regisseur bepinkelt – wieder um eine Illusion ärmer.
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Apropos Kris Kristofferson: Wie’s der Zufall wollte, hörte ich in den Tagen vor dem FR-Interview eine Greatest-Hits-CD des Folk-Sängers mit dem markant männlichen Organ. So eine Stimme zu haben, erleichtert das Leben ungemein, zwischengeschlechtlich, zwischenmenschlich und überhaupt, dachte ich schon als Knabe. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit dieser »Nach-Höre« eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle