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Montagsthemen (vom 17. Juni)

Es begab sich zu der Zeit, als »Raider« zu »Twix« und »Prince« zum »Symbol« wurde, dass die Military sich aus Imagegründen in Vielseitigkeitsreiten umtaufte. Mittlerweile heißt das »Symbol« wieder »Prince«, »Raider« taucht wieder auf, nur Buschreiten, egal ob Military oder Vielseitigkeit genannt, bleibt eine manchmal einschläfernde Sportart. Vor allem für Pferde.
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Luhmühlen gibt den Anlass, meinen alten Kalauer aufzuwärmen. Aber die Mili… die Vielseitigkeitsreiter haben Glück im Unglück: Die Distanzreiter üben Solidarität, lenken ab und ziehen die Pfeile der Tier- und Sportschützer auf sich: »Nirgendwo sonst im Reitsport sterben so viele Pferde, wird so unverfroren gedopt und so offensichtlich betrogen« (Süddeutsche Zeitung).
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Hübsch auch, dass der Regent von Dubai, Besitzer von ein paar tausend Arabern (in diesem Fall: Pferde) und Weltmeister im 160-km-Distanzritt, schon wegen Anabolika-Dopings (in diesem Fall: an Pferden) gesperrt wurde und eine seiner beiden Ehefrauen als Präsidentin dem Weltreiterverband vorsteht.
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Die Reiter sorgen sich stets um ihre Akzeptanz beim zimperlichen Publikum außerhalb des inneren rustikalen Horsemen-Zirkels, und sie können so gar nicht verstehen, warum nicht alle Welt ihren Sport einfach nur toll findet. Und dann propagieren sie, schon mit der Mili… der Vielseitigkeit als Handicap am Huf, auch noch das Distanzreiten, bei dem einmal nach 160 Kilometern und mehr als neun Stunden der 16-jährige Sohn eines Scheichs gewann, auf einem Pferd, auf dem er erstmals saß, und nach einem Rennen, bei dem zwei tote Pferde buchstäblich auf der Strecke blieben. Manche von ihnen müsste man barren, bis ihre Reiter-Beine bluten!
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In der FAZ las ich dieser Tage ein großes Interview mit Erik Zabel. Leider kam am Schluss in Form einer Feststellung die übliche Frage: »Ihre Doping-Beichte bezog sich auf das Jahre 1996. Demnach haben Sie die Tour (…) dreizehn Mal ungedopt bestritten.« Zabel, zuvor sehr ausführlich antwortend, sagt nur: »Ja.« Ich sage dazu nur das, was ich schon 1988 am Tag nach dem Ben-Johnson-SuperGAU geschrieben habe: »Unmoralisch ist die Gretchen-Frage der Moralischen an den Sportler, ob er dopt. Unmoralisch, weil die Antwort keinen Informationswert besitzt und den Befragten in eine peinliche Situation bringt. Welcher Lehrer würde in einer Schulklasse von 13-Jährigen die Frage stellen, wer schon einmal onaniert habe? Alle würden nein sagen, niemandem würde geglaubt, selbst den wenigen keuschen Ausnahmen nicht.« – Einschränkung 2013: Das gilt nur für Anabolika und später EPO, so dass die historische Wahrheit von Jan Ullrich verallgemeinert werden kann: Niemand hat einen Konkurrenten betrogen. Damals. Aus rein sportlicher Sicht hat sich alles zum Schlechteren gewandelt, denn heute, da nicht mehr alle, sondern (wie?) viele dopen,  ist der Betrug am Konkurrenten allgegenwärtig.
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Themen- und Szenenwechsel: Taksim-Platz in Istanbul, Keimzelle politisch-gesellschaftlicher Öffnung eines Landes? Vorsicht, siehe Ägypten. Vor zwei Jahren unkte ich nach einer Ägyptenreise, dass »das Volk Mubarak weg haben will, aber noch nicht weiß, was es stattdessen will, aber sicher nicht das, was wir wollen, dass die Ägypter es wollen sollen«. Eindruck einer Istanbulreise vor einigen Monaten: Der Taksim-Platz im Stadtteil Galata ist der In-Platz einer westlich geprägten Stadtszene. Wenn man aber auf der noch angesagteren, quirligen, proppenvollen Straße zwischen Taksim und Galata-Turm in Nebensträßchen abbiegt oder gar durch die komplett gegensätzliche, sehr islamische Szenerie in anderen Stadtteilen wandert, erlebt man schlagartigen Stimmungs- und Szenenwechsel. Alles nicht so einfach. Vor allem für die Türken.
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Auch wir Jungs haben es nicht so einfach. Vor ein paar Tagen erst habe ich in dieser Kolumne über den Gender-Boom geulkt und dessen Maxime, Unterschiede zwischen Mann und Frau seien nicht angeboren, sondern anerzogen. Jetzt kommt mir zwar der unaufgeregt nüchterne Stand der Forschung entgegen, der besagt, dass nicht nur Körperliches, sondern auch Geistiges, also die Intelligenz, »weitgehend angeboren« (SZ) ist. Aber das kommt mir als Mann leider nur scheinbar entgegen, denn es beweist meine alte Befürchtung: Mädchen sind einfach von Natur aus klüger.
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Und stärker. Selbst – nein: vor allem – die Zartesten können uns am ausgestreckten Arm verhungern lassen, ohne mit der Wimper oder einer Muskelfaser zu zucken. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle