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Freitag, 28. Juni, 15.05 Uhr

Doppelschlag mit Pipi und Ping-Pong: “Sport-Stammtisch” und “Nach-Lese”. Online unter “gw-Beiträge Anstoß” und “gw-Beiträge Kultur”. Danke auch für freundliche Mails, die – ich glaube, das ist bekannt – längst nicht alle in die “Mailbox” sollen bzw. wollen. Dank zum Beispiel an Walther Roeber, der mir nach meinem Lamento mit dem aufgeblähten Bildschirm, aus dem ich nicht mehr herauskam, die Zaubertaste mailte: F11.

Während ich die Kolumne schrieb, lief die Meldung vom Armstrong-Interview ein, dass man ungedopt die Tour nicht gewinnen könne. Wasser auf meine Mühlen? Nein: Quatsch. Hämische Realisten und frömmlerische Hexenjäger gleichermaßen neigen dazu, Armstrongs Aussage aus unterschiedlichen Gründen spontan zu bestätigen. Wendige Sportpolitiker dagegen bestreiten es im Brustton selbstgerechter Empörung. Aber alle nur, weil sie in ihrem eindimensionalen Doping-Denken feststecken. Kaum jemand geht nüchtern, logisch und dennoch kreativ an die Sache heran: Armstrongs Aussage ist logischer Quatsch, weil: Wenn niemand dopen würde, gewänne ein Ungedopter. Dass niemand dopt, ist aber unrealistisch, solange die bestehenden Dopingregeln und die bestehenden Kontrollmechanismen nicht bzw. nur zufällig greifen, so dass, was am schlimmsten ist, bei X Prozent gedopter und Y Prozent ungedopter Sportler niemand mehr die sportliche Leistung einschätzen und beurteilen kann (anders als im hundertprozentigen Anabolika-Zeitalter um 1980 und im hundertprozentigen Epo-Zeitalter um 2000, als immer die Besten siegten und Jan Ullrichs Spruch, niemanden betrogen zu haben, die reine Wahrheit war). Über Doping wird viel schwadroniert, weil kaum jemand die Kerndefinition (Doping ist, was auf der Dopingliste steht) verinnerlicht hat. Dabei ist dieser nur scheinbar primitive Ansatz der einzige Hebel, um das Problem in der real existierenden Welt zu lösen (also auf den Prozentsatz von, sagen wir, räuberischen Überfall zu senken). Es wird leider übersehen, oder man will übersehen, dass Doping “nur” ein Regelkonstrukt ist wie die Fehlstartregel, die Dreiversucheregel, die Festlegung der Wurfgewichte, die Torhöhen und -breiten usw., Hilfsmaßnahmen also, die den Leistungsvergleich ermöglichen und ohne die es diesen und damit den gesamten Leistungssport nicht gäbe. Alle Wettkampfbestimmungen, inklusive der Unterabteilung Dopingregeln, müssen aber exakt definiert und das Übertreten der Regeln eindeutig und schnell feststellbar sein (z.B. beim Fehlstart). Das aber ist die Crux bei den Dopingregeln, was zu dem absurden Theater führt, dass die Siegerlisten von Olympia 2004 in Athen Jahr für neu geschrieben werden müssen. Dass dies geändert werden könnte und wie, habe ich schon des öfteren darzulegen versucht, in größerem Umfang in einem Dreiteiler im Jahr 2006 (“Nicht der Doper ist pervers, sondern die Welt, in der er lebt”). Falls gewünscht, stelle ich ihn demnächst mal in den Blog. Und das heute nur so Dahingeschriebene arbeite ich vielleicht in die kommenden “Montagsthemen” ein. Ma gucke. Bis dann.

Nachtrag 17.15 Uhr:

Aktuelle Berichtigung der Agenturen: Im Interview sei unterschlagen worden, dass Armstrong “zu seiner Zeit” gesagt habe. Dagegen ist natürlich vernünftig nichts einzuwenden.

Baumhausbeichte - Novelle