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Montagsthemen (vom 24. Juni)

Was geschieht in Brasilien? Außersportliche Fragen werden hier nicht beantwortet. Auch dass diverse Revolutionen und Revolutiönchen draußen in der Welt unser städtegeographisches Wissen erweitern (nach Tahrir- und Taksim-Platz nun die Avenida Paulista in … wo? Richtig: Sao Paulo), sei nur am Rande erwähnt.
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Sportmonothematische Antwort daher: Dass Brasilien, Spanien, Italien und andere mögliche Titelkonkurrenten in dieser so wichtigen Erholungsphase ein großes Turnier spielen, danach eine strapaziöse Saison absolvieren und mit nur kurzer Pause in die WM starten, ist nach trainingsmethodischem Schulwissen ein schweres Handicap für die WM und ein großer Vorteil für Deutschland.
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Eine ziemlich eindimensionale Sicht der Dinge. Immerhin zweidimensional: Mario Balotelli. Kann Fußball spielen und reden. Was Bayerns brasilianischen Nationalspieler Luiz Gustavo nervt, der Deutschlands personifiziertes EM-Trauma während des Spiels mehrfach anpflaumt: »You speak too much!«
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»Du denkst zu viel!« wird Konkurrenten eher selten vorgeworfen. Zuletzt tat dies wohl Caesar, mit bekanntem Ausgang. Brutus’ Mordkumpan Cassius blickte zwar ähnlich »lean and hungry« wie Balotelli in seiner berühmten Pose, aber, so Caesar laut Shakespeare: »He thinks too much, such men are dangerous.«
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Caesar wollte daher lieber dicke Männer um sich haben. Vielleicht einen wie den naiven, ungefährlichen Jan Ullrich, dick wie in den Wintermonaten vor der Tour de France und nicht too much denkend wie immer. Was Ullrich und seine –  schlauen? –  Einflüsterer nicht be-denken: Er kann so viel oder so wenig »gestehen«, wie er will, es wird ihm auf jeden Fall um die Ohren gehauen. Auch von einem wie Scharping. Punkt (was ich zu Ex-Ulle-Oberfan Scharping soeben notiert hatte, wurde in freiwilliger Selbstkontrolle gelöscht).
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Unfreiwillig hat die FAZ schon am Tage vor dem sie überraschenden Focus-Coup in Ullrichs arglos ehrlichen Worten preisgegeben, was von allem zu halten ist, was Ullrich sagt, noch sagen oder nie sagen wird: »Ich habe mich entschieden, so viel zu sagen, wie ich kann. Alles andere war nicht möglich.« Hier steht er nun, der arme Tor, und wir sind so klug als wie zuvor.
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»Als wie” – Mensch, Goethe! Wenn ich mir das erlauben täten wollen würde!
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Ganz Medien-Deutschland wirft sich Pep Guardiola in ekstatischer Demutsgeste zu Füßen wie einst die Scharpings ihrem Jan. Das sollte Guardiola Warnung genug sein. Denn sicherer als das Amen in der Kirche (das es in immer mehr zweckentfremdeten Ex-Gotteshäusern sowieso nicht mehr gibt) ist nur Winston Churchills vielzitierte Erkenntnis: »Die Deutschen hat man entweder zu Füßen oder an der Kehle.«
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Aber, lieber Pep, in Ihrem Fall liegt Churchill knapp daneben. Nicht »entweder/oder« sondern »erst/dann«, diese Reihenfolge ist Ihnen so sicher wie … siehe oben.
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Obwohl – Vorsicht mit Zitaten! Churchill wollte ja auch »nur Statistiken glauben, die ich selbst gefälscht habe«. Doch nachdem dieses Bonmot weltweit zigtausendfach zitiert war, forschte jemand nach und fand heraus, dass nirgendwo belegt werden kann, dass Churchill diesen Satz jemals gesprochen oder geschrieben hat.
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Zumindest ein Churchill-Zitat aber ist belegt, da im englischen Unterhaus gesprochen und protokolliert. Als sich Lady Astor über den knarzig-gehässigen Churchill ärgerte, wurde sie buchstäblich giftig: »Wenn ich mit dir verheiratet wäre, würde ich dir Gift in den Kaffee schütten.« Churchill: »Wenn ich mit dir verheiratet wäre, Nancy, würde ich ihn trinken.« – Aber das ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle