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Sport-Stammtisch (vom 22. Juni)

Der arme Guardiola. Solch eine Fallhöhe gab es noch nie. Zumindest nicht im Sport. »Der beste Trainer der Welt wird Oberbayer«, kriegt sich selbst die alte Tante »Zeit« nicht mehr ein und wirft sich ihm mit einem umfangreichen »Dossier« zu Füßen. Wie soll dieser Mann, der nächste Woche in München als Messias empfangen wird, den Erwartungen auch nur ansatzweise gerecht werden? Zumal diese bereits unüberbietbar von dem erfüllt worden sind, der sich gerade erst verabschiedet hat?
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Warum ist Pep Guardiola der beste Trainer der Welt? Weil er in Barcelona auf Cruyff bauen konnte, der den »Barca«-Stil erfunden hat? Auf Xavi und Iniesta, deren kluges und ein wenig langweiliges Monoton-Tocktocktock erst durch den Genialitäts-Irrwisch Messi Einmaligkeitsgröße erreichte? Ist Guardiola der beste Trainer Welt? Abgesehen davon, dass solche Weihrauch-Titel nur vernebeln (wer war 1990 der beste Trainer der Welt? Beckenbauer? Vogts!), wird all das, was Guardiola zugefallen ist und zugeschrieben wird, erst in München auf den Prüfstand gestellt.
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Dass ausgerechnet die »Zeit«, früher des fußballerischen Überschwangs unverdächtig, kräftig mithyperventiliert, ist kein Zufall, sondern Methode: Seit dem »Sommermärchen« 2006 boomt die intellektuelle Überhöhung des einstigen Proletensports, und da passt Pep Guardiola bestens in Bild: Der Mann soll gut Freund sein mit hoch angesehenen Ökonomen, Politikern, Schriftstellern und sonstigen Weltweisen, und da er selbst so gut wie keine Interviews gibt, lässt sich mit und an ihm prächtig spekulieren und intellektualisieren.
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Und dann zieht die alte Tante »Zeit« sogar Stöckelschuhe an und stolziert auf den kulturgesellschaftlichen Boulevard: »Der Fußball hat auch das Männerbild verändert, tiefgreifender als die Mode, das Kino oder die Literatur. Männer wurden weicher, sanfter, seit Spieler wie David Beckham ihren Namen an Parfumlinien verleihen. Der fast kahl rasierte Guardiola, der mit Anfang 40 markanter und attraktiver als mit 25 aussieht, erscheint da noch als Steigerung. Schön mit Hirn.« – Weia, das geht gewaltig ins Höschen!
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Apart auch, dass der Ex-Bochumer Thomas Christiansen, der mit 18 zusammen mit Guardiola in Barcelonas Reserve gekickt hat und später sein »Nachbar« wurde (schlappe 30 Kilometer entfernt wohnend), in der »Zeit« als Pep-Experte ausführlich zu Wort kommt. Referenz: Er kenne sich schließlich bestens in Deutschland aus, daher habe er sich Guardiola auch als Assistent angeboten. Dass er nicht einmal eine Antwort erhielt, spielt dann keine Rolle mehr.
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Der arme Guardiola. Wahrscheinlich ist er wirklich ein herausragender Trainer, ein angenehmer und kluger Mensch, eine große Persönlichkeit. Er will und kann kein Messias sein, aber selbst ein Messias könnte die Erwartungen nicht erfüllen, die an Guardiola geknüpft werden.
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Der deutsche Fußball war drauf und dran, auf Guardiola-Fallhöhe empor geschrieben zu werden, aber er ist gerade noch rechtzeitig platt auf den Bauch geklatscht. Die 0:1-Niederlage des deutschen Nachwuchses gegen Spanien, eine der höchsten 0:1-Niederlagen überhaupt, tut zwar weh, viel schmerzhafter wäre es aber, wenn der Fußball-Ballon bis zur WM weiter steigen und dann zerplatzen würde. Was Bayern München und auch Borussia Dortmund in dieser Saison geleistet haben, bleibt im Wortsinn einmalig. Neue Saison, neues Spiel, neues Glück. Guardiola und der deutsche Fußball müssen viel Schwein haben, um diese Saison ungeschlachtet zu überstehen.
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Apropos Schwein. Zur Ehrenrettung der Fußball-Überhöher sei erwähnt, dass sie noch nicht die lyrische Höhe der Fleischwirtschaft erreicht haben. Gerne erinnere ich mich an den schweinernen Höhepunkt deutschen Werbe-Schaffens: »Frikadellen sind der Hit / Bist du nicht unser Brät-Pitt?« Auf der IFFA, der internationalen Leitmesse der Fleischwirtschaft in Frankfurt, wurde nun kürzlich nach Messe-Events wie »Meat Vision Congress« oder »Meat and Style« die Abschluss-Gala »Spirit of Meat« gefeiert. – Liebe Fußball-Interpreten in den Feuilletons: Nehmt euch daran ein Beispiel! Ersetzt »Meat« nur durch »Soccer«.
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In diesem Zusammenhang und kurz vor dem  Höhepunkt der Grillsaison wiederhole ich gerne den Warnhinweis: »Das verfressene Schwein nimmt bei guter Futterlage schnell zu.« Gelesen in einer Landwirtschafts-Fachzeitschrift. Oder war’s im Protokoll einer Partnerschaftsberatung? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle